Haiti, zehn Jahre danach

Kontraproduktive Wirkungen

Nach dem verheerenden Erdbeben wurde Haiti von einer internationalen Hilfswelle überrollt. Beobachtungen zu den Wirkungen einer „betriebswirtschaftlichen“ Hilfe.

Von Katja Maurer

Die wochenlangen Proteste in Haiti im Herbst 2019 waren der Auftakt für eine ganze Reihe von Demonstrationen in Lateinamerika, aber auch im Libanon oder im Irak. So unterschiedlich die Anlässe dieser Proteste waren – in Haiti waren Korruptionsvorwürfe der Ausgangspunkt –, hatten sie alle die Forderung nach demokratischen Strukturen gemeinsam, die eine echte Teilhabe ermöglichen, und nach einer am Gemeinwohl orientierten öffentlichen Politik für so wesentliche Bereiche wie Gesundheit und Bildung. Wie berechtigt diese Anliegen sind, zeigt die Corona-Pandemie, die Länder wie Haiti ohne jede gesundheitliche oder soziale Infrastruktur ungleich härter trifft. Warum das in Haiti so der Fall ist, obschon doch nach dem Erdbeben 2010 das Land eine enorme internationale Solidarität und Mittelzusagen in zweistelliger Milliardenhöhe erhielt, wirft die grundlegende Frage nach der Wirkung von Hilfe durch internationale nichtstaatliche wie suprastaatliche Institutionen auf. Im Angesicht der Corona-Pandemie und der Frage, wie auch der Süden nachhaltig unterstützt werden kann, ist der Blick auf die Regulierung einer der größten Natur- und humanitären Katastrophen lehrreich.

Dabei zeigt sich, dass das Recht auf Hilfe und seine marktwirtschaftliche Regulierung einen unauflöslichen Widerspruch in sich birgt. Bis zu 300.000 Tote und anderthalb Millionen Obdachlose, die unter tropischer Hitze in Zeltlagern auf allen freien Plätzen der haitianischen Hauptstadt unter unmenschlichen Bedingungen überlebten – das waren die Eckdaten der verheerenden Katastrophe. Internationale Hilfsorganisationen, die UNO, staatliche Hilfen und humanitäre Militäreinsätze überfluteten Haiti. Die Zahl der Hilfsorganisationen, die mit eigenem Personal in Haiti waren, wurde Anfang 2020 auf einer Bilanz-Veranstaltung des Bündnisses Entwicklung Hilft (BEH) auf bis zu 40.000 geschätzt.

Jede*r Interessierte kennt die Bilanz der Haiti-Hilfe. Sie ist verheerend. Zwar wurden die Schuttberge beseitigt, die Toten in namenlosen Massengräbern verscharrt und die Obdachlosen in wenigen Jahren unsichtbar gemacht, indem man sie in Armenvierteln am Rande der Hauptstadt unterbrachte. Eine nachhaltige Veränderung der Armutsstrukturen hingegen ist nicht erreicht worden. Im Gegenteil, diese haben sich noch verschärft. Alle sozialen und wirtschaftlichen Indikatoren belegen, dass Haiti am Boden liegt. Bei den Prognosen, welches Land die Folgen der Corona-Pandemie als auch die Klimakrise am härtesten treffen können, rangiert Haiti unter den ersten fünf Ländern der Welt. Seismolog*innen sehen für Haiti weitere Erdbeben voraus und fürchten, es könnte die zweitgrößte Stadt Cap-Haïtien treffen. Sie ist schutzlos.

Ein Prozent Autonomie

Entliehen aus der Betriebswirtschaft, unterliegen die internationale Hilfe genauso wie die Maßnahmen der UNO Methoden der Evaluation, der Wirkungsbeobachtung und einem Projektmanagement, das nachprüfbare Ziele und Zwischenziele formuliert. So soll die Wirksamkeit der Hilfe erhöht werden. Hilfsorganisationen werben mit Slogans wie „Ihre Hilfe wirkt“. Die Nachprüfbarkeit scheint durch diese Form der Verbetriebswirtschaftlichung gewährleistet, was in der Konkurrenz um Spenden und öffentliche Gelder immer relevanter wird. In Haiti waren die enormen Summen, die nach dem Erdbeben zur Verfügung standen, solchen Effizienzkriterien unterworfen.

