Afghanistan

War da was?

Afghanistan steuert auf eine humanitäre und politische Katastrophe zu. Darüber muss gesprochen werden.

Von Thomas Rudhof-Seibert

Wer erinnert aus dem August 2021 noch das Foto, auf dem ein Mensch in die Tiefe stürzt, der sich an ein startendes Flugzeug geklammert hatte? Ein Mensch, der jetzt nur noch ein kleiner, vom Himmel torkelnder Punkt war? Wer denkt noch an all‘ die anderen Bilder aus Kabul, die Bilder von der Menge, die verzweifelt versucht, in den Flughafen zu gelangen? Afghanistan, das ist offensichtlich, ist keine Meldung mehr wert. Nicht mal als Randglosse in der Nachrichtenflut zur Omikron-Mutation, die sich natürlich auch dort verbreitet, in einem Land, in dem mit allem anderen auch das Gesundheitssystem kollabiert. Auf null kollabiert.

Beim Recherchieren im Netz blieben mir im Grunde nur amerikanische Quellen, und natürlich Al Jazeera: deutsche Medien berichteten nur von der neuen Ministerin des Auswärtigen Amts, die bekräftige, dass Deutschland aus Afghanistan nur die Menschen aufnehmen wird, die es bis Ende August auf deutsche Listen geschafft haben. Von denen, das war von der Ministerin zu erfahren, sei die Mehrzahl noch im Land.

Im freien Fall

Wechseln wir das Tempo. Wie im November schon vermeldet, rechnen die Vereinten Nationen mit einer ungeheuren humanitären Katastrophe. Da die nach mehrjähriger Dürre sowieso eher ärmliche Ernte des vergangenen Jahrs zum größten Teil verloren ging, seien 23 der 55 Millionen Afghan:innen, darunter 5 Millionen Kinder, lebensbedrohlichem Hunger ausgesetzt. Zum Hunger kommen im Winter die Kälte und beißende Winde, ebenfalls Millionen bedrohend, besonders die mehreren Zehntausend, die während der Flucht der westlichen Truppen und dem Siegeszug der Taliban neu in die Flucht getrieben wurden, die Zahl derer vergrößernd, die zuvor schon Haus und Hof verloren.

Dabei treffen Hunger und Kälte ein Land, in dem der Geld- und der Güterverkehr völlig zusammengebrochen sind, weil beide seit Jahren schon nahezu vollständig an ausländischen Zuflüssen hingen, die jetzt gänzlich versiegt sind. Seit nunmehr fünf Monaten werden in Afghanistan keine Gehälter mehr ausgezahlt, auch an die Taliban-Kämpfer nicht. Deren Gewalt ist deshalb nicht mehr nur politisch-religiös motiviert, sondern dient zunehmend auch dem Raub von Gütern zur Bestreitung des eigenen Lebensunterhalts.

Aufs Letzte zu

Das ändert allerdings nichts daran, dass die bewaffneten Koranschüler im Ganzen eine radikal politische Kraft sind: radikal in einem Maß, das in den meisten Ländern dieser Welt unvergleichlich ist. So ließ Mullah Mohammed Hassan Akhund, ihr regierender Premierminister, den Untertanen seines Islamischen Emirats mitteilen, dass sie sich in den Überlebensfragen des Brotes und der Unterkunft direkt an Allah wenden sollen – die Taliban hätten ihnen die Freiheit gebracht, das allein sei ihre Aufgabe.

Der Premierminister der Rechtgläubigen spricht damit in aller Offenheit aus, was in den nächsten Wochen und Monaten geschehen kann. Tatsächlich könnte es in Afghanistan mit der humanitären auch zu einer politischen Katastrophe kommen. Zugleich unfähig und unwillig zum Führen von „Regierungsgeschäften“ könnten die Taliban sich willentlich an ihren eigenen glorreichen Untergang machen und diesen Untergang zugleich zur nationalen „Endlösung“ machen: zum wortwörtlich finalen Beweis ihres wahren Glaubens.

Im Weg steht einer solchen Katastrophe allein nur der Umstand, dass die Bewegung selbst gespalten ist, dass noch nicht ausgefochten ist, wer sie führen und was ihr letztes Ziel sein wird. Deshalb gibt es neben Äußerungen wie der eben zitierten Erklärung des Mullah Akhund auch Versicherungen, dass man sich an Recht und Gesetz und dabei auch an die Menschen- und Frauenrechte halten werde. Deshalb werden internationale Hilfsorganisationen um die Fortführung ihrer Arbeit gebeten. Deshalb fordern die Taliban die Freigabe der eingefrorenen finanziellen Ressourcen des Landes. Deshalb nicht zuletzt ihre Forderung, weltweit als legitime Regierung anerkannt zu werden. Deshalb ihr Bemühen um die Unterstützung voran der Organisation der Islamischen Staaten, innerhalb derer Pakistan nach wie vor ihr entschiedenster Fürsprecher ist. All dies ist von Teilen der Taliban ernst gemeint – während es in der Bewegung zugleich Kräfte gibt, die in solchen Bemühungen den Verrat an ihrer heiligen Sache sehen.

Die Tiefengrammatik des Konflikts

Im Fluss der Dinge liegt zunächst einmal der schnell sich vertiefende Sturz in die humanitäre und politische Krise. Von der millionenfachen Lebensbedrohlichkeit des Hungers wie der Kälte sowie des systematischen ökonomischen Kollaps ist seit November schon die Rede: die Lage ist seither schlimmer geworden, sie wird schlimmer werden. Politisch spricht vieles für den Sieg der radikalen Kräfte. So setzen sich Regierung und militärisches Kommando der Taliban in klarer Mehrheit aus Männern zusammen, auf die weltweit hoher Kopfgelder wegen nachweislich schwerer Verbrechen gegen Kriegs- und Menschenrecht ausgesetzt sind: ein Deal mit ihnen ist international eigentlich niemandem möglich.

