Am frühen Morgen des 19. Oktober stürzte ein Bergwerkstollen bei Kumaru in der Gegend von Nimikoro Chiefdom ein. Über hundert junge Männer hatten in den bereits seit Jahren stillgelegten Schächten nach Gold gesucht und ihr Leben verloren. Eingebrochen war der Stollen durch Explosionen im nur wenige hundert Meter entfernten aktiven Minengelände der Golden Lion-Mining Limited – Routine im industriellen Abbau.
Unter Geröll versuchten die Verschütteten ihre Familien per Handy zu erreichen. Manche riefen auch bei Golden Lion an – in der Hoffnung, dass die Firma mit Baggern kommen würde. Sie wären die Einzigen gewesen, die hätten retten können. Doch die Antwort lautete: Wir sind nicht verantwortlich. Die Mine ist stillgelegt. Nach zwei Stunden hörten die Anrufe auf.
Es gibt keine offizielle Zahl der Toten. Keine Pressemitteilung. Keinen öffentlichen Bericht. Die Familien trauern im Stillen – weil sie wissen, dass jedes öffentliche Bekenntnis die Behörden dazu veranlassen könnte, die Menschen, die informell schürfen, aus der Gegend zu vertreiben und sie damit ihr Einkommen verlieren. Die Armut zwingt sie zu schweigen.
Der Zerstörung folgt die Ausbeutung
Große Gebiete in Sierra Leone sind als Konzessionen an internationale Firmen wie Sierra Rutile Ltd, Koidu Diamonds Ltd und Golden Lion Mining vergeben. Besonders gravierend ist, dass über 40 Prozent der fruchtbaren Anbaufläche bereits an ausländische Investoren vergeben wurden, wobei dies sowohl Agrar- als auch Bergbaukonzessionen umfasste.
Kumaru liegt direkt neben dem Lizenzgebiet der chinesischen Golden Lion Mining Limited. Das Unternehmen hat die Lizenz für eines der größten Gelände erworben, in dem Gold vorkommt. Die landwirtschaftlich fruchtbare Erde wird nach und nach aufgerissen. Kumaru ist in den letzten Jahren schnell gewachsen. Lange konnte man hier von Landwirtschaft leben: Cocoyam und Reis wurde angebaut. Davon ist kaum etwas übrig. Die Erde ist ausgezehrt, Wasserquellen sind vergiftet, der Fluss ist dreckig und die Felder zerstört. „Wie sollen wir Landwirtschaft betreiben?“, fragt die Bäuerin Aissatu Sissey, „das Land ist tot.“
Das Land, von dem sie spricht, gehört eigentlich der Dorfgemeinschaft. Ihr Recht darauf wurde 2022 durch den Customary Land Rights Act gestärkt und sollte sie davor schützen, dass Konzessionen über sie hinweg an Bergbauunternehmen vergeben werden. Doch in der Praxis zeigt sich, wie schwierig die Durchsetzung ist: Mitspracherecht, faire Entschädigung und echte Beteiligung der Community stehen geduldig auf Papier.
Der Bergbau hinterlässt die Gemeinden dabei noch prekärer: Golden Lion kauft nichts vor Ort ein, betreibt eigene Kantinen, hat eine eigene Stromversorgung. Abends sitzen die Menschen in den Dörfern im Dunkeln – nur die Berghänge sind beleuchtet. Da, wo das Bergbauunternehmen sein Camp hat. Für die Arbeiter, die aus anderen Teilen des Landes kommen, gibt es eigene Wohnblocks, um nicht in Kontakt mit den Bewohner:innen der umliegenden Orte zu stehen. Nicht einmal ein Prozent von ihnen ist bei dem Unternehmen beschäftigt.
Einmal im Jahr stellt Golden Lion einen Bus und Essen für die Kinder des Dorfes, die zu Schulprüfungen in die nächstgrößere Stadt fahren müssen. Eine Geste, sagt der Youth Leader, aber kein Ausgleich für unser zerstörtes Land: „Wir brauchen Reis oder Geld. Wir brauchen Entschädigung für unser Land“, sagt der Chief. „Nicht nur einen Bus für einen Tag im Jahr.“
Durch die Zerstörung ist den Bewohner:innen von Kumaru zur Finanzierung ihres Lebens wenig mehr geblieben als der informelle Bergbau. Aus den ertragreichen Regionen wurden die Bewohner:innen durch die großen internationalen Bergbauunternehmen längst verdrängt. 90 Prozent der Flächen zwischen Manbudo und der Hauptstraße sind ausgelaugt, sagt der Chief von Kumaru. Für die Anwohner:innen bleibt deshalb nur noch übrig, dort Bergbau zu betreiben, wo Konzerne das Gelände bereits erschöpft und wieder geräumt haben.

Die Menschen schürfen in verlassenen Stollen der Golden Lion Company, auf eigene Faust, zum Teil nur mit Schaufeln oder kleineren Maschinen. Und mit den entsprechenden Gefahren und unter prekärsten Bedingungen. Eine Stunde Baggerarbeit kostet 1.000 Leones, Benzin 750 Leones. Organisiert von den Minenkomitees, in denen sich Arbeiter zur Erleichterung des Bergbaus zusammengeschlossen haben, arbeiten die Männer aus der Gemeinde zusammen in Teams. Die zur Erleichterung angemieteten kleinen Bagger gehören Geschäftsleuten aus Freetown oder Makeni. Unterverträge und Sub-Unterverträge strukturieren eine tiefe Abhängigkeit. In den Minenkomitees wird offen über Gefahren und Armut gesprochen und darüber, dass Kinder in die Minen gehen, weil Familien keine andere Option mehr sehen, besonders wenn ein Elternteil gestorben ist.
