Im Angesicht des Krieges

Syrien im Herzen

Als es noch Hoffnung auf einen SIeg der Revolution gab: Demonstration in Syrien. (Foto: Freedom House, flickr, CC BY 2.0)
Angriffe auf Afrin und Ost-Ghouta am 30. Jahrestag von Halabdscha. Und eine Veranstaltung, die trotzdem Hoffnung macht. Von Katja Maurer

Heute, am 30. Jahrestag des Giftgasanschlags auf die kurdische Stadt Halabdscha im Nordirak, bei dem mehrere tausend Menschen ums Leben kamen, stehen türkische Panzer vor der kurdischen Stadt Afrin in Nordsyrien. Die Panzer sind made in Germany, so wie damals wichtige Bestandteile des Giftgases aus deutscher Produktion stammten. Die Geschichte wiederholt sich und dieses Mal leider nicht als Farce.

Unterdessen flimmern Bilder von Flüchtenden aus Afrin und Ost-Ghouta in unsere Wohnzimmer. Sie erwecken den Eindruck, als gäbe es noch einen sicheren Ort, wohin die Menschen aus Syrien fliehen könnten. Sie beruhigen vor allen Dingen uns, die Zuschauerinnen eines Krieges, in dem jede Menschlichkeit verloren gegangen ist. Wir glauben vielleicht, dass diese Flucht für die Menschen in Afrin und Ost-Ghouta noch eine Option wäre. Denn es gibt keinen sicheren Ort mehr. Im Gegenteil, das kurdische Afrin in Nordsyrien war bis kurz vor den Angriffen der Türkei Fluchtpunkt und wuchs auf 800.000 Bewohnerinnen und Bewohner an, von denen viele bleiben und bleiben müssen. Auch in Ost-Ghouta sieht das ähnlich aus. In Erbin, einer seit Jahren belagerten und immer wieder bombardierten Stadt Ost-Ghoutas am Rande von Damaskus, lebten bis vor kurzem noch 50.000 Menschen, jetzt sind es wieder 100.000. Die sogenannten „humanitären Korridore“, die Russland preist, erweisen sich allzu oft als Fallen. Vor allen Dingen für junge Männer, die sofort für die syrische Armee rekrutiert werden und ohne Ausbildung in den Kampf und den fast sicheren Tod geschickt werden. Es ist ein Krieg, der noch viele Rekruten braucht.

Die Nato hat andere Probleme?

Erdogan und die türkische Armee werden im Norden Syriens schlimme Dinge anrichten. Sie tun es schon. Wenn der Häuserkampf beginnt und Hunderttausende in Afrin kein Wegkommen haben, kann sich jeder vorstellen, was passieren wird. Während die Nato-Staaten zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen, um sich wegen des Giftgasanschlages gegen einen russischen Doppelagenten und seine Tochter in London zu beraten, gibt es keine Sitzung angesichts des türkischen Vorgehens in Afrin, immerhin Handlungen eines Nato-Staates. Stattdessen überwies die Bundesregierung drei Milliarden Euro, die im Flüchtlingsdeal mit der Türkei festgelegt waren. Und entgegen aller Dementis ist wohl klar, dass in den letzten Wochen der alten Bundesregierung Rüstungsexporte an die Türkei genehmigt wurden.

medico unterstützt kurdische Ärzte in Rojava. Und noch immer gelingt es, Mittel an das Lokale Komitee in Erbin zu übergeben, um die Bunker zu sichern, zu denen die Untergrundschulen umfunktioniert wurden. Richtige Bemühungen, die aber nicht mehr sind als ein Tropfen auf den heißen Stein. Solidarität, Empathie und zur Kenntnisnahme dessen, was sich gerade in Syrien vollzieht, ist das Einzige, was die Menschlichkeit vor die Gleichgültigkeit setzt.

Syrer erzählen

Deshalb will dieser Blog inmitten der Katastrophe ein kleines Feuer der Hoffnung entzünden. Am Montag, den 12. März, fand im medico-Haus eine Veranstaltung mit der Berliner Syrien-Solidaritätsorganisation „adopt a revolution“ statt. Medico und adopt arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Der Titel schien angesichts der Katastrophe aus der Zeit gefallen: „Kein Blick zurück – Perspektiven auf die syrische Revolution“.
 

