Libanon

Von der Hoffnung zur Zerrüttung

Wie die Krise die Syrer*innen im Libanon betrifft. Von Yazan Al-Saadi

„Wenn man den libanesischen Aufstand mit dem vergleicht, was wir in Syrien hatten“, K. hielt inne, um an seiner Zigarette zu ziehen, „ist das so, als ob man die Höhe eines Gebäudes mit der Geschwindigkeit eines Zuges vergleicht... Aber während ich beobachte, was im Libanon geschieht, kann ich nicht anders, als Hoffnung zu verspüren“, fügte er hinzu und Rauch strömte langsam aus seinem Mund, an einem strahlenden, sonnigen Morgen in der ersten Dezemberwoche – das scheint nun schon eine Ewigkeit her zu sein.

Zwanzig Tage später schickte mir K. Fotos von seinem Gesicht und seinem Hals, die von Schnittwunden und Blutergüssen bedeckt waren, gefolgt von einer Nachricht, seine Stimme brach, als er versuchte, seine Emotionen zu kontrollieren: „Ich überquerte gerade die Straße, als mich ein Motorrad fast überfuhr. Ich fing an, mich mit dem Fahrer zu streiten, und plötzlich versammelte sich eine Menschenmenge um uns. Sie fingen an, mich zu beleidigen, und schlugen mich dann. Ich konnte mich losreißen und wegrennen... Wie konnte das passieren?“

Wie K. haben auch andere im Libanon lebende Syrer*innen nach dem im Oktober ausgebrochenen libanesischen Aufstand erlebt, wie sich ihre Hoffnung in Bestürzung verwandelte. Für die Hoffnungsvollen waren die Aufstände eine natürliche und symbolische Fortsetzung des regionsweiten Kampfes um Selbstbestimmung, der vor fast einem Jahrzehnt mit voller Wucht entbrannte. Gesänge und Lieder, die zum ersten Mal während des Aufstands in Syrien zu hören waren, wurden für den libanesischen Kontext neu angepasst. Es entstanden öffentliche Solidaritätserklärungen zwischen Libanon und Idlib. In diesem Sinne beteiligten sich Syrer*innen im Libanon so gut sie konnten, indem sie ihre eigenen Erfahrungen aus dem syrischen Kontext teilten oder sich so vorsichtig wie möglich an den Protesten beteiligten. „Der Aufstand im Libanon ist schön, er erinnert mich an die frühen Tage des Aufstands in Syrien und gibt mir mehr Hoffnung für die Zukunft in Syrien“, sagte H. mit einem breiten Lächeln, in den frühen Tagen des Aufstands.

Andere waren weniger hoffnungsvoll. Von den Erfahrungen in Syrien gezeichnet, wurden sie von der Möglichkeit eines massiven Gewaltausbruchs verfolgt. „Haben sie nicht von uns gelernt? Diese Männer [die an der Macht sind] werden nicht friedlich abziehen, ich glaube nicht, dass die Libanes*innen für einen Kampf bereit sind, und die Ausgrenzung ist immer noch stark ausgeprägt. Wenn es so weitergeht, wird es genauso schlimm sein, wie es für uns war“, sagte D. Ihre Befürchtungen wurden durch die Manifestation eines ausgrenzenden libanesischen Nationalismus und Lob für das libanesische Militär verstärkt, zwei Komponenten, die oft gewaltsam gegen die syrische Präsenz eingesetzt werden.

Die Syrer*innen im Libanon haben im vergangenen Jahr steigende Wellen der Feindseligkeit erlebt, sei es durch tägliche Schikanen, gewalttätige Mobs – wie im vergangenen Juni, als mindestens 50 Männer ein informelles Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene angriffen und Hunderte syrische Flüchtlinge zur Flucht zwangen – oder durch eine Zunahme der Zwangsdeportationen. Diese Entwicklungen folgen seit dem Beginn des syrischen Krieges einem Muster zunehmender Feindseligkeit und Diskriminierung gegen syrische Geflüchtete und Arbeiter*innen im Libanon, die für die Unsicherheit, die zerfallende Infrastruktur und die Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht werden; ungeachtet aller gegenteiligen Beweise.

