Bericht aus der befreiten Stadt

In den Trümmern von Kobanê

Plötzlich bleibt Kani stehen. Er zeigt auf zwei etwa 30 cm lange Drähte, die aus dem Morast ragen. Eine noch intakte Sprengfalle des IS. Martin Glasenapp berichtet.

Immer wenn der Regen nachlässt ist der Geruch doch zu verspüren. Kani, unser Führer durch die Ruinenlandschaft bestreitet es zwar, aber vielleicht riecht er diese süßliche Fäule schon gar nicht mehr. Wir gehen durch unasphaltierte Straßen und Gassen, aufgeweicht durch den Regen der letzten Tage. Die Luft ist diesig und die Wolken hängen tief. Der Morast schmatzt und klebt in dicken Brocken an unseren aufgeweichten Schuhen. Wir durchqueren eine kleine Einkaufsstraße in Botane Sherqiye, einem Geschäfts- und Verwaltungsviertel östlich vom Freiheitsplatz von Kobane, auf dessen Rondell die Statue des kurdischen Adlers wie ein Wunder alle Kämpfe überstanden hat.

Am Straßenrand zerschossene Schaufenster und aufgebrochene Läden. Schaufensterpuppen liegen auf der Straße, verschlammte Schuhe, in den Läden hängen noch Kleider auf der Stange. Wir nähern uns der letzten Frontlinie, dort wo der Wendepunkt in der Schlacht um das Stadtzentrum begann. Am Ende der Gasse öffnet sich ein Panorama der Zerstörung. Die große Querstraße, die von einer Promenade gesäumt wird, hat ein drei Meter tiefer Krater förmlich gespalten. Die mehrstöckigen Häuser sind bis auf die Außenmauern skelettiert, die Betonplatten der Etagen zerborsten. Alle Gebäude im Sichtfeld sind zusammengefallen.

Geröllberge, zerbeulte Autos, Hausrat. Und wieder dieser süßliche Geruch, der jetzt stärker wird. Neben dem Krater aus roter Erde streunt ein Hund, zwei Hühner gackern. Ein schwarzer Haufen ist zu sehen. Verdreckte Kleidung und ein kleiner Fuß. Dann ein Haarschopf. Wenige Schritte weiter liegen zwei Männer. Beide im Zustand erster Verwesung. Sie tragen die Kampfinsignien des IS: lange Bärte, lange Haare, schwarze Stirnbänder und schwarze Jacken. Kani erklärt die Szenerie. Der Krater stammt nicht von einem Luftangriff, sondern von einem mit Sprengstoff gefüllten Tankwagen, den der IS am 16.1. ins Zentrum der Stadt schicken wollte, um die letzte Verteidigungslinie der kurdischen YPG-Einheiten zu durchbrechen. Ein kurdischer Kämpfer konnte im letzten Moment mit einer Panzerfaust die Tankwand treffen und den Laster zur Explosion bringen. Danach gelang es den kurdischen Milizen die Promenade zurückzuerobern. Kani zeigt auf das kleine Bündel mit dem Haarschopf am Kraterrand. "Daesh", wie die Kurden den IS nennen, setze auch Kinder ein. Bei der einen Männerleiche handle es sich um einen Afrikaner. "Vielleicht von Boko Haram?", Kani lacht bitter.

Der 48 Jahre alte Kurde, dessen Schnauzbart schon ergraut ist, hat den ganzen Krieg in Kobane verbracht. Drei seiner Töchter sind bei den Fraueneinheiten der YPG, seine drei jüngsten Kinder mit seiner Frau in einem Flüchtlingslager im türkischen Suruc. "Meine drei großen Mädchen haben bis zum Kriegsanfang alle studiert", zeigt sich Kani sichtlich stolz, er selbst war bereits als Jugendlicher politisch aktiv und saß drei Jahre im Gefängnis, weil er mit einem Piratensender kurdische Musik in Bashar al-Assads Syrien verbreitet hatte. Studieren konnte er nicht. Er wurde Elektriker. "Aber als das kurdische Kanton Kobanê im Frühjahr 2013 gegründet wurde, kamen meine Töchter aus Aleppo und Damaskus zurück und schlossen sich den kurdischen Einheiten an", sagt Kani.

