Globale Gesundheit

Armut macht krank, Krankheit macht arm

City of Slums, Nairobi, Kenia
Ein ungesundes Meer aus Wellblechhütten. Zwei von drei Bewohnern Nairobis leben in Slums. (Foto: Holger Priedemuth)
Das Recht auf den Zugang zu bestmöglicher Gesundheit – verankert in den Menschenrechten der Vereinten Nationen – wird weltweit jeden Tag millionenfach verletzt. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in aller Welt setzt sich medico international dafür ein, diesen unerträglichen Zustand zu beenden.

Ein Kind, das heute in Japan zur Welt kommt, wird durchschnittlich 85 Jahre alt, während es in Afghanistan nur mit 51 Jahren rechnen kann. Von 1.000 Lebendgeborenen sterben in Mali 178 Kinder, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen; in Schweden weniger als vier. In Sierra Leone arbeiten im ganzen Land weniger Ärztinnen und Ärzte als an der Berliner Charité.

Überall auf der Welt sind es maßgeblich die sozialen und politischen Verhältnisse, die über Leben und Tod entscheiden. Klar, dass dies Arme besonders trifft: Weil sie arm sind, werden sie häufiger krank, können ihre Behandlung nicht bezahlen und sterben früher. Der pure Zufall, wo man geboren wird, entscheidet über Lebenserwartung und -chancen, Heilung oder Leiden, Leben oder Tod. Die Ungleichheiten verlaufen nicht nur entlang geografischer Linien, sondern sind auch soziopolitischen Faktoren geschuldet. So sterben auch in Deutschland Arme durchschnittlich viele Jahre früher als Reiche. Und der Zugang zu Fachärzt*innen ist in einigen Vierteln in Kenias Hauptstadt Nairobi leichter möglich als in Deutschland – vorausgesetzt, man kann die Kosten zahlen.

Medizin als Privileg

Weltweit sterben Millionen Menschen an Krankheiten, die beim heutigen Stand der Medizin leicht heilbar wären. Das liegt daran, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung extrem ungleich verteilt ist. In weiten Teilen der Erde fehlt es aus Geldmangel an Ärzt*innen und medizinischem Fachpersonal, ebenso an Krankenhäusern und Gesundheitsstationen.

Der Mangel an Gesundheitsfachkräften in den Ländern des Südens wird dadurch verschärft, dass die Industrienationen gezielt Fachkräfte abwerben, nachdem die Arbeitsbedingungen sich hierzulande so verschlechtert haben, dass es nicht gelingt, Fachkräfte in ihrem erlernten Beruf zu halten. Der weltweite Brain-Drain ist zu einem systemischen Problem geworden.

Einem Drittel der Weltbevölkerung stehen nicht einmal die wichtigsten Arzneimittel zur Verfügung. Patentregeln im Interesse der Pharmaindustrie führen zu hohen Medikamentenpreisen und verhindern für Millionen Menschen den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten. Sogar medizinische Grundleistungen müssen vielerorts auch in öffentlichen Krankenhäusern aus eigener Tasche bezahlt werden – für Millionen Menschen unerschwinglich. Die Folge: Gesundheit wird zur Ware für Privilegierte. Im Widerspruch zu dieser Entwicklung setzt sich medico für die Schaffung allgemein zugänglicher öffentlicher Gesundheitssysteme ein.

El Salvador: Gesundheitsreform von unten

Über Jahrzehnte war die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung in dem lateinamerikanischen Land und in den Armenvierteln der Städte von einer grundlegenden Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Aufgrund des langen Atems einer starken Zivilgesellschaft ist das heutige El Salvador Vorbild für eine echte Gesundheitsreform von unten: eine Allianz aus linker Regierung und traditionsreicher sozialer Bewegung macht sich daran, das Recht auf den Zugang zu Gesundheit zu verwirklichen. medico unterstützt in diesem Reformprozess das Netzwerk Alianza contra la privatización de la salud (ACCPS), ein 2002 gegründetes Bündnis von Nichtregierungsorganisationen und engagierten Ärztinnen und Gesundheitsarbeitern. Das Netzwerk ist ein entscheidender Akteur in dem nationalen Gesundheitsforum, in dem alle relevanten gesundheitspolitischen Instanzen der Zivilgesellschaft und Akteure des staatlichen Gesundheitswesens vertreten sind. Gemeinsam werden lokale Gesundheitskomitees organisiert, Studien über die aktuelle Gesundheitssituation durchgeführt und Personal im Gesundheitswesen ausgebildet. Eine der Aufgaben der lokalen Komitees ist es, durch kontinuierliche Beobachtung die Umsetzung der Gesundheitsreform zu überprüfen und dadurch den Druck auf die Regierung aufrechtzuerhalten.

Gesundheitsrisiko soziale Ungleichheit

Die medizinische Unterversorgung ist nur ein Teil der weltweiten Gesundheitskrise. Überall auf der Welt sind es die sozialen und politischen Verhältnisse, die weit mehr über Leben und Tod entscheiden als medizinische Faktoren. Denn die Bedingungen, unter denen wir aufwachsen, leben, arbeiten und lernen, beeinflussen unsere Gesundheit entscheidend: Zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr 20 Millionen Menschen an armutsbedingten Krankheiten. Wer arm ist, wird noch immer häufiger krank und stirbt auch früher.