Das Regime entspricht dem in Wort und Tat. Frauen sind aus öffentlichen Ämtern entfernt. Mädchen ist der Zugang zu weiterführender Bildung versperrt. Die Bewegungsfreiheit von Frauen und Mädchen ist jetzt auch formell massiv eingeschränkt: längere Strecken sind in ihnen wenn überhaupt dann nur noch in männlicher Begleitung möglich. Verschleierung ist ausnahmslos Pflicht. Gewaltsame Übergriffe sind an der Tagesordnung, im Dezember bereits waren über 100 Tote nachgewiesen. Die Angehörigen der ethnisch-religiösen Minderheiten, vor allem die Hazara, werden systematisch bedroht, oft direkt angegriffen, es kommt zu Verhaftungen, Verschleppungen, Folterungen, zu gewaltsamen Vertreibungen und Umsiedlung, zu aggressiven Landnahmen seitens der Paschtunen, der vorherrschenden ethnischen Gruppe.

Ebenso klar ist, dass die Taliban entgegen verschiedener Meldungen aus dem Herbst nicht nur eine radikal sunnitische, sondern auch eine allein paschtunische Kraft sind. Besonders gefährdet sind dabei allerdings nicht nur Afghan:innen nicht-paschtunischen Hintergrunds, sondern ausnahmslos alle Individuen, die den Sicherheitskräften des zusammengebrochenen Staates angehörten, hinzu überhaupt alle, die in welcher Stellung auch immer für diesen Staat tätig waren.

In all‘ dem zeigt sich, dass die dreifache Tiefengrammatik des afghanischen Konflikts ungebrochen fortwirkt: der ethnische Konflikt zwischen der paschtunischen Mehrheit gegen alle anderen, und der Konflikt der Männer gegen ausnahmslos alle Frauen, der Konflikt zwischen Stadt und Land. Nichts davon ist zu ende, und deshalb treibt die Gewalt konsequent auf ihr Ende. Eigentlich gibt es da nichts zu verhandeln, weder mit den Taliban noch unter den Taliban. Dem entspricht zuletzt die systematische Einschränkung, tendenziell die Abschaffung von Öffentlichkeit. Verboten wurden nicht nur der von Frauen für Frauen betriebene Sender Baano TV, sondern 231 von 543 der Medienkanälen. 6400 Journalist:innen haben ihre Stellung verloren, viele wurden und sind Opfer gezielt auch physischer Gewalt. Neue Filme, so es sie überhaupt geben wird, dürfen Frauen keine Rolle mehr einräumen. Nur konsequent zuletzt, dass die unabhängige Wahlkommission aufgelöst wurde: für sie gebe es jetzt, so ein Taliban-Sprecher, „keine Verwendung mehr“.

Widerstand und Verhandlungen

Noch allerdings ist die Taliban, das heißt die männlich-paschtunische Herrschaft, nicht unbestritten. Immer wieder kommt es zu Anschlägen, viele davon seitens des Islamischen Staats, andere ohne eindeutige Verantwortliche. Auch wenn die Taliban ihr jede Bedeutung abspricht, soll die vom früheren Vizepräsidenten Amrullah Saleh und von Ahmad Masud, dem Sohn des populären Mujaheddinführers Ahmad Shah Masud, gegründete National Resistance Front (NRF) verstärkt Zulauf von jungen Männern aus allen Teilen des Landes haben: sogar von Männern paschtunischen Hintergrunds. Zumindest nach eigenen Angaben verfügt die NRF über 17 örtliche Basen, vor allem im Pandschirtal.

Zugleich kommt es nach wie vor zu aufsehenerregenden, wenn auch sofort gewaltsam beendeten zivilen Protesten. So gelang am 28. Dezember in Kabul dreißig Frauen ein friedlicher Protestmarsch, der von Taliban-Kämpfern erst nach mehreren hundert Metern gestoppt wurde. Die namentlich genannte Demonstrantin Laila Basam verlas eine Erklärung, in der sie für ihre Mitstreiterinnen wörtlich verlangte, dass „die kriminelle Maschinerie der Taliban gestoppt“ werden müsse. Begleitende Journalist:innen wurden festgenommen, ihrer Kameras beraubt, das Filmmaterial zerstört.

Der bewaffnete Widerstand und der zivile Protest stellen dieselben Forderungen. Menschen-, Frauen- und Minderheitenrechte müssen geschützt werden. Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sollen gelten. Eine inklusive Übergangsregierung soll an die Stelle des Taliban-Regimes treten. Freie Wahlen. Dezentralisierung und Kommunalisierung der Sicherheit.

Die USA haben gerade beschlossen, einen Teil der eingefrorenen afghanischen Ressourcen freizugeben. Zunehmender Hunger, zunehmende Kälte und steigende Todeszahlen werden weitere Lockerungen unumgänglich machen. Solange es trotz alledem Afghan:innen gibt, die sich hinter den eben genannten Forderungen versammeln, bleiben sie politisch verbindlich: auch und gerade, wenn es Verhandlungen mit den Taliban gibt. Und selbstverständlich sollte sein, dass Afghan:innen, die es irgendwie hierher schaffen, die Ankunft und der Aufenthalt hier zu garantieren ist. Über die Listen hinaus, die zynischer Weise im August schon geschlossen wurden. Dazu muss von Afghanistan wieder gesprochen werden.

Veröffentlicht am 03. Januar 2022
Thomas Rudhof-Seibert

Autor Thomas Rudhof-Seibert

Thomas Rudhof-Seibert ist in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international zuständig für Südasien und Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne; weitere Texte zugänglich auch unter www.thomasseibert.de

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