Zentralamerika

(K)eine neue Karawane

Eine verschlossene Grenze zu Mexiko erwartete die Migrant*innen in El Ceibo im Norden Guatemalas. (Foto: Víctor Peña, Twitter)
Erneut sind Tausende Menschen aus Honduras und El Salvador auf der Flucht. Mexiko will sie aufhalten, um nicht die USA zu verärgern. Von Moritz Krawinkel ++Update++

Die Bilder ähneln sich. Wie im Herbst 2018 stehen tausende Menschen aus Honduras und El Salvador an der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze und wollen nur eins: Raus aus einem Leben voller Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit.

Der Migrationsfluss aus dem Triángulo Norte – aus Guatemala, El Salvador und Honduras – ist in den vergangenen Jahrzehnten nie abgebrochen. Gründe zur Flucht gibt es genug in einer der gefährlichsten Regionen der Welt. So überqueren jeden Tag Hunderte Menschen die Grenze zu Mexiko. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2019 waren es 460.000, ganze 230 Prozent mehr als 2018. In kleinen Gruppen reisend bleiben sie unsichtbar, den Menschenfängern der Drogenkartelle ausgeliefert oder Erpressungen und Gewalt durch die Migrationspolizei selbst. Eine große Gruppe, eine Karawane, kann dagegen Schutz bieten vor den alltäglichen Übergriffen, den Entführungen und Erpressungen, den Vergewaltigungen und Morden. Ende 2018 war es so einer viele tausend Köpfe zählenden Gruppe gelungen, Tijuana an der US-Grenze zu erreichen.

Eine neue Karawane? Keine neue Karawane

Am vergangenen Mittwoch hat sich nun wieder eine Gruppe von mehreren hundert Menschen aus San Pedro Sula, der zweitgrößten Stadt von Honduras, auf den Weg gemacht. Wie schon bei der bislang größten Karawane 2018 wuchs die Gruppe auch dieses Mal unterwegs stark an. Die guatemaltekischen Grenzbehörden zählten allein am Mittwoch und Donnerstag 3543 Menschen, die ins Land kamen. Etwa 2500 ließen sich registrieren, der Rest umging die offiziellen Grenzübergänge.

Anders als 2018 ist die Karawane dieses Mal deutlich fragmentierter: Ein Teil wählte den Weg über Tecun Uman im Westen Guatemalas, ein anderer Teil nahm den Weg durch den lakandonischen Regenwald im nördlichen Departamento Petén bis zum Grenzübergang El Ceibo. Hier traf die Gruppe auf Migrant*innen, die schon länger am Grenzübergang festsitzen und weder vor können noch zurück wollen. So erging es gestern auch den Neuankömmlingen. Über Stunden lieferten sie sich ein Stehduell mit den mexikanischen Grenzbehörden, immer unter dem grünen Schild mit der Aufschrift „Willkommen in Mexiko“. Ausgang ungewiss. [siehe Update unten]

Menschenjagd hinter der Grenze

In den Tagen vor Eintreffen der großen Gruppe hatten einige Menschen den Weg über die Grenze geschafft. Mitarbeiter*innen der Migrantenherberge „La 72“, die medico international seit Jahren unterstützt, berichten von einer Menschenjagd, die die Behörden hinter der Grenze veranstalteten. Mehrere Migrant*innen seien bei Übergriffen verletzt worden und würden nun in der Herberge in Tenosique, 60 Kilometer von der Grenze entfernt, versorgt.

In Tecun Uman hat sich die Lage gestern anders entwickelt. 2018 hatten sich hier Teile der Karawane eine Straßenschlacht mit der Grenzpolizei geliefert, dann durchquerten Tausende den Grenzfluss und setzten ihren Weg geschlossen weiter fort in Richtung Norden. Die Polizei sah zu. Gestern hingegen haben sich hier 351 Menschen offiziell registrieren lassen und wurden mit Bussen in eine Außenstelle des berüchtigten Migrationszentrums „Siglo XXI“ gebracht, um dort den Ausgang ihres Einreiseantrags abzuwarten. Eine Frau berichtete auf der Grenzbrücke, ihnen sei eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis versprochen worden.

Die mexikanische Regierung hatte zuvor die Schaffung von 4000 Arbeitsplätzen im Süden des Landes versprochen, die auch legal einreisenden Migrant*innen zugutekommen sollten. Ein ähnliches Versprechen hatte die Karawane 2018 nicht aufgehalten – die Menschen wollten nicht im Süden Mexikos bleiben, wo die Probleme zu sehr denen in ihren Heimatländern ähneln, sondern sie wollten in die USA.

Die vorgelagerte Abschottung der USA wirkt

Seitdem wurden die Bedingungen aber deutlich verschärft. US-Präsident Trump hatte Guatemala unverhohlen mit wirtschaftlichen Sanktionen gedroht und so ein Ende des Jahres unterzeichnetes Abkommen erzwungen, das das Land zum „sicheren Herkunftsstaat“ erklärt. Die Konsequenzen sind obszön: Wer vor der anhaltenden Gewalt, der Armut und der Perspektivlosigkeit in Guatemala flieht, kann in Mexiko Asyl beantragen. Wer vor der anhaltenden Gewalt, der Armut und der Perspektivlosigkeit in El Salvador oder Honduras flieht, muss in Guatemala Asyl beantragen.

Auch Mexiko beugte sich starkem Druck aus dem Norden und militarisierte den Süden des Landes, um die Migration aufzuhalten. Im vergangenen Jahr wurden 179.971 "irregulär" eingereiste Migrant*innen in sogenannte Migrationszentren gezwungen worden, 177.451 von ihnen wurden abgeschoben, 98,6%. An der US-Grenze kommen hingegen immer weniger Menschen an.

Unter diesen Bedingungen ist ein Asylantrag in Mexiko oder der Versuch, sich hier als Arbeitsmigrant*in ein neues Leben aufzubauen, inzwischen durchaus eine Alternative.

Update, 20.01.2020: Auflösung

"Die Mauer der mexikanischen Südgrenze hat die letzte Karawane verschluckt", schreibt Carlos Martínez, investigativer Journalist aus El Salvador, der in El Ceibo war. Die Migrant*innen wurden betrogen, in Kleingruppen geteilt, in Busse "zu einem sicheren Ort" gelockt, eingesperrt und werden höchstwahrscheinlich abgeschoben.

Zuvor hatte die mexikanische Regierung 4000 Arbeitsplätze im Süden Mexikos versprochen , die den Menschen aus Honduras und El Salvador offenstehen würden. Das gab gute Presse. In Wirklichkeit ging es um Investitionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den Herkunftsländern der Verzweifelten. Die Karawane hat aufgehört zu existieren bevor sie überhaupt erst richtig losgegangen ist.

Die vorgelagerte Abschottung der USA funktioniert, Mexiko unter AMLO macht sich zum schamlosen Erfüllungsgehilfen.


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