Postkolonialismus

Für das Recht auf die eigene Existenz kämpfen

Ein Gespräch mit Nandiuasora Mazeingo von der „Ovaherero Genocide Foundation“ zum Überdauern kolonialer Verhältnisse in Namibia, notwendigen Reparationen und einer gemeinsamen Zukunft.

Seit Jahrzehnten ringen die Nachfahren der Opfer um die Anerkennung und gründliche Aufarbeitung des deutschen Völkermords an den Ovaherero und Nama im heutigen Namibia. Beauftragt durch den Vernichtungsbefehl der Obersten Heeresleitung jagten und ermordeten die deutschen Kolonialtruppen von 1904 bis 1908 bis zu 100.000 Ovaherero und Nama und sperrten die Überlebenden in Konzentrationslager. Insgesamt wurden in dieser Zeit etwa 80% des gesamten Ovaherero Volkes getötet.

Trotz des Ausmaßes und der Systematik der Verbrechen dauerte es bis 2015, um die deutsche Regierung dazu zu drängen mit der namibischen Regierung in einen offiziellen Dialog der Aufarbeitung zu treten. Erst 2021 verkündigte das Auswärtige Amt eine Einigung: Die deutsche Regierung solle das Leid anerkennen und Geld für "Wiederaufbau und Entwicklung" zahlen. Doch das unterzeichnete sogenannte "Versöhnungsabkommen" wird dem Anspruch an Aufarbeitung und den Forderungen der Ovaherero und Nama nicht gerecht. Ihre Vertreter:innen erkennen das Abkommen nicht an und setzen ihren Kampf um eine angemessene Auseinandersetzung mit den Verbrechen fort.

Im Rahmen der Konferenz "Afrika neu denken 2022" im Oktober kamen zentrale Akteur:innen aus der namibischen Gesellschaft nach Frankfurt, um darüber zu diskutieren was ein tatsächlich gerechter Umgang für die deutsch-namibischen Beziehungen zu bedeuten hat. Im Anschluss entstand das folgende Interview mit Nandiuasora Mazeingo, dem Vorsitzenden der Ovaherero Genocide Foundation, über die Versäumnisse im Kern des Abkommens, die Fortsetzungen kolonialer Verhältnisse, aber auch über die Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft.

medico: Warum erkennen die Vertreter:innen der Ovaherero und Nama das sogenannte „Versöhnungsabkommen“ von 2021 nicht an?

Nandiuasora Mazeingo: Der Kampf der Ovaherero und Nama reicht bereits mehr als 100 Jahre zurück. An verschiedenen Orten der Welt lebend, ringen wir mit ihm um Gerechtigkeit. Und über mehrere Generationen hinweg geführt ist es daher rechtmäßig unser Kampf,der uns mit dem „Versöhnungsabkommen“ versucht wurde zu entreißen. Die namibische und die deutsche Regierung haben das Abkommen in unserem Namen und ohne unsere Beteiligung ausgehandelt, weshalb wir uns klar von einem solchen Scheinprozess distanzieren. Er will auch nicht wirklich eine Lösung herbeiführen. Wir sind diejenigen, die durch den Genozid ihr Land und buchstäblich alles verloren haben. Und es ist eine Geschichte, in der wir heute noch leben.

Das erste Hauptproblem des Abkommens ist, dass wir nicht an den Verhandlungen beteiligt waren. Die UN-Völkermordkonvention von 1948 sagt ganz klar: Völkermord ist kein Verbrechen gegen einen Staat, sondern ein Verbrechen gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, zum Beispiel Stämme und ethnische Gruppen. Trotz dieser Definition werden unsere Stimmen nicht gehört, sondern zum Schweigen gebracht, indem wir aus dem Prozess ausgeschlossen werden. Namibia existierte noch nicht, als die Verbrechen begangen wurden und die Regierung setzt sich größtenteils aus Personen zusammen, die nicht zu den betroffenen Gruppen gehören. Dennoch schreibt sich dieser moderne Staat die alleinige Befugnis zu, jene Gerechtigkeit zu definieren, ohne jemals um ein Mandat von uns dafür gebeten zu haben. Daher kommt das „Versöhnungsabkommen“ dem vielleicht wichtigsten formalen Anspruch nicht nach: Die Definition durch die Opfer, um zu garantieren, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt und sich ein solches Verbrechen nicht wiederholen kann. Das Abkommen ist nicht unseres und handelt im Wesentlichen auch nicht von uns.

