Mexiko

Die Unsichtbaren sichtbar machen

26.04.2018   Lesezeit: 8 min

Mexikanische Solidaritätsorganisationen suchen Verschwundene und beherbergen Geflüchtete. Eine Reportage von Ilija Trojanow

Wenn Millionen von Menschen auf der Flucht sind, verschwinden manche von ihnen. Die einen melden sich einfach nicht mehr. Andere geraten auf dem Weg in mafiöse Strukturen, die sie nicht mehr gefahrlos verlassen können. Manche werden umgebracht. Die Verschwundenen tauchen selten wieder auf, die Morde werden fast nie aufgeklärt. Flüchtlinge gelten als „Illegale“, und weil sie vermeintlich die Gesetze brechen, haben sie offenbar kein Recht auf Aufklärung der an ihnen begangenen Verbrechen. Einmal im Jahr bricht daher die fast 80-jährige Marta Sanchez von „Movimiento Migrante Mesoamericano“ mit einigen Dutzend Müttern zu einer Reise durch ganz Mexiko auf, um nach den Verschwundenen zu suchen. Zu einer dreiwöchigen Karawane der Erinnerung und des Mitgefühls. Begleitet von Sozialarbeitern und Journalisten.

„Wir wollen die Solidarität und Empathie der Menschen ansprechen durch die verehrte Mutterfigur“, sagt Marta. „Wer könnte schon ‘nein’ sagen zu einer Mutter mit stechenden Augen, die beharrlich nach ihrem Sohn fragt? Gelegentlich finden wir einen der Verschwundenen, aber es sind stets nur Männer und Jungs, nie Frauen, nie Mädchen! Manchmal wollen die Mütter nicht akzeptieren, dass ihre Söhne tot sind, sie behaupten beharrlich, es müsse ein Fehler vorliegen, sie verweigern sich der Evidenz der Fakten.“

Inzwischen wird die Karawane intensiv von regionalen, nationalen wie auch internationalen Medien begleitet. Das ist für das Überleben des Projekts im wortwörtlichen Sinn entscheidend. Denn die Sicherheitsbehörden schützen die Karawane nur, weil sie so berühmt geworden ist. Oft begleitet von einem Konvoi der Bundespolizei (auf die regionale Polizei ist vielerorts kein Verlass, da sie oft mit der organisierten Kriminalität verbandelt ist). „Es ist magisch, es generiert so viel Hoffnung!“, sagt Marta.

Dieses erfolgreiche Beispiel einer auf ersten Blick symbolischen Aktion, die eine neue Realität der Wahrnehmung und der emotionalen Reaktionen schafft, macht inzwischen Schule. Die internationale Vernetzung innerhalb Mittelamerikas ist schon weit vorangeschritten, in den anderen Ländern arbeiten sie inzwischen mit den Richtlinien, die sie in Mexiko entwickelt haben; es ist ein „Cumbre de Madres“ (ein Müttergipfel) geplant.

Zuflucht für Flüchtlinge zwischen Touristen

Die Karawane beginnt oder endet in Tenosique im tiefsten Süden Mexikos. Jeder Besucher der Ruinen in dieser Region, sei es Palenque in Chiapas oder Tikal in Guatemala, ist entsetzt über den religiösen Brauch der Mayas, Menschen zu opfern, um die Götter zu besänftigen. Wie blutig, wie grausig! Die Beschreibungen der Reiseführer jagen dem schockierten Touristen Schauer über den Rücken. Unfassbar, unvorstellbar! Was für eine Bestialität.
 

Das grenznahe Städtchen Tenosique liegt auf halbem Weg zwischen Palenque und Tikal. Gleich an der Ortseinfahrt liegt die Zufluchts- und Heimstätte „La 72“. 72 ist keine Jahreszahl, keine bürokratische Zuordnung. 72 ist die Zahl der Leichen nach dem Massaker an Flüchtlingen in San Francisco Tamaulipas am 24. August 2010, begangen von dem Narco-Kartell „Los Zetas“. In der Kirche dieses Zufluchtsortes hängen die Gesichter der identifizierten Opfer um das Kreuz herum wie Antlitze von Märtyrern. Es wirkt, als wären auch diese 72 Menschen geopfert worden, auf einem Altar der wirtschaftlichen Sachzwänge und des politischen Zynismus. Wer sowohl die Maya-Stätten als auch diesen Ort aufsucht, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass wir die Schrecken, die uns umgeben, mit abgestumpfter Geduld betrachten, im Gegensatz zu den Schrecken der fernen Vergangenheit.

