Siedlungspolitik in Israel

Beduinendorf Umm al-Hiran droht Abriss

Warten auf die Zwangsräumung. Beduinen in Umm al-Hiran. (Foto: Adalah)
Warten auf die Zwangsräumung. Beduinen in Umm al-Hiran. (Foto: Adalah)
In der Negev-Wüste herrscht kein Mangel an Platz. Doch die neue Stadt Hiran soll ausgerechnet dort gebaut werden, wo noch ein Beduinendorf steht.

Die Beduinen aus  Umm al-Hiran sollen verschwinden. Ihr Dorf soll abgerissen werden. Die  Negev-Wüste ist dünn besiedelt. Eine Erklärung, wieso die neue jüdisch-israelische Stadt Hiran ausgerechnet auf dem Flecken gebaut werden muss, an dem bisher noch das palästinensische Dorf steht, blieb der Staat bislang schuldig. Der Oberste Gerichtshof kam offenbar nicht darauf, im Rechtsstreit zwischen beduinischen Bürger*innen und dem Staat dafür eine Erklärung zu verlangen. Die Geographie des Negev/Naqab und weitläufige Verfügbarkeit von Land hätte eine einvernehmliche Lösung eigentlich einfach gemacht.

Der medico-Partner Adalah, der die Gemeinde rechtlich vertritt, hat nun die letzten Mittel ausgeschöpft, um die bevorstehenden Abrisse zu verhindern – ohne Erfolg. Die israelische Grundverwaltung hat die Bitte um Aufschub abgelehnt und stattdessen die zuständige Behörde mit der Ausführung der Abrisse ab dem 22. November beauftragt. Sie hat außerdem in einer ersten Schätzung angekündigt, wie viel die Abrisse die Betroffenen mindestens kosten werden. Neben den Kosten für die eigentlichen Abrisse seien „die Kosten für die Entsendung der Polizei, die noch unklaren Kosten für weitere Kräfte zur Unterstützung, Sicherheit, die Abriegelung des Gebiets sowie die Koordinierung der Fahrzeuge  zwecks Verhaftungen und Eindämmung von Widerstand zu berücksichtigen“. Gegenüber palästinensischen Bürger*innen Israels ist es eine gängige Praxis, ihnen die Kosten für Abrisse in Rechnung zu stellen. Die Aussicht darauf, das eigene Haus zu verlieren und obendrein den Abriss noch teuer bezahlen zu müssen, treibt einige dazu, ihre Häuser selbst zu demolieren.

Die Beduinen von Umm al-Hiran, stammen eigentlich aus dem Dörfchen Khirbet Zubaleh und wurden 1956 von dort aus Gründen der Bevölkerungskontrolle durch die Regierung des jungen Staates Israel per Militärbefehl zwangsumgesiedelt. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs für eine erneute Zwangsumsiedlung und gegen das Recht der mittlerweile fast 1.000 Menschen in Umm al-Hiran zu bleiben, erfolgte 2015.

Die jetzigen Einwohner des arabischen Dorfes sollen in ein nahegelegenes Township für Beduinen umgesiedelt werden, wo den Menschen ihre bisherige Lebensweise unmöglich würde. Es gibt keinen Platz für ihre Tiere, die Arbeitslosigkeit ist hoch und infolge der Armut auch die (Drogen-) Kriminalität. Die Einwohner haben Angst um ihre Kinder. Konflikte würden auch dadurch geschürt, dass der Staat die Beduinensiedlung auf dem Land eines anderen Stammes errichtet hat. Die erneute Zwangsumsiedlung bedeutet deshalb nicht nur für die Menschen aus Umm al-Hiran neues Unrecht, sondern auch für die Aufnahmegemeinde, die schon jetzt nicht genügend Platz hat, um ihre traditionelle Lebensweise konfliktarm aufrecht erhalten zu können.

Im nahen Yatir-Wald, auf der israelischen Seite der Grünen Linien, nur wenige hundert Meter von einem Checkpoint zur südlichen Westbank, harren unterdessen seit Jahren israelische Siedler*innen aus und warten beharrlich auf die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung von Umm al-Hiran, damit sie nach Hiran übersiedeln können. Sie leben in einer kleinen, idyllisch gelegenen Waldsiedlung, deren Standort nicht ohne weiteres auffindbar ist, nur wenige Kilometer entfernt von Umm al-Hiran. Nach eigener Aussage wollen sie zur Stabilisierung einer jüdischen Mehrheit im Negev beitragen und nach Hiran übersiedeln, sobald es gebaut wird. Jetzt könnte es so weit sein.

 


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