Care Worker in Südafrika

Vier Geschichten

Sie haben selber viel Leid erfahren und dann entschieden zu helfen. Vier Gesundheitsarbeiterinnen erzählen ihre Geschichte.

Ida Adonis

Geboren: 16.12.1962

Direkt nach meiner Geburt musste meine Mutter ihre Arbeit als Hausangestellte wieder aufnehmen und das Kind ihrer Arbeitgeber stillen. Als mein Bruder und ich etwas älter waren, holte sie uns zu sich. Wir lebten im Hinterhaus und mussten uns ein ganzes Jahr lang verstecken, weil meine Mutter unter dem Apartheidregime ihre Kinder nicht bei sich haben durfte, während sie auf die Kinder ihrer Arbeitgeber aufpasste.

Meine Eltern hatten ein schwieriges Verhältnis und meine Kindheit war sehr von Missbrauch geprägt – emotional, psychisch und sogar mit physischen Übergriffen. Manchmal war es schwierig zu schlafen, weil meine Eltern mich in ihre Streits einbezogen. Da meine Mutter krank war und immer wieder nicht arbeiten konnte, war die finanzielle Lage sehr angespannt. Schließlich musste ich die Schule in der 10. Klasse abbrechen, um selbst als Hausangestellte zu arbeiten.

Als ich 21 war, starb meine Mutter und ich zog zu meiner Tante nach Mpumalanga. Dort begann ich in der Klinik als Gemeindegesundheitshelferin zu arbeiten. Ich lernte einiges über Gesundheitsversorgung und hielt Aufklärungsvorträge in der Gemeinde, um Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Ich arbeitete als Freiwillige und erhielt keinen Lohn. Als ich für die NGO zu arbeiten begann, erhielt ich nach sechs Monaten einen Zuschuss von monatlich R200 (Heute etwa 20€; Anm. d. Ü.). Während dieser Zeit habe ich mich selbst weitergebildet. Ich las immer auf der Toilette und machte per Fernstudium einen Schreibkurs.

Als die HIV/AIDS-Krise 1996 auf einem Höhepunkt war, begann ich mit schwerkranken AIDS-Patientinnen und -Patienten zu arbeiten. Es ist sehr hart, man kommt dem Mensch nahe und dann stirbt er. Es ist auch für uns Gemeindegesundheitshelferinnen wichtig, regelmäßig Beratungen und Nachbesprechungen abzuhalten. Das hilft mir, stärker zu werden.

2013 wurde ich in das Gesundheitsministerium übernommen. Gemeinsam mit anderen Gemeindegesundheitshelferinnen aus unserem Ort nahmen wir aktiv an der Gründung eines selbstorganisierten Forums in der Provinz Gauteng teil und wollen außerdem die Vereinigung auf nationaler Ebene ausbauen. Seitdem kämpfen wir um bessere Arbeitsbedingungen. Ich mache mir Sorgen, meine Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, aber ich glaube daran, dass alles in unseren Händen liegt, wenn wir für uns selbst eintreten und kämpfen.
 

Irene Prudence Magamba

Geboren: 23. Mai 1990

Ich wuchs auf einem kleinen Hof mit Hühnern auf. Als ich in der 8. Klasse war, wurde meine Mutter sehr krank und wir mussten alle dabei mithelfen, sie zu versorgen, was sehr anstrengend war. Sie hatte einen Tumor im Rücken und musste von da an im Rollstuhl sitzen. Es gab keine Unterstützung von staatlicher Seite und es waren leider keine Gemeindegesundheitshelferinnen in der Nähe, die hätten helfen können. Dies war einer der Gründe, weshalb ich mich für den Beruf der Krankenschwester zu interessieren begann.

Nach meinem Schulabschluss fand ich nur Arbeit als Gelegenheitsarbeiterin in der Lebensmittelindustrie und musste wie viele andere Menschen jeden Monat erneut darauf hoffen, für die Arbeit in der Fabrik ausgewählt zu werden. Manchmal fühlte ich mich sehr hilflos. Ich verdiente so wenig, aber meine Mutter war krank und meine Familie brauchte das Geld, da es sehr teuer war, meine Mutter jeden Monat ins Krankenhaus zu bringen.

