Gesundheit in Nordsyrien

Sisyphusarbeit zwischen den Fronten

In Idlib und Rojava trifft der Krieg immer wieder auch die Gesundheitsinfrastruktur. medico-Partnerorganisationen setzen ihre Arbeit jedoch unbeirrt fort – in Krankenhäusern, mit mobilen Kliniken in Flüchtlingslagern und einem Frauenzentrum.

Von Anita Starosta

Es ist das zehnte Kriegsjahr in Syrien. Weiterhin sind zivile Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser Ziele in einem zähen Konflikt. Ob syrisch-russische Luftwaffe, islamistische Milizen oder türkisches Militär – in den umkämpften Gebieten im Norden des Landes ist die Gesundheitsversorgung fast vollkommen zerstört worden. Dort, wo sie mühsam wiederaufgebaut wird, kommt es oft zu herben Rückschlägen durch militärische Angriffe. Leidtragend ist die nordsyrische Bevölkerung, die auf diese Versorgung angewiesen ist. Die medico-Partnerorganisationen in Nordsyrien wie der Kurdische Rote Halbmond in Rojava oder das Frauenzentrum in Idlib-Stadt tun unter schwierigsten Bedingungen alles dafür, die Versorgung der Bevölkerung selbstorganisiert und mit begrenzten Ressourcen sicherzustellen, sei es durch medizinische Noteinsätze in Krisengebieten, sei es durch Beratungsangebote und Flüchtlingshilfe oder aktuell durch Präventionsmaßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19. Sie tun das eingekeilt zwischen den Bedrohungen durch die türkische Armee auf der einen und dem syrischen Regime auf der anderen Seite. Von einer Normalisierung, wie sie hierzulande zunehmend besprochen bis beschworen wird, ist die Region jedenfalls weit entfernt.

Idlib: Anlaufstelle Frauenzentrum

„Hier gibt es keine Sicherheit“, sagt Huda Khayti, Mitbegründerin des Frauenzentrums in Idlib-Stadt. Sie selbst war erst 2018 mit anderen demokratischen Oppositionellen, darunter medico-Partner*innen aus Erbin und Duma, hierher evakuiert worden. Sie kannte die Provinz nicht, wusste aber, dass Assad früher oder später versuchen würde, die letzte Rebellenhochburg Syriens einzunehmen. Trotzdem gründete sie das Zentrum, in dem Frauen Zugang zu Bildung, Rechtsberatung und psychosozialer Unterstützung erhalten. Im Frühjahr 2019 holte der Krieg sie wieder ein, die syrische Armee mit Unterstützung russischer und pro-iranischer Einheiten begann ihre Offensive. Die Mitarbeiterinnen im Zentrum versorgten viele Familien, die vor den Bomben flohen. Die meisten der Frauen sind traumatisiert, viele haben Gewalterfahrungen gemacht. Und häufig sind sie alleine für die Versorgung der Familie zuständig. In dem Frauenzentrum finden sie eine Anlaufstelle und können sich Rat holen. Wie lange das noch gehen wird, weiß niemand, zu ungewiss ist das weitere Kriegsgeschehen.

Hunderttausende haben die Region angesichts der Kämpfe in Richtung türkischer Grenze zu verlassen versucht. Sicherheit haben die wenigsten gefunden. Und der Winter erwies sich für viele Menschen auf der Flucht als tödlich. In den überfüllten Flüchtlingslagern im Norden Idlibs verschlechterten sich die Unterbringungsmöglichkeiten dramatisch, Kinder erfroren. Nach einer erneuten Eskalation und Gebietskämpfen wurde zwischen der Türkei und Russland eine fragile Waffenruhe geschlossen. Zwar gibt es eine Atempause für die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung. Allerdings leben weiterhin 1,7 Millionen Menschen in überfüllten Lagern und provisorischen Behausungen, ohne Aussicht auf Verbesserung. Sie sind zum Spielball internationaler Machtpolitik geworden. Bis heute weigert sich die Türkei, die Grenze nach Syrien zu öffnen und nach einer humanitären Lösung für diese Menschen zu suchen. Internationaler Druck auf die maßgeblichen Kriegsparteien Russland, Türkei und Machthaber Assad und eine gemeinsame, dauerhafte und europaweite Lösung zum Umgang mit den Millionen Geflüchteten, wären daher wichtig. Doch stattdessen versprechen Bundesregierung und EU lieber weitere Millionen Euro für die Versorgung der Flüchtlinge vor Ort, also weit weg, mitten im schwelenden Krieg.