Wer sich vor Krankheiten schützen möchte, ist deshalb manchmal besser beraten in eine Gewerkschaft einzutreten oder auf eine Demo zu gehen als zur Ärztin oder in die Apotheke. Denn nur in sozialen Kämpfen können gesunde Lebensbedingungen für alle erstritten werden: menschenwürdige Arbeitsbedingungen und ein sicheres Einkommen, Zugang zu Bildung und Nahrung, eine anständige Wohnung, ein politisches System, in dem Menschen ohne Angst leben und mitentscheiden können und gesellschaftliche Verhältnisse ohne extreme Ungleichheit. medico international unterstützt weltweit Partnerinnen und Partner, die sich vor Ort für bessere Lebensbedingungen einsetzen und die Menschenrechte verteidigen.

Kenia: Hilfe im Handgemenge

City of Slums, Nairobi, Kenia

Die medico-Partnerorganisation KAPLET (Kamukunji Paralegal Trust) aus Kenia arbeitet dort, wo die Lebensbedingungen krankmachen – in den Slums von Nairobi. Zwei Drittel der Menschen leben hier in Wellblechhütten ohne sichere Wasserversorgung oder sanitäre Einrichtungen. KAPLET stärkt die Slumbewohner*innen darin, im eigenen Interesse aktiv zu werden und ihre Rechte einzufordern. Die Menschen sollen wissen, wie sich eine Ansteckung mit HIV vermeiden und das Malariarisiko reduzieren lässt; dass Frauen sich gegen die Gewalt von Männern wehren können und welche verfassungsmäßigen Rechte sie gegenüber dem Staat und seinen Gesundheitsdiensten haben. „Wenn sie das wissen, tun sich Handlungsmöglichkeiten auf “, erklärt Dan Owalla von KAPLET den Menschenrechtsansatz. Dan und viele Mitstreiter*innen können diese Arbeit in den Slums tun, weil sie hier aufgewachsen sind und weiterhin in den urbanen Elendsvierteln leben. KAPLET verbindet die alltägliche Unterstützungsarbeit mit der Kritik an den krankmachen den gesellschaftlichen Verhältnissen. Private Arztpraxen sind in Kenia für die Armen kaum bezahlbar. Öffentliche Krankenhäuser sind überfüllt und selbst hier werden Behandlungsgebühren verlangt. KAPLET hat erfolgreich gegen das Vorgehen einer Geburtsklinik mobilisiert, die Wöchnerinnen quasi als Geiseln hielt, bis die Behandlungskosten eingetrieben waren.

Gesundheit in der Globalisierung

In einer globalisierten Welt sind die Bedingungen für Gesundheit wesentlich von Regierungsentscheidungen und internationalen Institutionen beeinflusst, die ein Wirtschaftsmodell durchsetzen, das die Lebenswelten und -chancen der Menschen auseinanderdriften lässt. Hinter der weltweiten Gesundheitskrise steht die globale Entfesselung des Kapitalismus, die sich zum Beispiel in mit der Macht des Stärkeren durchgesetzten Handelsbedingungen oder Abkommen zum Investorenschutz zeigt. Ein zerstörerisches System häuft private Profite in ungeheurem Ausmaß an und verteilt Brosamen zur Behebung der Schäden.

Hinzu kommt, dass der globalisierte Kapitalismus nationalen Gesundheitspolitiken Grenzen setzt. Sollen nicht nur Symptome gelindert werden, braucht es eine globale Gesundheitspolitik, die die Ursachen krankmachender Verhältnisse in den Blick nimmt. Hierzu zählen:

  • Unfaire Handelsabkommen, die die Interessen von Unternehmen den Menschenrechten überordnen
  • Patentregeln, die den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten verhindern und die Forschung für die Krankheiten der Armen behindern
  • die Kommerzialisierung und Privatisierung von Gesundheitsversorgung, die medizinische Behandlung für viele unerschwinglich macht
  • Fehlende Besteuerung von Unternehmensprofiten und unkontrollierte Finanzströme, z.B. Steuergeschenke und Steueroasen
  • das Ausbleiben wirksamer Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Es ist an uns

Das Menschenrecht auf den Zugang zu Gesundheit wird der Hälfte der Weltbevölkerung vorenthalten. Es ist nicht hinnehmbar, dass jährlich Millionen Menschen aufgrund von privaten Gesundheitskosten in Armut gestürzt werden, dass Hunderttausende sterben, weil Patente lebenswichtige Medikamente gegen Hepatitis oder Krebs unerschwinglich machen, dass Menschen sich zu Tode schuften oder verhungern müssen, weil ihnen ihr Land geraubt wurde. Globale Gesundheitspolitik braucht daher eine Regulierung der herrschenden Ökonomie. Nicht bi- und multilaterale Handelsverträge zum Schutz der Interessen von Investoren sind notwendig, sondern Verträge, mit denen die Wirtschaft grenzüberschreitend nach sozialen Maßstäben eingehegt wird.

Wir setzen uns für eine an den Grundbedürfnissen der Menschen ausgerichtete Gesundheitsversorgung ein, verstanden als öffentliches Gut, das jeder und jedem überall auf der Welt zusteht. Das kostet Geld. medico fordert daher einen rechtlich bindenden internationalen Umverteilungsmechanismus. Ob es den freien Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten betrifft, das Recht auf ein garantiertes Einkommen, den Zugang zu Bildung und Land, Nahrung und Wasser: All das muss keine Utopie sein. Es fehlt nicht an Geld und Ressourcen, sondern allein an dem politischen Willen, die notwenigen Mittel bereitzustellen. Es ist an uns, dies gemeinsam zu erstreiten.

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