Sollte es für Deutschland nicht auch möglich sein, diesen Prozess sowohl auf staatlicher Ebene als auch in direkten Gesprächen mit den Nachkommen der Opfer zu führen?

So ist es. Denken wir an die Reparationen im Zusammenhang der Shoah; hier hat der deutsche Staat - um wieder in den Club der "westlichen zivilisierten Staaten" aufgenommen zu werden - mit den 23 jüdischen Komitees gesprochen, die sich in der Jewish Claims Conference zusammenfanden. Nur einige von ihnen waren israelische Bürger:innen, weshalb sie sich nicht nur durch den Staat Israel vertreten lassen konnten sondern sich selbst repräsentierten. Da in dieser Hinsicht ähnliche Bedingungen wie beim Völkermord an den Ovaherero und Nama vorliegen, fordert ein entsprechender Beschluss aus dem Namibischen Parlament von 2006 dreiseitige Gespräche. Er fordert einen Prozess zwischen den beiden Regierungen, wobei dem namibischen Staat ausdrücklich die Rolle einer Vermittlerin zugewiesen wird. Er soll den Betroffenen, die zum Teil ja auch außerhalb des Landes leben, den Zugang zu den Gesprächen erleichtern und sicherstellen, dass ihre Stimmen gehört werden. So hätten die Verhandlungen über die Shoah eine passende Vorlage liefern sollen. Dort unterzeichnete Deutschland schließlich zwei Protokolle: Das erste wurde mit dem Staat Israel unterzeichnet, das zweite mit der Jewish Claims Conference.

Hat die deutsche Regierung versucht, ein Gespräch mit euch zu beginnen?

Letztes Jahr wollte der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Namibia reisen, um sich vor dem namibischen Parlament zu entschuldigen. Wir haben daraufhin gesagt: Auch wenn wir uns heute ebenfalls als Namibianer:Innen identifizieren, haben wir als Ovaherero zugleich unseren eigenen Vorsitz, der bereits seit über 150 Jahren besteht und unseren Kampf zu großen Teilen alleine getragen hat. Wer wirklich das Unrecht der Vergangenheit angehen will, ist dort an der richtigen Stelle. Für uns ist eine Entschuldigung ausschließlich vor dem Parlament daher die größte Beleidigung und Kränkung. Darin spiegelt sich die alte rassistische Haltung wieder, uns keinerlei Bedeutung zukommen zu lassen. So soll selbst eine Entschuldigung für Verbrechen gegen uns an eine andere Person überreicht werden, denn wir sind nicht wichtig genug, dass man direkt auf uns zugeht.

Das Gleiche geschah in diesem Jahr, als Sima Luipert, meine Kollegin von der Nama-Seite, nach Berlin kam. Die Außenministerin Annalena Baerbock weigerte sich, uns zu empfangen. Für lange Zeit hielten wir die Grünen für Freund:innen unseres Anliegens, weshalb wir sehr optimistisch waren, als sie 2021 in die Regierung gewählt wurden. Wir dachten, dass sich jetzt eine Gelegenheit für uns auftäte. Aber um ehrlich zu sein, wurden wir bald an das bekannte Sprichwort erinnert: „Einmal an der Macht, sind Politiker:innen alle gleich.“  Und nun wollen sie uns nicht einmal mehr treffen. Das ist sehr enttäuschend, aber vielleicht nicht sonderlich überraschend.

Was kritisierst du am Inhalt des „Versöhnungsabkommens“?

