Libanon

In der Sackgasse

Nach den jüngsten Kämpfen hat sich die Lage vorerst wieder beruhigt: Ein-El-Hilweh. (Foto: medico)
Im Ein-El-Hilweh Camp vermischen sich soziale Konflikte mit den großen Krisen der Region. Von Till Küster

Nach tagelangen Kämpfen zwischen palästinensischen Fraktionen und islamistischen Gruppen ist das Ein-El-Hilweh Camp im libanesischen Saida etwas zur Ruhe gekommen. Das größte palästinensische Flüchtlingslager im Libanon wird immer wieder von Zusammenstößen zwischen einzelnen Gruppen und Milizen im Lager erschüttert. Dieses Mal waren die Auseinandersetzungen aber heftiger als sonst. Teilweise wurden Granatwerfer und andere schwere Waffen eingesetzt, bis zu 500 Häuser schwer beschädigt oder ganz zerstört.

Die libanesische Armee hat das Lager seit Jahren dauerhaft abgeriegelt und kontrolliert die Ein- und Ausgänge. Gleichzeitig gibt es ein Abkommen zwischen der Armee und palästinensischen Fraktionen, dass die Sicherheit im Camp von den Akteuren im Camp sichergestellt werden soll. Durch den Konflikt in Syrien haben die Spannungen im Camp aber seit Jahren zugenommen. Einerseits sind viele palästinensische Familien aus Syrien nach Ein-El-Hilweh in den Libanon geflohen was zu neuen sozialen Konflikten innerhalb des Lagers geführt hat. Zum anderen führte der Krieg in Syrien zu einer Radikalisierung von jungen Männern innerhalb des Lagers.

So sind die erneuten clashes der letzten Tage eine Reaktion der Islamisten auf den militärischen Vormarsch der libanesischen Armee und der Hisbollah gegen Einheiten der Al-Nusra und des sogenannten Islamischen Staates im libanesisch-syrischen Grenzgebiet rund um die Stadt Ersal.

Soziale Konflikte vermischen sich mit den großen Krisen

Gleichzeitig vermischen sich im Ein-El-Hilweh verschiedenste soziale Konflikte und Spannungen mit den größeren Krisen und ihren Auswirkungen in der ganzen Region. Neben der ökonomischen Perspektivlosigkeit der Bewohner*innen des Lagers sind Palästinenser*innen im Libanon sozial ausgegrenzt, ihre Rechtslage im Land weiterhin prekär. Hinzu kommt eine generelle Stigmatisierung und Kriminalisierung der Einwohner des Camps aufgrund der dort vorherrschenden Gewalt, hohen Arbeitslosigkeit und vielfältigen sozialen Probleme. Darüber hinaus ist das Ein-El-Hilweh ein Zufluchtsort für landesweit gesuchte Straftäter, die hier vor dem Zugriff der libanesischen Behörden sicher sind.

Während mehrere tausend Islamisten bei Ersal einen freien Abzug nach Syrien aushandeln konnten scheiterten entsprechende Verhandlungen zwischen den Palästinensern und der libanesischen Armee für die islamistischen Milizen im Ein-El-Hilweh, da die libanesische Regierung bekannte Straftäter nicht außer Landes lassen wollte. So ist die Situation weiterhin in einer Sackgasse. „Was sich hier lokal im Camp abspielt ist ein Sinnbild der Krise in der ganzen Region“ so Zafer Katheeb, der Direktor des medico-Partners Nashet Association. „Die jahrzehntealten Probleme aufgrund der Ausgrenzung der Palästinenser*innen im Libanon wurde sich überlagert mit den neuen Dynamiken des Syrien-Konfliktes.“ so Katheeb.

Und während sich im Libanon die Stimmen mehren, die eine Rückführung der syrischen Flüchtlinge zurück in ihre zerstörte Heimat fordern, bleibt die jahrzehntealte Frage zur Situation der Palästinenser im Libanon weiter ungelöst.

medico unterstützt die Arbeit Nashet Association im Ein-el-Hilweh seit 2007 und hat seit 2012 verstärkt das Bildungsangebot von Nashet an palästinensche und syrisch-palästinensischer Flüchtlingskindern unterstützt. Nashet bietet bis zu 200 Kindern Nachmittagsunterricht, Sport und andere Freizeitaktivitäten an. Dadurch können die Kinder dem Alltag des Camps etwas entfliehen, gleichzeitig werden durch das Angebot von Nashet die oft allein stehenden Mütter entlastet und können auch nachmittags versuchen, den Unterhalt für Ihre Familien zu verdienen. Außerdem ist Nahet aktiv in verschiedenen lokalen Komitees im Lager und organisiert „round tables“ zwischen Vertretern der politischen Fraktionen, Milizen und Islamisten um Konflikten vorzubeugen und Probleme im Vorfeld gewaltfrei zu lösen.


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