Gesundheitsbewegung

„Die Krise hat uns zusammengebracht“

Südafrikas Gesundheitsbewegung leistet in der Pandemie Großes. Auch die Regierung erkennt das mittlerweile an. Von Berenice Meintjes

Corona hat Südafrika wirklich hart getroffen. Und doch bin ich, so seltsam das klingen mag, immer wieder von Stolz erfüllt. Worauf ich so stolz bin, ist die Art und Weise, wie südafrikanische Nichtregierungsorganisationen auf diese Krise reagiert haben. Staunend habe ich beobachtet, wie meine Kolleg*innen Tag und Nacht arbeiteten, auch an den Wochenenden und an solchen Tagen, die wir vor einer gefühlten Ewigkeit einmal Feiertage nannten. Die Aktivist*innen haben sich über Online-Plattformen zusammengeschlossen, intelligente wissenschaftliche und strategische Analysen durchgeführt, und so die wichtigsten Probleme koordiniert in Angriff genommen. Dass solch eine energische und anspruchsvolle Debatte über eine Reihe von Textnachrichten geführt werden kann, war mir nicht bewusst!

Am 5. März 2020 hatte Gesundheitsminister Dr.Zweli Mkhize den ersten Corona-Fall in Südafrika bestätigt. Am 18. März rief der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa den nationalen Notstand aus und verordnete einen “Lockdown”, welcher die Einschränkung der Reisefreiheit sowie die Schließung aller Schulen und nicht-essentiellen Geschäfte bedeutete. Ein Solidaritätsfonds wurde gegründet, zu dem die Regierung, einheimische und internationale Unternehmen und Spender*innen beitrugen. Auch einige Sozialleistungen wurden ausgeweitet und verlängert.

Anfang Juni 2020 wurden einige Einschränkungen aufgehoben, was geschäftliche Aktivitäten sowie inländische Geschäftsreisen wieder ermöglichte. Außerdem wurden die Schulen schrittweise wieder geöffnet, doch seit die Infektionszahlen daraufhin massiv anstiegen, wurden Mitte Juli die Maskenpflicht und weitere Ausgangssperren wieder eingeführt. Laut Angaben des Gesundheitsministeriums hat es nach aktuellem Stand (21. Juli 2020) 373 628 bestätigte Fälle von COVID-19 gegeben, wovon 194 865 genesen sind; 5173 Menschen starben. Nachdem zunächst der Großteil der Fälle in der Provinz Westkap gemeldet wurde, hat sich der Virus inzwischen im ganzen Land und insbesondere in der Provinz Gauteng mit der Metropole Johannesburg ausgebreitet. Da die Mehrheit der Tests vom Privatsektor durchgeführt wird, hat die ohnehin begrenzte Verfügbarkeit sowie ein Rückstand bei den Tests dazu geführt, dass momentan nur Menschen mit Symptomen getestet werden. Es besteht die Sorge, dass die tatsächliche Anzahl der Fälle im Land deutlich höher ist, als die Testergebnisse vermuten lassen. Auch mangelt es weiterhin an Krankenhausbetten im öffentlichen Sektor, trotz der Feldkrankenhäuser und zusätzlichen Intensivbetten. Aktuell laufen Verhandlungen zwischen den staatlichen und privaten Gesundheitseinrichtungen und dem dazugehörigen Personal. 

Die sozialen Folgen der Corona-Maßnahmen

Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns stellen eine der größten Herausforderungen von COVID-19 in Südafrika dar. Die vielen Menschen im informellen Sektor und die Kleinunternehmer*innen haben keine Rücklagen und leben von der Hand in den Mund; nun ist ihr Einkommen völlig weggebrochen. Die Arbeitslosenquote in Südafrika wird voraussichtlich auf 50% steigen. Viele NGOs konzentrieren sich jetzt darauf, der durch die Krise entstehenden Armut und dem Hunger durch Essenslieferungen und unterstützende Ernährungsprogramme unmittelbar etwas entgegenzusetzen.

Was die Eindämmung der Auswirkungen des Virus angeht, können wir hier in Südafrika immerhin auf die wissenschaftliche Forschung und die bisherigen globalen Erfahrungen des progressiven Gesundheitssektors zurückgreifen, um unser weiteres Vorgehen zu planen. Allerdings sind wir auch mit der Herausforderung konfrontiert, diese Ideen an unseren komplexen, vielschichtigen Kontext anzupassen und umzusetzen. Die krasse Ungleichheit und die Kombination aus sehr wohlhabenden und extrem armen Gesellschaftsgruppen ist nach wie vor eine unserer größten kollektiven Herausforderungen. Natürlich hat Südafrika bereits zahlreiche Krisen erlebt: sei es die Überwindung des Apartheid-Regimes und der offene Diskurs über Rassismus, die faire und würdevolle Behandlung der mit HIV und Aids lebenden Menschen oder die Entwicklung von Strategien, um den akuten Anstieg sexualisierter und genderspezifischer Gewalt sowie die extreme, durch die Ungleichheit noch verstärkte Armut zu bekämpfen – wir verfügen über eigene Erfahrungen und Stärken, auf die wir in dieser Krise bauen können. NGOs, die in diesen Bereichen arbeiten, haben starke Netzwerke aufgebaut und so eine Bandbreite von Kompetenzen zusammengebracht: dazu gehören sowohl diejenigen, die in gemeindebasierten Solidaritätsbewegungen aktiv sind, als auch solche, die die marginalisiertesten und verwundbarsten Mitglieder der Gesellschaft vor den höchsten Gerichten vertreten.