Der Palästinenser Mohammad Abou Chucker, der Kurde Bhzad Dhir und der Erbiner Abdulsatter Sharaf – alle drei aus Syrien, aber mit unterschiedlichen Blickwinkeln, erzählen ihre Geschichte. Dazwischen Sabine Bischoff und Maria Hartmann von "adopt a revolution". (Foto: medico)

Kann man angesichts der syrischen Verheerungen noch auf die emanzipatorischen Prozesse, die am Anfang standen, schauen, ohne die weitere Entwicklung in den Blick zu nehmen? Ich habe gelernt, man kann nicht nur, man muss. Es war beeindruckend, wie der Palästinenser Mohammad Abou Chucker, der Kurde Bhzad Dhir und Erbiner Abdulsatter Sharaf – alle drei aus Syrien, aber mit unterschiedlichen Blickwinkeln, ihre Geschichte erzählten. Vor allen Dingen, wie sie mit der syrischen Revolution und dem arabischen Frühling Freiheit geschmeckt, andere Beziehungen gelebt und freies Denken gelernt haben. Sie alle teilten trotz der Unterschiede in ihren politischen Sozialisationen diese Treue gegenüber dem ursprünglichen revolutionären Anliegen nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Mohammad Abou Chucker berichtete, wie er plötzlich verstanden habe, das er mit seinem palästinensischen Schicksal „nichts weiter als eine Karte in Assads Spiel“ gewesen sei. Zuvor habe ihn nur die palästinensische Sache interessiert. In der Revolution sei er auch zum Syrer geworden. Auch deshalb, weil viele tausend Palästinenserinnen und Palästinenser in Syrien verhaftet und ermordet wurden oder verschwunden sind. Die offizielle Solidarität mit den Palästinensern erwies sich in der Wirklichkeit als purer Zynismus.

Bhzad Dhir hingegen machte auf die Gründe für die vorsichtige Distanz der Kurden gegenüber dem arabischen Frühling aufmerksam. Im kollektiven Gedächtnis der Kurden gibt es die Erfahrung, dass der arabische Nationalismus auch in der Opposition gern antikurdische Ausprägung haben könne. Hinzu komme die Praxis des syrischen Regimes, die im Sprachverbot für Kurdisch genauso wie in gezielter Ansiedlung arabischer Bevölkerung in den kurdischen Gebieten bestand. Etwas, was Erdogan nach seinem „Sieg“ fortsetzen möchte. Die „Rückführung“ syrischer Flüchtlinge in die kurdischen Gebieten ist schon angekündigt. Aber Bhzad Dhir, der natürlich auch fließend arabisch spricht, erzählte, wie er mit syrisch-arabischen Freunden in den kurzen Monaten der Revolution ein gemeinsames kurdisch-arabisches Komitee gegründet habe, um eine Beteiligung an dem emanzipatorischen Versuch zu ermöglichen.

In der Parallelität der Ereignisse in Ost-Ghouta und in Afrin entsteht heute ein Verständnis für die Gemeinsamkeiten. Abdulsatter Sharaf, der Revolutionär aus Erbin, sagte, jeder in Ost-Ghouta verstehe, dass der türkische Einmarsch in die kurdische Gebiete um Afrin und die Angriffe der russischen und der syrischen Armee in Ost-Ghouta nur zusammen zu denken sind. Die Türken hätten ihre Unterstützung für die Rebellengruppen in Ost-Ghouta aufgeben, dafür hätten die Russen sich aus Afrin zurückgezogen und der türkischen Armee einen Freifahrtschein erteilt. Da könne man nur gegenseitig solidarisch sein, meinte Abdulsatter Sharaf. Das war durchaus ein besonderer Moment bar jedes Nationalismus`.

Die gut besuchte Veranstaltung, bei der viele junge Leute auf dem Podium und im Publikum saßen, war deshalb so wichtig, weil hier alle ein Zeichen gegen das „Nicht-Wissen-Wollen“ setzten. Und vielleicht, so bleibt zu hoffen, haben viele mehr erfahren, als sie zuvor erwartetet hatten. Zum Beispiel, dass es hinter das, was die syrische Revolution bei jedem einzelnen der Beteiligten ausgelöst hat, kein Zurück mehr gibt. Die Biographien haben sich neu geschrieben. Jetzt ist diese Generation im Exil, viele in Deutschland. Dass „adopt a revolution“ – und in diesem Fall auch medico - diesen Stimmen und Erfahrungen einen Raum gibt, ist deshalb außerordentlich bedeutsam. Denn mit diesen Kollegen, Bekannten und Freunden lässt sich über die Ereignisse im Nahen Osten nicht mehr reden als wären sie eine ferne lästige Angelegenheit.


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