Der Parlamentsbeschluss von 2006 fordert nicht nur dreiseitige Gespräche. Er fordert auch, dass Deutschland den Völkermord als solchen anerkennen und Schuld eingestehen muss. Genozid ist ein juristisches Konzept mit rechtlichen Möglichkeiten, Konsequenzen und Strafen. Es ist nicht lediglich ein politischer oder moralischer Begriff. In dem Abkommen weigert sich Deutschland seine Schuld einzuräumen und windet sich um ein klares Eingeständnis herum. In ihm wurde festgehalten, dass es sich nur aus heutiger Sicht um einen Völkermord handle, weil die Opfer damals noch nicht als Menschen angesehen wurden. Dies rechtfertigt im Grunde sogar die Argumentation mit der General von Trotha, Kommandeur der deutschen Kolonialtruppen, die Ermordung unseres Volkes legitimierte: Das rassistische Argument, die anderen seien "Wilde", sie verdienten ihr Land nicht und wir als "überlegene Rasse" müssten es uns nehmen.

Wenn Deutschland die Schuld am Völkermord leugnet, so wandelt sich das Ganze von einer Diskussion über Reparationen zu einer Frage von Entwicklungshilfe. Und diese wird dann zu einer Sackgasse. Denn man kann nicht auf etwas aufbauen, das strukturell und grundlegend fehlerhaft ist. Wir müssen über Reparationen sprechen, die eine Strafe für ein Verbrechen sind und nichts mit dem guten Willen freiwilliger Hilfen zu tun haben.

Kompromisse wie diese sind der Grund für viele Probleme, mit denen wir noch heute konfrontiert sind. 1982 haben auf dem Weg zu unserer Unabhängigkeit Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Kanada und die USA die privaten Eigentumsrechte der Weißen in der namibischen Verfassung verankert. Unsere Unabhängigkeit ist damit erkauft worden, das Recht auf das von uns geraubte Land, abzutreten.  Was hätten wir also davon, wenn wir mit Vereinbarungen weitermachen, die keines der Probleme lösen würde, die wir heute wie seit über 100 Jahren haben?

Was bedeutet es, dass die Nachfahren der deutschen Siedler immer noch einen Großteil des Landes besitzen, das eurem Volk gestohlen wurde?

Heute leben viele Ovaherero und Nama in Armut, weil sie ihres Landes und ihrer anderen kulturellen und spirituellen Besitztümer beraubt worden sind. Wir, die Ovaherero, sind seit jeher Hirten und Viehzüchter, und um Viehzucht zu betreiben, braucht man Land. Nach dem Genozid wurden die Menschen zusammengetrieben und in Konzentrationslager gesteckt. Und als die Konzentrationslager geschlossen wurden, verkaufte man die Menschen als Sklaven an die Deutschen, die unser Land besetzten und unser Vieh gestohlen hatten. Dies geschah nicht einfach durch die Hand Einzelner, sondern auf Basis einer staatlichen Politik, die uns durch Deutschland nach dem Krieg auferlegt wurde.

Mit wenig bis keiner Bezahlung für ihre Arbeit konnten sich die Ovaherero im Laufe der Zeit trotzdem einen kleinen Viehbestand aufbauen. Als sie von den weißen Farmen entlassen wurden, verwies man sie in die so genannten native reserves („Eingeborenen-Reservate“): Kleine Landstücke, auf denen die Ovaherero bis heute leben. Indes wird der größte Teil ihres Landes immer noch von Weißen europäischer Abstammung bewohnt. Und tatsächlich habe ich gehört, dass die meisten von ihnen immer noch ihre deutsche Staatsbürgerschaft haben. Einige von ihnen besitzen riesige Landstriche, manche umfassen mehrere zehntausend Hektar, die die meiste Zeit des Jahres unbewohnt sind, während die Schwarze Mehrheit in den native reserves eingepfercht ist. Das Problem der Landlosigkeit zeigt  ganz klar eine Kontinuität der kolonialen Einstellungen und Verbrechen.

Der deutsche Vernichtungsbefehl ist im Grunde heute noch intakt.