Fray Tomás, der Franziskaner-Bruder, der dieses Refugium gegründet hat, kennt einige der Angehörigen. Sie sind bei Behörden und Rechtsanwälten hoch verschuldet, weil sie die Täter vor Gericht bringen wollen. Bislang ist niemand angeklagt worden. Trotz des Mahnmals ist die „La 72“ ein trostspendender Ort. Hier wird Not gelindert, hier können die Flüchtenden kurz durchatmen auf ihrem langen Weg nach Mexiko, durch Mexiko hindurch und hinauf in den gelobten Norden. Zogen zuvor die meisten schon nach wenigen Tagen weiter, bleiben die Menschen nun häufig länger. Manche beantragen sogar Asyl, jeder Dritte – vor allem die Familien – bleibt hier, bis die administrativen Prozesse abgeschlossen sind. Zudem hat es in den letzten Jahren eine starke Zunahme unbegleiteter Jugendlicher gegeben. 2016 stellten sie mehr als die Hälfte der neu registrierten Flüchtlinge. Auch immer mehr Mädchen sind allein unterwegs. Deren Zahl hat sich in den letzten drei Jahren verdreifacht.

Das Zentrum muss immer wieder anbauen, um den wachsenden Anforderungen zu genügen. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Gebäude, jedes in einer anderen Farbe gehalten, freundlich und zuversichtlich. Alle Mauern sind bemalt, selbst die Decke, als Sternenhimmel, lokale Künstler führen die Tradition der „murales“ fort. Die berühmten Wandmalereien von Diego Rivera zeichneten die Unerbittlichkeit der Geschichte nach, die als Wiederholung an Orten wie diesem sichtbar wird. Das vergossene Blut, die Verzweiflung, die Opfer, alles dargestellt auf diesen Wänden, wie auch die gemeinsamen Träume, die zur Veränderung und Verwandlung führen könnten, im Gegensatz zu den individuellen Sehnsüchten, die meist Illusionen bleiben werden.
 

Besonders eindrücklich ist eine große Karte Mexikos, auf welcher der gesamte Fluchtweg eingezeichnet ist, mit gnadenloser Präzision: die Eisenbahnlinien, die Wüsten, die Kontrollen: Pistolen stellen Orte der Gewalt dar, Dollarscheine repräsentieren Zahlzwänge, zum Beispiel das zu entrichtende Schutzgeld, um auf einen Güterzug aufspringen zu dürfen (es braucht 700 Dollar, um nach Mexiko-Stadt zu gelangen, was bedeutet, dass die „Illegalen“ viel mehr zahlen müssen als die Legalen, obwohl sie nicht einmal dritte Klasse reisen). Flüchtlinge verursachen nicht nur Kosten, wie oft behauptet wird, sie sind ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, eine Einnahmequelle für eine ganze Industrie, die Fluchtgewinnlerbranche. Die forcierte Undurchdringlichkeit der Grenze lässt übrigens die Preise entlang der gesamten Route ansteigen. Am alten Bahnhof von Tenosique ist ein ganzer Stadtteil mit billigen Absteigen und Lokalen entstanden, hier wirken die polleros (die Schlepper, wortwörtlich: die Hühnchenrupfer).