Nach vielen vergeblichen Bewerbungen wurde ich schließlich am St. Josephs-Hospiz für HIV/AIDS-Patienten und Krebskranke angenommen. Dort erhielt ich Schulungen, etwa über den Umgang mit HIV/AIDS-Patientinnen und wie man mit ihnen über die Krankheit spricht. Meine Aufgabe war es, die Menschen über die korrekte Einnahme ihrer Medikamente aufzuklären, sie dabei zu unterstützen und die Nebenwirkungen zu überwachen. Darüber hinaus badeten und wuschen wir die Patientinnen und Patienten, teilten unser geringes Wissen mit ihren Familien, die oft hilflos im Umgang mit der Krankheit waren und versuchten, Zeit mit den Menschen zu verbringen und uns mit ihnen zu unterhalten.

In den Gemeinden ist unsere Arbeit sehr anerkannt. Die Leute wissen, dass sie sich 24 Stunden am Tag auf uns verlassen können und so werden wir oft außerhalb der Arbeitszeiten – bei einem Notfall auch mitten in der Nacht – gerufen, um zu unterstützen oder Rat zu geben. Ich war oft sehr traurig, wenn ich diese Arbeit machte. Sie erinnerte mich an die Zeit, als meine Mutter krank wurde. Außerdem ist es sehr belastend, wenn Menschen sterben, mit denen man zuvor täglich zu tun hatte. Aber es gibt auch Höhepunkte, etwa wenn man zuschauen kann, wie es einer Person besser geht und sie wieder zurück an die Arbeit kann. Das macht mich glücklich.

Wir Gemeindegesundheitshelferinnen machen wichtige Arbeit, aber das Gesundheitsministerium nimmt uns nicht ernst. Sie wollen uns an eine private Agentur outsourcen, aber wir haben uns zu einem Forum zusammengeschlossen und kämpfen gemeinsam darum, festangestellte Arbeitskräfte sein. Die Arbeit als Gemeindegesundheitshelferin hat mir geholfen, selbstbewusster zu werden. Ich hoffe, dass wir mit dem Forum unsere Ziele erreichen und dass unsere Kämpfe erfolgreich sind.


Nobuhle Ngwenya

Geboren: 11. August 1978

Meine Mutter arbeitete als Hausangestellte und durfte ihre Kinder nicht bei sich haben, weshalb ich bei unterschiedlichen Personen aufwuchs. Ich erinnere mich daran, dass ich bei einer alten Dame wohnte, Mam Khize. Eines Tages, als ich von der Schule kam, schlief Mam Khize immer noch. Ich versuchte sie zu wecken, aber ich schaffte es nicht und holte Hilfe bei Nachbarinnen. Sie war im Schlaf gestorben. Ich lebte daraufhin bei meinen Brüdern und wir passten auf uns selbst auf. Einer meiner Brüder saß im Gefängnis, da er in eine Metzgerei eingebrochen war und Fleisch gestohlen hatte. Nach seiner Freilassung vergewaltigte er mich. Ich war 13 Jahre alt. Meine Großmutter glaubte mir nicht, als ich ihr davon erzählte. Ich war sehr verletzt. Als meine Mutter und meine Tante zu Besuch kamen, untersuchten sie mich und bestätigten, dass ich vergewaltigt worden war. Als meine Mutter meinen Bruder fragte wieso, sagte er nur: „Sie ist nicht meine Schwester, deshalb“. Wir haben verschiedene Väter. Daraufhin suchte meine Mutter eine neue Familie, bei der ich leben und die Schule beenden konnte.

Während dieser Zeit fuhr ich mit dem Zug zur Schule und einmal, als ich in der 8. Klasse war, sprach mich ein Mann auf dem Heimweg an und behauptete, dass er mich abholen solle. Als ich mit ihm ging schlug er mich und vergewaltigte mich. Ich wurde in einem Feld gefunden und erst zur Polizei und dann zu einem Arzt gebracht, der bestätigte, dass ich schon mehrere Male vergewaltigt worden war. Manchmal weinte ich und fragte mich, warum mir das alles geschah. Es ist, als sei ich kein menschliches Wesen. Jetzt, viele Jahre später, habe ich gelernt damit zu leben und meinen Kindern zuliebe einen Strich darunter gezogen. Aber es war nicht einfach, weil ich damit aufgewachsen war, auf eine Weise zu leiden, in der ich niemandem trauen konnte. Das beeinträchtigt auch heute noch manchmal die Beziehung zu meinem Mann, wenn ich an manchen Tagen nicht berührt werden möchte. Aber er ist sehr verständnisvoll und unterstützt mich.

