Türkei

Wiederaufbau von unten

01.06.2026   Lesezeit: 7 min

Drei Jahre nach dem Jahrhunderterdbeben obliegt es lokalen Initiativen, den Menschen eine Zukunft zu ermöglichen. medico unterstützt sie.

Von Anita Starosta und Sidar Öztürk

Was sich in der Nacht des 6. Februar 2023 ereignete, stürzte eine ohnehin von Krisen gezeichnete Region in eine noch tiefere humanitäre Katastrophe. Von Hatay über Malatya bis nach Diyarbakir – im Südosten der Türkei verloren Zehntausende Menschen binnen Minuten ihr Leben, Hunderttausende wurden obdachlos.

Politisches Ausmaß des Erdbebens

Das Ausmaß der Zerstörung lässt sich nicht allein durch die Stärke der Erdstöße erklären – solch verheerende Konsequenzen eines Erdbebens sind auch immer Folge der politischen und sozialen Verhältnisse, die erschüttert werden. In der Türkei traf das Erdbeben 2023 auf ein System über Jahrzehnte ignorierter oder aufgeweichter Bauvorschriften, vernachlässigter Kontrollen und weitestgehender Straflosigkeit für die Bauherren illegal errichteter Gebäude. Viele Gebäude stürzten deshalb wie Kartenhäuser in sich zusammen. Was die türkische Regierung als Wachstum und Prosperität inszeniert hatte, entpuppte sich als einkalkulierter Mangel an baulicher Resilienz – ein bis heute nicht aufgearbeitetes Kapitel.

Das Erdbeben traf vorrangig die kurdischen Siedlungsgebiete in der Türkei; Orte, in denen die Repression des Staates gegenüber Zivilgesellschaft und politischen Initiativen seit Jahrzehnten den Alltag bestimmt. Hier kulminierte das staatliche Versagen in den Jahrzehnten vor dem Beben in der Implosion des Katastrophenmanagements danach. Bei einem Erdbeben sind die ersten drei Tage entscheidend, um noch Überlebende aus den Trümmern bergen zu können. Doch besonders die kurdisch und alevitisch geprägten Regionen warteten in diesem neuralgischen Zeitfenster oft vergeblich auf staatliche Hilfe. Gerade obdachlos gewordene Menschen sahen sich rassistischen Hetzkampagnen ausgesetzt und wurden oftmals komplett von Hilfsmaßnahmen ausgeschlossen.

Freiwillige Helfer:innen, lokale Netzwerke und zivilgesellschaftliche Initiativen sprangen ein. Sie organisierten, was staatlich nicht geleistet wurde: unmittelbare Hilfe, Versorgung und Solidarität. Dabei waren sie oft Verhaftungen oder anderer staatlicher Repression ausgesetzt. Bis heute ist es für unsere Partner:innen nicht immer einfach ihre Vorhaben umzusetzen. Regelmäßig sind Projekte aufgrund staatlicher Interventionen mit administrativen Blockaden konfrontiert, eine geplante mobile Klinik wurde sogar beschlagnahmt. Erst seit dem von der kurdischen Arbeiterpartei PKK angestoßenen Friedensprozess in der Region hat sich die Situation ein wenig entspannt; Polizeikontrollen, Verfolgung und bürokratische Hürden haben abgenommen.

Langfristige Kooperationen

Aufgrund langjähriger Beziehungen in den Jahrzehnten zuvor war es medico unmittelbar nach dem Erdbeben möglich, lokale Organisationen bei der Nothilfe zu unterstützen. Dank der großen Solidarität und Spendenbereitschaft in Deutschland fördert medico bis heute unterschiedliche Initiativen und Projekte, die diejenigen unterstützen, die damals alles verloren haben und zu den anhaltenden gesellschaftlichen und politischen Folgen des Erdbebens arbeiten. Die Erinnerungen an die Nacht des Erdbebens, ausbleibende Hilfe und Repressalien gegen Helfer:innen sitzen bis heute tief.

Über Wochen fuhren freiwillige Helfer:innen aus der ganzen Türkei in die Erdbebengebiete, um in abgelegenen Dörfern nach Vermissten zu suchen, Trümmer zu räumen und die Überlebenden in Suppenküchen zu verpflegen. Die in der Not errichteten Containerdörfer stehen vielerorts bis heute, 270.000 Menschen konnten bislang nicht in ihre Heimatorte zurückkehren.

Der staatliche Wiederaufbau ist vielerorts Teil einer strategisch angelegten Bevölkerungspolitik, die auf die Zerschlagung sozialer Strukturen zielt. Neue Stadtviertel werden in der Peripherie anstatt im alten Zentrum errichtet. Familien bekommen Wohnungen in Städten zugewiesen, aus denen sie nicht stammen und müssen sich verschulden, um sie überhaupt beziehen zu können. Umso wichtiger ist es, in den benachteiligten Regionen eine langfristige Unterstützung anzubieten, die den Menschen eine Perspektive, vor allem aber Wertschätzung und Sichtbarkeit zurückgibt.

Regelmäßig besuchten medico-Kolleg:innen in den vergangenen drei Jahren neue und alte Partnerorganisationen vor Ort und begleiteten den Wiederaufbau von Häusern in Dörfern, den Aufbau kurdischer Katastrophenschutzteams oder die psychosoziale Unterstützung von Frauen und Kindern, die immer noch in provisorischen Containerlagern wohnen.