Rojava: Selbsthilfe unter Beschuss

Weiter östlich in dem Gebiet der autonomen Selbstverwaltung, auch Rojava genannt, reifen die Erfolge des selbstorganisierten Gesellschaftsmodells auch im Bereich der Gesundheitsversorgung. Die schlechte öffentliche Gesundheitsversorgung zu Assad-Zeiten und das im Krieg nahezu zerstörte Gesundheitswesen – neun von elf Krankenhäusern in der Region wurden Opfer der Angriffe von IS und Türkei – hat die Selbstverwaltung in den letzten Jahren mühsam wiederaufgebaut. Seit Beginn des demokratischen Projekts unterstützt medico diese Prozesse über Partnerorganisationen wie den Kurdischen Roten Halbmond. Dieser ist in jeder Krisensituation im Einsatz, die Nothelfer*innen bergen Verletzte aus Kriegstrümmern und kümmern sich um die Versorgung von 600.000 Binnenvertriebenen in Flüchtlingslagern sowie von Hunderttausenden Hilfebedürftigen in informellen Ansiedlungen und Camps. Eine besondere Herausforderung ist der Umgang mit den immer noch knapp 10.000 ausländischen IS-Anhänger*innen, darunter auch deutsche Staatsbürger*innen. Trotz dringender Appelle, auch von medico, weigert sich die Bundesregierung, der eigenen Verantwortung nachzukommen, diese nach Deutschland zu holen und die lokalen Strukturen dadurch zu entlasten.

Das internationale Versagen hinsichtlich Rojava hat viele Gesichter. Mit einer wirklichen Unterstützung der Staatengemeinschaft kann die autonome Selbstverwaltung auch im Hinblick auf die Bedrohung durch das türkische Militär auf der anderen Seite der 900 Kilometer langen Grenzmauer nicht zählen. So treffen Angriffe auch immer wieder die Gesundheitsinfrastruktur. Im März 2018 eroberte die türkische Armee in einer völkerrechtswidrigen Militäroperation die kurdische Region Afrin, die Luftwaffe zerstörte das von medico unterstützte einzige Krankenhaus in der Region. Bei der neuerlich völkerrechtswidrigen Offensive im Oktober 2019 wurden nicht nur die Nothelfer*innen des Kurdischen Halbmondes mehrfach gezielt angegriffen. Auch das Krankenhaus in Serê Kaniyê (Ras al Ain) wurde von islamistischen, türkeinahen Söldnertruppen eingenommen. Nun liegt es in dem von der Türkei besetzten Gebiet. Besonders dramatisch: In diesem Krankenhaus befinden sich die einzigen zwei PCR-Geräte in Nordostsyrien, mit denen Patient*innen auf Covid-19 getestet werden können.

Die Bedrohung durch die Corona-Pandemie führt noch einmal vor Augen, wie fragil die Gesundheitsversorgung und wie prekär die Situation Millionen Geflüchteter in Nordsyrien ist. In den Flüchtlingslagern und informellen Siedlungen ist Distanz wahren ebenso wenig möglich wie die Einhaltung erforderlicher Hygienemaßnahmen. Die medico-Partner*innen in Idlib und in Rojava tun, was sie können. Sie geben Verhaltenskurse und verteilen Hygienekits in Flüchtlingslagern. Allen ist bewusst, dass die Ausbreitung des Virus die nächste humanitäre Katastrophe in dieser geschundenen Region bedeuten würde, die so dringend auf internationale Unterstützung angewiesen ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass Selbsthilfe am Ende oft das einzige ist, was den Menschen vor Ort bleibt.

Veröffentlicht am 13. Mai 2020

Autorin Anita Starosta

Anita Starosta ist bei medico international in der Spender*innenkommunikation tätig. Außerdem ist die Historikerin in der Öffentlichkeitsarbeit für die Türkei, Nordsyrien und den Irak zuständig.

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