Die Basis-Gesundheitsarbeiter*innen

Das von medico unterstützte Community Health Worker Netzwerk-Projekt illustriert dies sehr gut: es ist ein vielseitiges, aber dennoch fokussiertes Netzwerk, das aus 5 NGOs und selbstorganisierten Community HealthWorkers (CHWs) in beinahe allen Provinzen besteht. Das im Jahr 2014 ins Leben gerufene Netzwerk, welches sich vor allem für Arbeitsrechte und die psychosoziale Unterstützung der CHWs einsetzt, war bereits gut eingespielt, als COVID-19 Südafrika erreichte. Dem Netzwerk war sofort bewusst, dass die CHWs erneut ohne ausreichenden Schutz für ihre persönliche Gesundheit an vorderster Front der Krankheitsbekämpfung stehen würden, wie es bereits mit HIV und AIDS sowie Tuberkulose (TB) geschehen war. Daher konzentrierte es seine Kräfte sofort auf den Bedarf an persönlicher Schutzausrüstung (PSA) wie Masken, Handschuhe und Handdesinfektionsmittel für die CHWs. Das ist auch bedeutsam für das Verhältnis zu den Patient*innen, wie Ntombetemba, eine CHW vom Westkap und Mitglied des Südafrikanischen CHW-Forum (SACWF) in einem online-Meeting berichtete: „Die Patient:*nnen gewähren uns keinen Zutritt zu ihren Häusern, weil sie sagen „Ihr seid es, die Corona verbreiten“ weil wir von Tür zu Tür gehen. Wir stehen an der Tür und sind nicht in der Lage, unsere normalen Pflichten zu erfüllen, wie zum Beispiel ein neugeborenes Kind zu wiegen, Ratschläge zum Stillen zu geben oder Blutdruck zu messen. Wir wissen, dass wir das nicht ohne vollständige PSA machen können – es muss uns möglich sein, hineinzugehen und Fragen zur Situation zu stellen, anstatt von draußen zu rufen „Wie geht es Ihrem Kind?“ Der Kampf darum sicherzustellen, dass CHWs mit adäquater PSA (Masken, Schürzen, Desinfektionsmittel) ausgestattet werden, geht weiter.

„Diese Krise hat uns zusammengebracht“

Die NGO People’s Health Movement South Africa (PHM-SA) unterstützt die CHWs. Gemeinsam mit über 40 NGOs und 77 Fachleuten im ganzen Land hat sie die C19 People’sCoalition auf die Beine gestellt, welche inzwischen ein breites Bündnis aus über 310 Organisationen – sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Gemeinschaftsorganisationen und NGOs - ist, das sich auf unterschiedliche Aspekte der Pandemie konzentriert. Innerhalb dieses Bündnisses gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich speziell um die Bedürfnisse der CHWs kümmert. TinasheNjanji, der Koordinator des PHM-SA CHW Netzwerk-Projekts erklärt „Es haben sich eine Reihe von Arbeitsgruppen gebildet, die sich unter anderem mit genderbezogener Gewalt, wirtschaftlichen Bedürfnissen, Bildung und Gesundheit auseinandersetzen. Diese Krise hat uns zusammengebracht. Wir sind uns einig über die Kernprobleme, die angegangen werden müssen; der Schutz der CHWs beispielsweise hatte oberste Priorität.“