Bleiben um Recht zu bekommen

„Letzte Woche sind fünfzehn Flüchtlinge an den Gleisen von Gangstern überfallen worden“ erzählt Fray Tomás. „Einer von ihnen hatte einen Lungenschuss. Die anderen trugen den Verletzten ins Krankenhaus, dort ist er gestorben. Sie haben beschlossen, sich nicht aus dem Staub zu machen, sondern zu bleiben, um Anzeige zu erstatten. Sie haben die Verantwortung übernommen, vom Staat Aufklärung zu fordern, denn ansonsten würden Fälle wie dieser wie immer unter den Tisch fallen. Ausgestoßene haben sich in soziale Kämpfer verwandelt. Ich hoffe, dass sich jene, die hier waren, für soziale Veränderung einsetzen werden, auch in den USA.“

Es bedarf, erklärt er, wegen der vielen Gefährdungen entlang des Weges als erstes eines humanitären Korridors, um die Flüchtlinge vor Überfällen und Betrug zu schützen. Kaum einer durchquert Mexiko, immerhin dreitausend Kilometer, ohne mindestens einmal Gewalt zu erfahren. So ein Anliegen wirkt gegenwärtig, nicht nur in Zentralamerika, als utopisch. Schon hört man die Stimmen der Fremdenhasser verkünden, man würde dadurch die illegale Migration befördern.

Fray Tomás zeichnet ein düsteres Panorama der Gegenwart. In Honduras wird die Lage zunehmend schlimmer, die Fluchtursache dort ist oft die Schutzgelderpressung durch die Jugendbanden namens Maras, die entstanden sind, als die USA Mitglieder von Gangs aus den „inner cities“ abgeschoben haben. Die Erpressungen strangulieren die eh schon armen Menschen; wer nicht zahlt, wird ermordet. Die Maras unterstützen danach die Kinder der Getöteten; rekrutieren sie für die eigene Bande. Eines Tages werden sie diese Investition zurückzahlen, indem sie andere Arme erpressen. So breitet sich das System aus, erobert Stadtviertel für Stadtviertel und ersetzt die Stärke des Rechts durch das Recht des Stärkeren.

In Guatemala sind die Bewohner von dreißig Dörfern in der Grenzregion von Vertreibung durch agroindustrielle Großprojekte bedroht. Immer wieder flüchten sie nach Mexico, wenn das Militär anrückt, um sie zu vertreiben. „La 72“ setzt sich für deren Land- und Rückkehrrechte ein. Mexiko mache zu, respektiere die Rechte der Flüchtlinge nicht. Es drohe, meint Fray Tomás ein Kollaps der Hilfe, ein Zusammenbrechen der solidarischen Energie, eine Überforderung der empathischen Kräfte.

Tenosique hat vom Staat den Titel „pueblo magico“ (magisches Dorf) verliehen bekommen. Ein Titel, der zur tourismuswirksamen Verschönerung führen soll. Die Folge: sozial Anrüchiges wie etwa Flüchtlinge werden aus dem Städtchen gedrängt. Das ist der Unterschied zu den Mayas: Die Geopferten heute sollen unsichtbar werden.

Auch deswegen ist die Bewegung von Marta so wichtig. Wer Vergessene und Überflüssige zu einer Karawane zusammenschließt, der macht sie wieder sichtbar. Und das ist der erste Schritt zur Veränderung der Verhältnisse. 
 

Rechte für Illegalisierte

Seit 2010 unterstützt medico international die Arbeit der beiden mexikanischen Migrationsorganisationen, die Ilija Trojanow im obenstehenden Artikel beschreibt. Damals steckte diese Arbeit noch in ihren Anfängen. Den Franziskaner-Bruder Fray Tomás beispielsweise traf medico-Projektkoordinator Dieter Müller in der damaligen Pfarrei in Tenosique. Es gab lediglich einen Büroraum und die Kapelle, in der nachts die Geflüchteten untergebracht wurden. Das Grundstück hatten die Franziskaner geerbt mit der Auflage eine Kapelle darauf zu errichten. Heute gibt es mehrere Gebäude und die Finanzierung der Geflüchteten-Arbeit ist gesichert. medico hingegen finanziert die Menschenrechtsarbeit beider Organisationen. Denn es gilt, dass es auch für Migranten auf dem Weg Recht geben muss. Die Grundlage der Zusammenarbeit mit Marta Sanchez vom Movimiento Migrante Mesoamericano und Fray Tomás von „La 72“ ist ein politisches Verständnis von Hilfe, das sich in dem Anspruch der Inrechtsetzung von zur Illegalität Gezwungenen widerspiegelt.

Spendenstichwort: Mexiko 


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. <link verbinden abonnieren>Jetzt abonnieren!


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