Haiti

Reparatur durch Reparationen

Der Empörung über Rassismus müssen Taten folgen.

Von Katja Maurer

Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst hängt ein zerbrochener Spiegel, der mit rostigen Klammern notdürftig repariert wurde. Wer sich in dem Spiegel betrachtet, schaut nicht zuerst sich selbst an, sondern den geflickten Bruch, der einer Wunde gleicht. Das Werk stammt von dem algerisch-französischen Künstler Kader Attia, der sich in einer ganzen Reihe seiner Werke mit dem Thema der Reparatur beschäftigt hat. Bei einem Künstler wie ihm, der mit seinen verschiedenen Wohn- und Herkunftsorten auch deren koloniale und imperiale Geschichte zu seiner eigenen machte, ist darin zugleich die ganze Welt aufgehoben. Ohne Reparatur ist diese Welt nicht zu retten. Eine andere Welt entsteht nur, wenn es gelingt, die kolonialen Verbrechen der Vergangenheit ebenso wie die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nach wie vor stattfinden, zu bearbeiten. Dass Reparatur zugleich eine Absage an die Idee ist, eine heile Welt des Konsums könne die Grundlage für ein Gemeinsames sein, versteht sich von selbst.

Wenn unsere gemeinsame Chance einzig in der Reparatur besteht, dann gilt es die Bruchstellen zu finden, die in die Weltwerkstatt gehören. Dass darin eine große Wunde noch in keiner Weise verarztet wurde, zeigen die aktuellen Auseinandersetzungen um Rassismus und die andauernden Folgen des Kolonialismus. Die imperiale Welt mit ihren Kolonien hat ihre Siedler*innen entschädigt, wenn sie in der Entkolonialisierung ihre Besitztümer aufgeben mussten, nicht aber die kolonisierten, versklavten Bevölkerungsgruppen. Besonders gut dokumentiert und durchgerechnet ist dies im Fall Haiti. Über hundert Jahre lang zahlten die Haitianer*innen an Frankreich Entschädigungen für den entgangenen Gewinn aus Sklavenarbeit. Dem französischen Ökonomen Thomas Piketty zufolge etwa 30 Milliarden Euro, exklusive der bezahlten Zinsen. Piketty forderte daher kürzlich, dass die unrechtmäßig verlangten Gelder an Haiti zurückgezahlt werden. Auch von den Hereros aus Namibia gibt es an Deutschland gerichtete Entschädigungsforderungen, die bislang brüsk abgewiesen wurden.

Es ist an der Zeit, eine Kampagne für Entschädigungen und Rückgabe etwa der geraubten Kulturgüter ins Leben zu rufen. Den Erklärungen gegen Rassismus müssen Taten folgen, sollen sie nicht nur wohlfeil sein. Europa muss Verantwortung für seine koloniale Geschichte übernehmen. Das hätte tiefgreifende Folgen, nicht zuletzt für unsere imperiale Lebensweise. Aber es wäre eine Reparatur, die auch uns selbst heilt.


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 2/2020. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Veröffentlicht am 13. Juli 2020

Katja Maurer

Katja Maurer leitete 18 Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Heute verantwortet sie die medico-Sprache, das Rundschreiben und bloggt regelmäßig auf der medico-Website.

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