Aber Fragen nach Zuständigkeiten und Verantwortung sind heikel. Die National Mining Agency (NMA) zeigt sich in den betroffenen Gemeinden nur selten – und wenn ihre Vertreter:innen erscheinen, dann meist, um Lizenzbestimmungen durchzusetzen, nicht um Sicherheitsstandards oder den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten. Auch die Aufsichtsbehörde (ONS) tritt vor Ort fast ausschließlich als Sicherheitsgarant für die Bergbauunternehmen auf. Für viele Menschen in Kumaru und anderen betroffenen Dörfern entsteht dadurch ein Gefühl institutioneller Verlassenheit: Während internationale Industriefirmen auf den Schutz staatlicher Strukturen zählen können, bleiben Gemeinden mit den sozialen und ökologischen Folgen des Bergbaus weitgehend allein.
Recht der Rechtlosen
Während in Kumaru noch um Aufklärung des Unglücks gerungen wird, zeigt ein zweiter Vorfall aus dem Distrikt Kono, wie lange und zermürbend der Weg zu Gerechtigkeit sein kann. Die MAPO-Gruppe – Marginalised Affected Property Owners – besteht aus Frauen und Männern, deren Land für den industriellen Diamantenabbau von Koidu Ltd enteignet wurde. Viele von ihnen wurden umgesiedelt, oft ohne transparente Verfahren oder ausreichende Entschädigung.
Bereits vor sieben Jahren hat das von medico unterstützte Netzwerk für Gerechtigkeit und Entwicklung (NMJD) gemeinsam mit der MAPO-Gruppe Klage eingereicht. Erst vor wenigen Wochen wurde ihr Fall vom Obersten Gericht angenommen. „Delay in processing“ nennen es die Behörden – eine jahrelange Verzögerung, die für die Betroffenen existenzielle Folgen hat. Aber allein die Tatsache, dass das Gericht sich nun endlich mit ihrer Klage befassen muss, ist ein bedeutender Schritt. In dieser langwierigen Auseinandersetzung steht medico an ihrer Seite: Vorgänge müssen dokumentiert, Betroffene auf Anhörungen vorbereitet werden.
Für NMJD ist der Fall zentral: Er zeigt, dass es nicht an Gesetzen mangelt – sondern an der Durchsetzung, an Transparenz und am politischen Willen, Gemeinden gegenüber mächtigen Bergbauunternehmen zu schützen. Ohne ihre unermüdliche Arbeit würden weder rechtliche noch politische Verantwortlichkeiten benannt werden.
Nach dem Unglück in Kumaru fuhren die Mitarbeiter:innen von NMJD in das 30 Kilometer entfernte Dorf, dokumentierten, sammelten Informationen, unterstützten Familien dabei, Ansprüche zu formulieren, ohne sie in Gefahr zu bringen. Sie arbeiten dafür mit Paralegals, juristisch geschulten Gemeindemitgliedern zusammen, denn sie kennen die Strukturen, die Chiefs, die Landbesitzer:innen. Ohne sie gäbe es niemanden, der die Geschichten der Familien sammelt, niemanden, der Rechte erklärt, niemanden, der aufdeckt, was dort geschieht, wo das Schweigen zur Überlebensstrategie geworden ist. Sie bewegen sich dort, wo staatliche Behörden selten erscheinen und Unternehmen keinerlei Rechenschaftspflicht spüren und tun, was sonst niemand tut: Sie sprechen mit den Angehörigen.
Aus der Betroffenen-Bewegung heraus haben sich auch Initiativen gebildet, die über juristische Fragen hinausgehen. Besonders sichtbar sind die Stone Women, eine selbstorganisierte Gruppe von inzwischen über fünfzig Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit dem händischen Kleinschlagen von Steinen für Straßen- und Hausbau verdienen. Durch das Wachstum der Mine haben sie ihre Häuser verloren und wurden von medico in bei Weiterbildungen und dem Aufbau kleiner Geschäfte unterstützt. Einige handeln mit Gemüse auf dem Markt, andere mit Baumaterialien, auch Steinen, die sie nicht mehr selbst brechen müssen.
Selten gelingt auch ein juristischer Durchbruch. So wie im Fall einer älteren Frau, Mariama Konte, aus Kangama, deren Land in das Abbaugebiet einer Bergbaufirma fiel. Die Paralegals dokumentierten die Aussagen der Familie und sammelten Beweise. Mit Unterstützung von NMJD brachte sie den Fall zunächst in lokale Gremien ein, suchte das Gespräch mit Chiefs und konfrontierte die verantwortlichen Behörden mit den dokumentierten Rechtsverstößen. Als informelle Vermittlungsversuche scheiterten, begleitete NMJD die Betroffene konsequent weiter – bis vor Gericht. Nach Monaten der Auseinandersetzung erhielt die Frau ihr Land zurück. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, aber nur das hilft gegen das Schweigen.
Seit vielen Jahren unterstützt medico die Arbeit von Network Movement for Justice and Development (NMJD) in Sierra Leone. In Regionen, die von Ausbeutung natürlicher Ressourcen, struktureller Armut und fehlendem staatlichem Schutz geprägt sind, stärkt NMJD Gemeinden dabei, ihre Rechte einzufordern und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Mit juristischer Beratung, der Ausbildung von Paralegals und konkreter Unterstützung vor Ort schafft die Organisation Zugang zu Recht - dort, wo es sonst keines gibt. Damit NMJD Menschen weiterhin gegen Landraub, Ausbeutung und Gewalt unterstützen kann, braucht es langfristige Solidarität.





