Ukraine

Fragwürdiger Umgang

Die Verleihung des „Sacharow-Preis für geistige Freiheit“ an „das ukrainische Volk“ ist Teil einer Beschwörung des Nationalen im Kontext des Krieges.

Von Katja Maurer

Heute verleiht das Europäische Parlament dem „tapferen ukrainischen Volk“, so die Parlamentspräsidentin Roberta Metsola, den „Sacharow-Preis für geistige Freiheit“. Die beiden größten Parlamentsfraktionen aus Christdemokraten und Sozialisten hatten dies mit überwältigender Mehrheit beschlossen. Das europäische Parlament beteiligt sich an der Nationenwerdung der Ukraine auf affirmative Weise, während die russischen Truppen diesen Prozess durch seine Negation verstärken. Worauf sich das „ukrainische Volk“ gründet außer auf seine Grenzen, die von Russland so massiv verletzt werden, bleibt unklar. „Geistige Freiheit“ ist normalerweise nicht Sache eines Volkes, das sich auf einen Staat, eine Ethnie, oder eine Verfassung beruft. Geistige Freiheit ist doch zuallererst die Entschlossenheit eines Einzelnen oder einer Gruppe sich gegen eine Mehrheit zu stellen, sich zu riskieren. Gegen das „ukrainische Volk“ stand Julian Assange zur Wahl. 

Die Preisverleihung gehört zu einer unheimlichen Beschwörung des Nationalen, die im Zusammenhang mit der Ukraine weithin stattfindet. So beschloss der Bundestag am 30. November, den Holodomor – also die unter Stalin künstlich erzeugte Hungersnot – als Völkermord anzuerkennen und schloss sich damit einer nationalen Lesart dieses Verbrechens und seiner Instrumentalisierung als nationales Opfernarrativ der Ukraine an.

Der Holodomor war zweifellos ein monströses Verbrechen an der Bauernschaft in der Ukraine, insbesondere im äußerst fruchtbaren Schwarzerdegebiet, und nicht nur dort. Die sogenannte Entkulakisierung kostete Millionen Opfer in vielen Regionen der damaligen Sowjetunion. Selbst Michail Gorbatschow berichtet in seiner Autobiografie davon, dass sein Großvater, ein analphabetischer Bauer aus der Region Krasnodar, im Süden Russlands, im Rahmen der Entkulakisierung ins sibirische Arbeitslager kam und nie mehr zurückkehrte. 

Die Aufarbeitung der stalinschen Verbrechen hat hingegen kaum stattgefunden. Eine Chruschtschow-Geheimrede, die dem Stalinismus abschwor, und wenige Jahre Perestroika unter Gorbatschow haben es nicht vermocht, eine Erinnerungskultur zu begründen, die Voraussetzung für eine demokratische Perspektive im postsowjetischen Raum wäre. Dass Putin im Zuge des Krieges gegen die Ukraine auch die Organisation Memorial verbot, die als eine der wenigen dafür stand, die Erinnerung an diese Verbrechen wachzuhalten, zeigt auf beängstigende Weise, wie sehr Geschichtspolitik  und Geschichtsklitterung Teil der Kriegsführung ist.  

Das Menschheitsverbrechen der Entkulakisierung verglich der sowjetische Schriftsteller Wassilij Grossman in seiner zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Erzählung „Alles fließt“ mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gegen Jüdinnen und Juden und andere Gruppen, die zur Vernichtung vorgesehen waren. Erst musste man diese Gruppe entmenschlichen, in diesem Fall nicht rassisch sondern als soziale Klasse definiert, um diesen Massenmord überhaupt möglich zu machen. Grossman schildert, wie gezielt ganze Dörfer und Familien in ihren Hütten in der Ukraine ausgehungert wurden. In der Vorahnung, dass die Geschichte kaum erzählt werden wird, beschreibt er die Agonie des Hungertodes in unerträglicher, kaum lesbarer detaillierter Drastik. Wer die Texte der weißrussischen Autorin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexejewitsch gelesen hat, weiß zudem, dass die Stalinzeit in vielen Familienbiografien im sowjetischen Raum tiefe Spuren hinterlassen hat. Sehr häufig finden sich Täter und Opfer im selben Verbund. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus war der Stalinismus eine potentielle Bedrohung für jede und jeden einzelnen in der Sowjetunion. Wer ihn überlebte, war Täter oder Opfer oder beides zugleich. 

Das alles findet sich in der Holodomor-Resolution des Bundestages nicht. Sie dient einzig der Legitimation für die Unterstützung der Ukraine im Krieg. Man habe, so hieß es in der Bundestagsdebatte, dem Holodomor in der Ukraine nicht genug Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Das stimmt, was die Geschichte Westdeutschlands angeht, nicht. Die Anprangerung des Stalinismus, wie des ganzen sowjetischen Systems, war Teil des westdeutschen Antikommunismus, der die Westbindung der alten Bundesrepublik begründete. Tatsächlich aber hatte man damals alles unter dem „Wettkampf der Systeme“ verbucht. Nationale Fragen interessierten weniger. 

Dreißig Jahre nach Ende des sowjetischen Imperiums setzt sich mit einer vom deutschen Parlament verabschiedeten Erklärung des Holodomor als Völkermord wie mit der Preisverleihung des Europäische Parlaments an das ganze ukrainische Volk nun eine nationale Lesart der ukrainischen Geschichte auch außerhalb der Ukraine als reines Opfernarrativ durch. 

Das  ist ein fragwürdiger Umgang mit Geschichte. Zudem lässt sich darüber streiten, ob im Falle des Holodomor Völkermord der sachlich angemessene Begriff ist. Noch schwieriger wird es, wenn man, wie der Historiker Jürgen Zimmerer das kürzlich tat, darauf verweist, dass sich Deutschland mit der Bezeichnung Völkermord bei eigenen rassistisch begründeten Verbrechen extrem schwer tut. Deutsche Bundesregierungen verweigerten jahrzehntelang unter fadenscheinigen Begründungen der Auslöschung von Herrero und Nama in Namibia durch deutsche Kolonialtruppen den Begriff Völkermord. Die deutschen Kolonialbeamten setzten damals übrigens ebenfalls den Hunger als Vernichtungswaffe ein. 

Während Deutschland unter großen Mühen endlich anfängt, sich als Einwanderungsland zu begreifen, setzt sich eine nationalistische Geschichtsauffassung durch, wenn es um Osteuropa geht. Es gibt da wohl keinen großen Plan, sondern nur eine Menge Widersprüche. Dass nationale Mythen beschworen werden können und ein antikommunistisches Ressentiment ohne Kommunisten als Bindemittel im kollektiven Gedächtnis des Westens jederzeit zur moralischen Nutzung bereit liegt, zeigt wie dünn das Eis ist, auf dem Demokratie und die Idee des Einwanderungslands aufruht.

Veröffentlicht am 14. Dezember 2022
Katja Maurer

Katja Maurer

Katja Maurer leitete 18 Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Heute verantwortet sie die medico-Sprache, das Rundschreiben und bloggt regelmäßig auf der medico-Website.


Jetzt spenden!

 

Wir verwenden Cookies zur Bereitstellung und Verbesserung unserer Website. Weitere Informationen.