Wiederaufbau in Çığlık, Damdırmaz und Sur

Die Mesopotamya Migration Monitoring and Research Association (Mezopotamya Göç İzleme ve Araştırma Derneği –Göç Iz Der) arbeitet in einer Region, in der Vertreibung längst zur strukturellen Erfahrung geworden ist. Sie versuchen, Stabilität für die Betroffenen des Erdbebens zu schaffen und sie vor der Abwanderung aus der Region zu schützen. Erfahrungen mit erzwungener Migration haben sie schon lange: Göç Iz Der setzt sich seit den 1990er Jahren gegen die Vertreibung der kurdischen Bevölkerung ein. Zuerst im Bürgerkrieg, später durch andere Formen der Bevölkerungspolitik versuchte die Regierung, die den Menschen ein Bleiben zu verunmöglichen.

Göç Iz Der verteidigt dagegen das Recht der Menschen, nicht gehen zu müssen um überleben zu können, sondern am Ort ihrer Wahl Bedingungen für ein würdevolles und gutes Leben schaffen zu können. Es geht um die Selbstermächtigung der lokalen Zivilbevölkerung, die Wiederaneignung von Handlungsmacht und die Erschließung von Einkommensquellen.

So geht in Cığlık (Malatya)mit Unterstützung von medico der Bau erdbebensicherer Häusern einher mit der Schaffung einer landwirtschaftlichen Kooperative, die die kollektive wirtschaftliche Lage der Bewohner:innen stärkt, Abhängigkeiten reduziert und somit eine langfristige Bleibeperspektive ermöglicht. Auch in Damdırmaz (Adıyaman) entsteht mit medico-Hilfe eine landwirtschaftliche Kooperative samt einer eigenen Produktionshalle, die ebenso darauf abzielt, den Bewohner:innen eine langfristige wirtschaftliche Perspektive zu bieten.

Auch der Bezirk Sur in Diyarbakırwar vom Erbeben stark betroffen. Die Bevölkerung im Altstadtkern ist seit Jahrzehnten betroffen von einer diskriminierenden Stadtplanung und Vertreibungen. Am stärksten betroffen von den Folgen des Erdbebens und der strukturellen Benachteiligung sind Frauen. Deshalb unterstützt medico gemeinsam mit Göç Iz Der in Sur die Frauenkooperative Tohum Kadın Kooperatifi mit Setzlingen beim Aufbau von Gewächshäusern, um die Unabhängigkeit der Kooperative und ihrer Mitglieder zu sichern und die regionale Produktion anzukurbeln.

Katastrophenschutz von unten

Das weniger stark betroffene Diyarbakır wurde zum Zentrum der selbstorganisierten zivilgesellschaftlichen Hilfe. Unmittelbar nach dem Erdbeben gründeten sich spontan Plattformen, die über viele Wochen den Einsatz freiwilliger Helfer:innen in ländlichen Gebieten koordinierten, auch damals schon mit Unterstützung von medico. Heute unterstützen wir den Verein für Katastrophenmanagement und Solidarität (Afet Yönetimi ve Dayanışma Derneği – DMS), der aus den ersten Initiativen entstand. Den Mitgliedern geht es darum, Krisenprävention und Katastrophenmanagement durch zivilgesellschaftliche Organisierung, gesellschaftliche Partizipation und gelebte Solidarität zu stärken.

DMS und andere unabhängige Organisationen zeigten auf, dass es nach dem Erdbeben nicht nur an Ressourcen mangelte, sondern es in der Zivilgesellschaft auch an Sensibilisierung, Wissen und Routinen im Umgang mit Katastrophen fehlte. DMS wirkt dieser Leerstelle durch die Ausbildung lokaler zivilgesellschaftlicher Strukturen entgegen: Mit Unterstützung von medico entsteht ein Ausbildungszentrum für Katastrophenschutz zur Wissensvermittlung und für praktische Übungen, die auf verschiedene Katastrophenszenarien vorbereiten.

Das DMS-Ausbildungszentrum arbeitet in enger Kooperation mit der Stadtverwaltung Diyarbakır zusammen und erhält von der türkischen Katastrophenschutzbehörde (AFAD) ihre Akkreditierung und Qualifikation. Dies ermöglicht es, eine basisorganisierte, zivilgesellschaftliche Katastrophenschutzstruktur aufzubauen, in deren Rahmen Multiplikator:innen für freiwillige Such- und Rettungsteams, für Brandschutz und die Sensibilisierung im Umgang mit Krisen ausgebildet.

Was DMS hier aufbaut ist mehr als ein Ausbildungs- und Trainingsort; es ist der Versuch, aus der Erfahrung der Ohnmacht handlungsfähige Strukturen von unten zu entwickeln und Katastrophenschutz als Teil sozialer Gerechtigkeit und Solidarität neu zu denken.

Ein langer Atem

Es wird noch viele, viele Jahre dauern bis die Trümmer des Erdbebens beseitigt sind und alle Betroffenen in ihr altes Zuhause zurückkehren oder ein neues beziehen können. Was nie heilen wird, sind die Wunden der Erdbebennacht und die Erinnerungen an Tausende Vermisste, die nie aus den Trümmern geborgen worden sind, der Verlust von allem und die ausbleibende staatliche Unterstützung. Was in dieser Situation trägt, ist die Solidarität der Menschen untereinander. Selbstorganisierte Hilfe, private Organisationen und gemeinschaftliche Initiativen, die bis heute mit den Betroffenen arbeiten und gemeinsam versuchen, das kollektive Trauma zu überwinden. medico steht weiter an ihrer Seite.

Anita Starosta

Anita Starosta leitet die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Außerdem ist die Historikerin für die Kommunikation zur Türkei, zu Nordsyrien und dem Irak zuständig. 

Twitter: @StarostaAnita
Bluesky: @starosta

Sidar Öztürk

Sidar Öztürk arbeitet bei medico im Bereich Finanzkoordination der Projekte und unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit zu den kurdischen Gebieten.


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