Das Entwicklungskonzept bestand darin, das Land zu einem billigen Arbeitskräftereservoir auszubauen. Neben einem geplanten Freihafen im Norden des Landes sollten Textilfabriken entstehen. Ein Industrialisierungsmodell wie in Bangladesch oder Pakistan – darin bestand die langfristige Idee. Weder der Freihafen noch eine massive Schaffung von Arbeitsplätzen kamen zustande. Die eingesetzten Geldmittel flossen im großen Umfang zurück in die Geberländer. Die medico-Partnerorganisation RNDDH (Nationales Menschenrechtsnetzwerk), die die internationale Hilfe kritisch begleitete, sprach in Bezug auf US-amerikanische Hilfen von 80 Prozent der Mittel, die durch Gehälter oder Gewinne zurück in die USA flossen. Jede der vielen Tausend Organisationen führte ihre Projekte nach eigenem Gutdünken durch, niemand sprach sich mit den haitianischen Behörden ab. In Clustermeetings der Hilfe, die auf dem UN-Compound stattfanden, wurde meistens englisch gesprochen. Einheimische Vertreter*innen erhielten nur selten Zugang. Lediglich ein Prozent der Gesamtsumme wurde von der haitianischen Regierung verwaltet. Der kolonial geprägte Umgang mit den Haitianer*innen, die meist als Vermieter*innen, Chauffeur*innen oder Übersetzer*innen eingebunden waren, kulminierte in einem unter Führung der USA und mit Einverständnis der anderen Staaten durchgeführten Putschversuch gegen den damaligen Präsidenten Préval. Die Präsidentschaftswahl wurde gezielt beeinflusst, um den „richtigen“ Kandidaten durchzusetzen: Der Kompa-Sänger Martelly, der mit seinem Wahlslogan „Haiti is open for business“ das versprach, was die meisten Geberländer als richtiges Rezept ansahen.

Lessons learnt?

Zwar haben alle involvierten internationalen Organisationen gemäß der vorgegebenen Standards Evaluationen vorgenommen. Da diese aber meist im Detail steckenbleiben, wird das Gesamtbild nicht sichtbar. NGOs rechtfertigen die eigenen Ansätze und nehmen nur leichte methodische Veränderungen vor. Das liegt auch daran, dass Auswertungen mit Blick auf die Geldgeber*innen verfasst werden. Der Wille von Spender*innen und Geber*innen sowie die Interessen der Organisationen und Unternehmen sind wichtiger als die Interessen der betroffenen Gemeinden. Wenn, wie in Haiti, geschwächte Regierungen einer mächtigen und finanzstarken internationalen Struktur gegenüberstehen, werden Interessenskonflikte immer zugunsten der Starken entschieden werden. Hier kommt die neokoloniale Haltung zum Ausdruck, die die Hilfe im Großen wie im Kleinen begleitete und Haiti und seine Menschen als ein Land betrachtete, in dem Nichts vorliegt. Diese Tabula-Rasa-Mentalität hat die Haitianer*innen erst recht entmächtigt und lokale Strukturen geschädigt. Erst mit den Protesten, die von einer neuen Generation transnational organisiert wurden, zeigte sich Haitis Kraft der Selbstbehauptung.

Übertragen auf die Corona-Pandemie, wäre aus der haitianischen Erfahrung Fundamentales zu lernen: Ohne eine handlungsfähige Regierung, die über Steuereinnahmen verfügt, ohne eine öffentliche soziale Infrastruktur, die allen gleichermaßen zugänglich ist, ohne eine Verwaltung, die zielführend arbeitet und einer demokratischen Kontrolle unterliegt, lassen sich die strukturellen Probleme ausgegrenzter Regionen nicht lösen. Auch muss die Verschuldungsstrategie, die nicht nur Haitis Befreiungsprozess zunichte gemacht hat, beendet werden. Nur ein weltweites Entschuldungsprogramm und nicht wie jetzt die Anhäufung von neuen Schulden kann die Länder des Südens in die Lage versetzen, ihre Verantwortung für die Gesundheit der Menschen zu übernehmen.

Katja Maurer berichtet seit 2010 regelmäßig über die Situation in Haiti und die Arbeit der medico-Projektpartner*innen. Gemeinsam mit der Journalistin Andrea Pollmeier hat sie gerade das Buch „Haitianische Renaissance“ veröffentlicht. Das Buch enthält Reportagen, Essays und Interviews auch mit vielen haitianischen Kolleg*innen, mit denen medico bis heute im engsten Kontakt steht.

Veröffentlicht am 12. Mai 2020

Katja Maurer

Katja Maurer leitete 18 Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Heute verantwortet sie die medico-Sprache, das Rundschreiben und bloggt regelmäßig auf der medico-Website.

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