Mit jeder sich verschärfenden Krise im Libanon sehen sich Syrer*innen – wie auch palästinensische Flüchtlinge und Wanderarbeiter*innen, sowie insbesondere Hausangestellte aus afrikanischen und asiatischen Ländern – mit zunehmenden Einschränkungen im täglichen Leben konfrontiert, ohne dass es Möglichkeiten gibt, diese Herausforderungen zu artikulieren oder sich aktiv dagegen zu wehren. Diese verstärken sich zu wachsenden Ängsten über eine existentielle Frage: Wenn nicht Libanon, wo dann? „Ich weiß nicht, was ich mit der Zukunft anfangen soll“, sagte K. während unseres Gesprächs im Dezember. „Ich kann nicht nach Syrien zurückkehren, weil man mich zum Militär zwingen wird. Ich kann nirgendwo anders hingehen, weil mich niemand als Flüchtling akzeptiert, und es scheint, dass es immer schwieriger wird, im Libanon zu bleiben.“

Ein eindringliches Beispiel für die mangelnde Vertretung der im Libanon ansässigen Syrer*innen war der Tod der beiden syrischen Arbeiter Ibrahim Younis und Ibrahim Hussein in der ersten Nacht der Aufstände. Sie hatten in einem Geschäft in der Innenstadt von Beirut geschlafen, als Demonstrant*innen es in Brand setzten, sie starben an einer Rauchvergiftung. In den folgenden Tagen hielten libanesische Aktivist*innen eine Mahnwache ab und riefen beide zu „Märtyrern der Revolution“ aus. So lobenswert und gut gemeint das auch sein mag, es bleibt flüchtig. Der Tod von Younis und Hussein nimmt in der öffentlichen Erzählung sicherlich nicht den gleichen Platz ein wie der Tod der libanesischen Bürger*innen während der Proteste. Eine problematischere Implikation dieser besonderen Tragödie ist, wie selbst gut gemeinte Taten – die Einstufung der Opfer als „Märtyrer“ – ohne die Einbeziehung der Familien der Opfer entschieden werden. Entscheidend ist, dass den Familien weder eine Entschädigung bereitgestellt wurde, noch das jemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Angelegenheit wurde, wie auch die beiden Körper, ad acta gelegt.

Natürlich betreffen die Krisen nicht alle Syrer*innen im Libanon gleichermaßen, eingedenk der Klassenunterschiede und der Art und Weise, wie diese die jeweiligen Positionen gegenüber dem libanesischen Aufstand prägen. Zwar gibt es keine umfassenden Studien über die Klassendynamik unter den Syrer*innen im Libanon, aber es ist offensichtlich, dass die Bewohner*innen der Mittel- oder Oberschicht in der Lage sind, die Stigmatisierung zu vermeiden oder zumindest zu überstehen, da sie sich hauptsächlich gegen die Armen richtet.

Die Antwort des Libanon auf die Covid-19-Pandemie ist die jüngste Manifestation des Musters der Diskriminierung von Syrer*innen. Die neuen Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit verflechten sich mit der üblichen fremdenfeindlichen Politik. Die im Libanon lebenden Syrer*innen waren die ersten, die, wie in der Bekaa-Ebene, noch vor der nationalen Notstandserklärung unter Zwangsquarantäne gestellt wurden. Diese diskriminierenden Maßnahmen haben sich seither nach Angaben von Human Rights Watch auf mindestens 21 Gemeinden im ganzen Land ausgeweitet. 

So wie diese Gesundheitskrise den eigenen Bürger*innen das anhaltende Versagen des libanesischen Staates veranschaulichen mag, offenbart sie auch kritische Lücken in den medizinischen Ressourcen und der Gesundheitsinfrastruktur für die Behandlung syrischer Flüchtlinge und anderer verwundbarer Gemeinschaften wie palästinensischer Flüchtlinge und eingewanderter Hausangestellte. Am 22. März beispielsweise kündigte die libanesische Generalsicherheit an, 72 syrische Flüchtlingslager im Libanon zu desinfizieren. In einem Bericht von Syria Direct vom 8. April wird jedoch auf schwerwiegende Mängel dieser Kampagne hingewiesen: Viele Flüchtlingslager sind nicht einbezogen; die Desinfizierungsverfahren erstreckten sich nur auf das Gelände der Lager und nicht auf das Innere der Zelte; medizinische Tests sind in den Lagern nicht verfügbar; die Quarantänevorschriften sind unzulänglich (in dem Bericht wird eine syrische medizinische Quelle in Arsal zitiert, die betonte, dass der eine Raum, der von der Gemeinde Arsal für die Quarantäne syrischer Flüchtlinge zur Verfügung gestellt wurde, sich noch im Bau befindet).