Wir gehen weiter die offene Promenade entlang. Überall das gleiche Bild. Ein Panorama der Zerstörung tut sich auf. Zerschossene Häuser, weggesprengte Fassaden, zerborstene Strommasten, aufeinander getürmte Autowracks, die als Sichtschutz und Barrikaden dienten. Förmlich Meter um Meter drückten hier die kurdischen Einheiten den IS aus dem Stadtzentrum. Plötzlich bleibt Kani stehen und fordert uns auf, die Reste des Bürgersteigs zu benutzen. Er zeigt auf zwei etwa 30 cm lange Drähte, die aus dem Morast ragen. Eine noch intakte Sprengfalle des IS. Sie wurde erst vor wenigen Tagen entdeckt, als ein Junge sein Fahrrad aus dem ersten Stock des gegenüberliegenden Haus holen wollte. Die erste Etage des Hauses ist zusammengestürzt und sein Fahrrad hängt an den Überresten des zerstörten Balkons. Der Junge wollte die Straße überqueren und im letzten Moment wurde die Sprengfalle entdeckt. Glücklicherweise, denn mit der ersten Rückkehr von Zivilisten nehmen auch die Opfer durch nichtexplodierte Blindgänger zu. Oder gut versteckte Sprengfallen. Der IS brachte sie auf ihrem Rückzug in den Häusern an, an Lichtschaltern, in Teekesseln oder eben als selbstgebaute Mine in den Hauseingängen.

Auch deshalb sind in diesem so umkämpften Stadtteil noch viele Leichen zu sehen. "Uns fehlen zudem die Leichensäcke, um die Toten bergen zu können", erklärt Kani. Auf einem ehemaligen Schulhof ist ein Krater zu sehen, der mit Erde aufgeschüttet wurde. Eine Hand und Uniformreste ragen aus einem Gemisch aus Schutz und Sand. Hier seien 14 IS-Milizionäre notdürftig verscharrt worden, damit sie nicht von den streunenden Hunden angefressen werden. Kani bedauert die Situation aufrichtig und weist darauf hin, dass auch in den zusammengestürzten Häusern noch weitere Tote zu finden seien: "Was sollen wir nur machen? Wir haben in der Türkei 1000 Leichensäcke bestellt, aber die Grenzbehörden verzögern die Lieferung nach Kobanê". Dabei hat anderes Material offenbar die Grenze in den letzten Monaten immer wieder passieren können. An vielen Stellen sind die Hülsen von Kartjuscha-Raketen zu finden, mit denen der IS die kurdischen Stellungen beschossen haben. Alle tragen türkische Beschriftungen.

Im Frühling wird die Wärme zurückkehren und mit ihr die vielen geflüchteten EinwohnerInnen von Kobanê. Bis dahin ist viel an Aufräumarbeiten zu leisten. Dafür aber sind Kräne und schweres Baugerät notwendig, dass nur über die Türkei eingeführt werden kann. Auch deshalb drängt die Kantonsverwaltung von Kobanê mit allem Nachdruck auf einen humanitären Korridor in die befreite Stadt, die aber weiterhin gefährdet bleibt. Kani wundert es schon längst nicht mehr, dass Waffen und Kämpfer für den IS die Grenze offenbar passieren konnten, Kobanê aber die Rettung nach der Befreiung unendlich schwer gemacht werde: "Für Erdogan haben hier einfach die Falschen gewonnen. Und das lässt er uns leider immer wieder auch aufs Neue spüren".

Bislang hat noch kein so kleines Geschäft in Kobanê wieder geöffnet. Wenn die Dunkelheit beginnt, wird die Stadt praktisch unsichtbar. Nur an wenigen Stellen ist das Knattern der Generatoren zu hören. An die Rückkehr der Flüchtlinge ist noch nicht zu denken. Die in Kobane verbliebenden Menschen, viele Kämpferinnnen und Kämpfer, aber auch die Zivilisten, die dem Krieg getrotzt haben, sind dennoch zuversichtlich. Sie haben den IS besiegt und sind sich sicher, dass es ein neues Kobanê geben wird. Aber sie sagen auch, dass sie dieses Ziel nicht allein aus eigenen Kräften erreichen können.

Veröffentlicht am 02. Februar 2015

Martin Glasenapp

Martin Glasenapp war bis Frühjahr 2016 stellvertretender Leiter der medico-Öffentlichkeitsarbeit und zuständig für den Nahen Osten und Syrien. (Foto: Christian Gropper)

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