Bis jetzt hat die Arbeitsgruppe Eingaben über die Priorisierung der PSA und die Fortbildung der CHWs beim Präsidenten, dem Gesundheitsminister und regionalen Gesundheitsmanager*innen gemacht, wissenschaftliche Forschungen durchgeführt und veröffentlicht, Sensibilisierungs- und Informationskampagnen gestaltet, Mechanismen zur Meldung von Versorgungsengpässen bei PSA entwickelt, Empfehlungen für politische Reformen gegeben, Artikel in den Medien geschrieben, persönliche Erfahrungsberichte von CHWs gesammelt und Webinare für die CHWs organisiert, bei denen diese ihre Bedürfnisse äußern können, wie zum Beispiel auf einem Webinar zu „Frauen im Lockdown“, wo Patrica Makhubu, eine CHW des Gauteng CHW-Forums, die emotionalen Herausforderungen für CHWs während der Pandemie folgendermaßen beschrieb:„Wir sind sehr emotional und traurig – wir lieben unsere Arbeit und die Arbeit in der Gemeinde, aber es fühlt sich an, als würden wir umsonst arbeiten. Wir werden vom Ministerium im Stich gelassen, dennoch nennen sie uns Arbeiter*innen anvorderster Front. Niemand fragt uns “Wie geht es dir? Wie beeinflusst dich die Situation?“ Die Arbeitgeber*innen kommen nicht, um sich anzusehen, was bei uns los ist – sie sagen, die PSA sei verfügbar, aber hier ist nichts angekommen. Wir sind jeden Tag mit diesen Herausforderungen konfrontiert. Letzte Woche musste ich eine Person im Bett untersuchen – ich weiß nicht einmal, wie ich ihre Symptome beschreiben soll, aber sie war bettlägerig. Sie nicht anzufassen,war für mich, als ob ich ihr sagen würde, sie sei schon tot, aber weil ich keine Handschuhe hatte, konnte ich sie nicht anfassen. Ich konnte nur sagen „Ich werde dich an die Klinik überweisen“.

Forderungen an Regierung

Die Regierung reagierte nur langsam auf die Forderungen und die Koalition der CHWs hat oft auf die Aufmerksamkeit der Medien zurückgegriffen, um ihre Anliegen voranzubringen. Es ist dabei schwierig, die Balance zwischen gemeindebasierter Solidarität, selbstorganisierter Unterstützung und sofortiger Nothilfe und dem Kampf um angemessene staatliche Versorgung zu bewahren. Das Bündnis behält jedoch stets einen selbstreflexiven Blick auf die größeren Prozesse bei. Auch Dank der schnellen Unterstützung durch medico international (mitfinanziert durch das BMZ) konnten die NGOs den CHWs rasch PSA direkt zur Verfügung stellen, während sie gleichzeitig Druck ausüben, damit die bürokratischen Prozesse der Regierung und des Solidaritätsfonds vorankommen und die dringend notwendigen Materialien die CHWs in den Kliniken und in den ländlichen Gebieten auch erreichen.  

Die C19 People’sCoalition arbeitet zusammen an der Bekämpfung der Krise. Eine Initiative beinhaltet die Einforderung ethisch vertretbarer Verträge zwischen dem privaten und dem öffentlichen Gesundheitssektor, da die Zahl der mit COVID-19 infizierten Menschen bereits stark ansteigt und die Betten- und Personalkapazitäten der staatlichen Krankenhäuser übersteigt. Diese Arbeit wird letztlich als Basis für die kommende nationale Krankenversicherung angesehen, und die Bewegung hofft, auf diese Weise Richtlinien und Praktiken festzulegen, die zu einem gerechteren Gesundheitssystem in Südafrika beitragen.

Gesundheitsversorgung ist ein Grundstein für eine gleichberechtigtere Gesellschaft. Somit trägt die unglaubliche Arbeit der NGOs in dieser Pandemie dazu bei, einen durchdachten und strategischen Weg hin zu einer gerechteren Welt zu ebnen, von der wir alle profitieren. Tinashe Njani vom PHM-SA brachte dies auf den Punkt: „Das C19-Bündnis hat das Wachstum und die Reife innerhalb unserer Zivilgesellschaft und den NGOs gezeigt. Wir haben zusammengearbeitet, um für eine progressive Antwort auf das Coronavirus und darüber hinaus zu kämpfen.“

Berenice Meintjes ist Lokalkoordinatorin des medico-CHW-Netzwerkprojekts in Südafrika

 

Der jahrelange Kampf der Community Health Worker (CHW), den medico seit 2014 umfangreich unterstützt, hat in der Provinz Gauteng (rund um die Metropolen Johannesburg und Pretoria) zu einem wirklichen Erfolg geführt – statt schlecht bezahlter und prekärer Kurzzeitverträge sollen ab 1.Juli 2020 alle CHW in der Provinz (ca. 7000 Personen, hauptsächlich Frauen) Festanstellungen bekommen, mit einem mehr als doppelt so hohen Gehalt, von dem man auch leben kann, sozialer Absicherung und Rentenansprüche bei Berufsunfähigkeit. Das Gauteng CHW Forum, die Selbstorganisation der CHW in der Provinz, die für diesen Erfolg gekämpft haben, schreibt uns in einer SMS: „Eure Unterstützung war von unschätzbarem Wert in dieser ganzen Zeit.“

Spendenstichwort: Südafrika

Veröffentlicht am 21. July 2020

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