Das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, plant, das Virus zu bekämpfen, indem „die Kapazitäten des libanesischen Gesundheitssektors durch die Bereitstellung von Medikamenten und die Schaffung zusätzlicher Stationen in Krankenhäusern mit mehr Betten auf Intensivstationen gestärkt werden, damit es keine Konkurrenz zwischen den verschiedenen Gemeinschaften im Libanon gibt“. Es ist auch „bereit, die Kosten für medizinische Untersuchungen und Behandlungsgebühren im Falle von registrierten Fällen zu übernehmen“. Doch trotz der Zusicherungen des UNHCR ist es schwierig, optimistisch zu sein, wenn man die Praxis der libanesischen Krankenhäuser bedenkt, Personen ohne gültige Papiere, die eine Behandlung benötigen, abzuweisen. Bereits Mitte März wurde einer syrischen Frau, die Covid-19-Symptome zeigte, von mehreren Krankenhäusern im Nordlibanon die Behandlung verweigert, woraufhin sie starb.

Unterdessen haben die vielschichtigen Umwälzungen im Libanon bereits die Fähigkeit und Kapazität von Nichtregierungsorganisationen geschwächt, die Notlage der syrischen Flüchtlinge im Land zu kompensieren. Wie das Center for Operational Analysis and Research Mitte November feststellte: „Die Restriktionen für Geldtransfers und die wiederholte Schließung von Banken haben logistische und finanzielle Herausforderungen für die im Libanon ansässigen Akteur*innen mit sich gebracht, und die Organisationen haben bereits Schwierigkeiten, Geldtransfers innerhalb des Libanon durchzuführen, Programme auf Bargeldbasis umzusetzen und Gehaltszahlungen zu leisten ... Unterbrechungen der Bargeldunterstützung werden unmittelbare Auswirkungen haben, während es Anzeichen dafür gibt, dass die Libanes*innen den Immobiliensektor als finanziellen sicheren Hafen gesucht haben; langfristig wird ein überhitzter Wohnungsmarkt die finanzielle Belastung der gefährdeten syrischen Bevölkerung, deren wenige wirtschaftliche Lebensadern bereits gefährdet sind, nur noch erhöhen.“

Angesichts des immensen Kampfes, den die Libanes*innen selbst führen müssen, um die ihnen verweigerten Grundrechte einzufordern, ist es verständlich, warum diese Defizite gegenüber den Syrer*innen im Libanon bestehen. Zu ihrem Verdienst haben zahlreiche Organisationen, Aktivist*innen und Unterstützer*innen für eine dem Aufstand zugänglichere und umfassendere Grundlage gekämpft. Bislang ist dieses Element des Kampfes jedoch nicht weit verbreitet. Die Erfahrungen der Syrer*innen wie auch anderer Nicht-Libanes*innen (vor allem der Palästinenser*innen) und wie sie in den Aufstand verwickelt oder von ihm betroffen sind, sind ein entscheidender Test für den libanesischen Aufstand und dafür, wie revolutionär er sein kann.

Yazan al-Saadi ist ein kanadisch-syrischer Schriftsteller, Forscher und Kommentator, der im Libanon und in Kuwait lebt. Er konzentriert sich auf den west-asiatischen Raum und behandelt Themen von der Popkultur bis zur Politik.

Übersetzung: Paul Richter

Der Text erschien zuerst am 8. Mai 2020 auf der Seite der medico-Partnerorganisation The Public Source.

Seit diesem Jahr unterstützt medico international das Medienprojekt The Public Source, das sich um Offenlegung relevanter Informationen aus dem politischen Betrieb des Landes bemüht und kritische Hintergrundberichte veröffentlicht. Außerdem fördert medico zusammen mit dem Auswärtigen Amt seit Jahren die medizinische Versorgung tausender syrischer Geflüchteter in informellen Flüchtlingslagern durch die Gesundheitsorganisation Amel.

Veröffentlicht am 19. Mai 2020

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