Die Kriegsbedingungen haben formell nie aufgehört zu existieren. Der Vernichtungsbefehl wurde verkündet, so dass die erste Phase darin bestand, unser Volk – das damals schon unbewaffnet war und sich gerade so noch von wild wachsenden Früchten ernähren konnte – zu jagen und militärisch zu töten. Die zweite Phase bestand aus Konzentrationslagern, in denen die Eingesperrten zu Tode gearbeitet wurden. All dies hat zu dem heutigen Zustand von Armut, Landlosigkeit und Vertreibung geführt. Was heute geschieht, sind Fortführungen des Kolonialismus. Wenn Deutschland uns zum Beispiel das Recht verweigert, für uns selbst zu sprechen, bleibt das für uns eine Art von Vernichtung. Denn es drückt aus, dass wir in ihren Augen ein Volk sind, das nicht existiert.

Wie denken die Menschen in Namibia über ihre Situation? Gibt es noch Wut?

Es gibt eine Menge Wut. Vor allem unter unserer Jugend in den native reserves, denn sie haben nicht einmal Land, um ihre eigenen kleinen landwirtschaftlichen Betriebe zu gründen, sie haben keine Perspektive. Gleichzeitig sind sie von weiten eingezäunten Landstrichen umgeben, deren weiße Besetzer größtenteils nicht einmal dort leben. Diese halten dort wilde Tiere als Attraktion für weiße Urlauber:innen, die während der Wintermonate für ihre Safari-Reisen herkommen. Es gibt also viel Wut. Oft wurden schon aus Frustration und Protest die Zäune aufgeschnitten, um die Tiere auf dem Land unserer Vorfahren grasen zu lassen. Die junge Generation unterstreicht mit ihrem Widerstand, die Wahrheit, dass direkt hinter diesen hohen hässlichen Zäunen ihr Land liegt. Unserer Ansicht nach schützt und stärkt Deutschland in Namibia die wirtschaftlichen Interessen der wenigen weißen Besatzer unseres Landes, die unsere Geschichte weitgehend missachten und sie weiterhin leugnen.

Welche Zukunftsperspektiven siehst du für euren Kampf? Und welche Rolle sollte die deutsche Gesellschaft in diesem Prozess spielen?

Einerseits wünschen wir uns, dass sich die Nachfahren der weißen Siedler:innen mit uns an den Tisch setzen und ins Gespräch kommen. Denn trotz unserer unterschiedlichen Geschichte erkennen wir an, dass auch sie in Namibia geboren wurden und dass wir eine gemeinsame Zukunft als Namibier:innen haben. Letztlich muss es bei dem Abkommen darum gehen, Brücken zwischen unseren Völkern zu bauen, es muss darum gehen, dass wir zusammenkommen, heilen und vergeben, aber nicht vergessen. Es ist also kein Prozess zwischen Politiker:innen, sondern ein Prozess zwischen Gesellschaften und Individuen.

Auf der anderen Seite muss die deutsche Gesellschaft verstehen, dass das „Versöhnungsabkommen“ uns von ihren Vertreter:innen aufgezwungen wird. Ihre schmutzige Arbeit geschieht in eurem Namen. Wenn ihr also schweigt, seid ihr einverstanden mit dem, was sie tun. Wir haben alles verloren und es gibt für uns keine Möglichkeit, zu vergessen, zu vergeben und weiterzumachen, solange es nicht einen aufrichtigen Prozess gibt, der sicherstellt, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird, ohne Kompromisse einzugehen. Betrachten wir das Gesamtbild, sollte es bei diesem Kampf letztlich auch um globale Zusammenarbeit, Frieden und Gerechtigkeit gehen.

Wenn wir hiermit Erfolg haben, könnten auch andere ehemalige Kolonialmächte den Weg Deutschlands und der Ovaherero und Nama einschlagen. Es ist ein globales Ringen, bei dem Zusammenarbeit, Interdependenz und die Unteilbarkeit der Welt zur Verhandlung stehen. Es ist ein Kampf für uns alle.

Das Interview führte Julia Manek. Übersetzung und Bearbeitung: Moritz Köhler

Veröffentlicht am 05. Dezember 2022

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