2011 hatte ich über eine Freundin ein Vorstellungsgespräch bei einer lokalen NGO und begann als Gemeindegesundheitshelferin zu arbeiten. Ich genieße die Arbeit, aber wir haben eine schwere Zeit, weil das Gesundheitsministerium uns outsourcen will. Weil wir uns dagegen wehren, bekommen wir seit einiger Zeit kein Gehalt. Wir sind dadurch besonders abhängig von der Rente meiner Mutter und ernähren uns meistens von Mais, weil wir uns keinen Reis leisten können. Manchmal gehen wir hungrig ins Bett, weil uns das Geld ausgegangen ist. Aber man sieht es uns nicht an. Wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich aus wie jemand, der Fleisch gegessen hat.

Ich hoffe sehr, dass unser Kampf als Gemeindegesundheitshelferin erfolgreich sein wird, weil wir so viel Herzblut in diese Arbeit stecken. Ich bin so froh über das Gauteng Community Health Care Forum! Die Gemeindegesundheitshelferinnen sind starke Frauen. Wir haben in unseren eigenen Leben viel durchgemacht, jetzt können wir auf eigenen Beinen stehen und für unsere Gehälter kämpfen. In Südafrika haben Frauen keine Rechte. Wir werden immer noch behandelt, als würden wir nicht existieren. Am besten sollen wir überhaupt nicht arbeiten und Hausfrauen werden. Das ist nicht richtig und wir müssen zusammenarbeiten, um das zu ändern.

Die Kämpfe der Gemeindegesundheitshelferinnen haben uns stark gemacht und uns erkennen lassen, dass wir unsere Rechte brauchen und für sie kämpfen müssen. Manchmal lesen wir auch gemeinsam. Der Roman „The Yearning“ von Mohale Mashigo hat mir geholfen daran zu glauben, dass ich auf dieser heilsamen Reise nicht alleine bin. Es gibt viele Menschen da draußen, die an der Last ihres Lebens zu tragen haben. Ich werde den Kampf nicht aufgeben bis ich bekomme, was ich verdiene.
 

Zoleka Mbotshelwa

Geboren: 12. Juni 1989

Ich wuchs nach der Trennung meiner Eltern bei meiner Stiefmutter auf, aber das war keine gute Zeit. Mein Vater arbeitete von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends. Manchmal ging ich zur Schule, ohne Mittagessen und Taschengeld dabei zu haben und wenn ich heimkam, war meine Stiefmutter nicht da. Ich ging dann zu Freunden um dort zu essen, aber meine Stiefmutter schlug mich deswegen.

Als ich mit 15 schwanger wurde, warf sie mich aus dem Haus und ich musste zu meinem Freund ziehen. Er verbot mir Freunde zu haben, schlug mich und zwang mich zum Sex. Einmal, als er auf das Baby aufpassen sollte, gab er ihm zwei Tage lang nur Bier und das Baby wurde schwer krank. Daraufhin zog ich zu meinem Vater, aber kurze Zeit später wurde das Baby wieder krank und der Arzt schickte uns ins Krankenhaus. Weil der Krankenwagen zu spät kam, starb das Baby noch in der Notaufnahme. Ich konnte erst weinen, als ich sie in ihrem kleinen Sarg liegen sah.

Ich wollte gerne Krankenschwester werden, hatte aber den notwendigen Schulabschluss nicht. So nahm ich einen Job als Köchin in einer Nichtregierungsorganisation an und hatte schließlich im Rahmen der „Umstrukturierung des Gemeindegesundheitswesens“ die Gelegenheit, mich zur Gemeindegesundheitshelferin weiterzubilden. Als Teil meiner Arbeit ging ich zu einer Fortbildung zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt. Dort wurde mir klar, dass ich in einer missbräuchlichen Beziehung gelebt hatte und dass mein Freund, indem er mich zum Sex zwang, mich vergewaltigt hatte. Dies war der Zeitpunkt zu dem ich beschloss, Menschen zu helfen, die in der gleichen Situation sind wie ich.

2012 organisierte die NGO Wahlen für die Vertretung der Gemeindegesundheitshelferinnen, die sich mit dem Management und Vorstand treffen, Beschwerden vorbringen und Fairness gewährleisten sollen. Ich wurde gewählt, da mir nachgesagt wurde, dass ich Führungsqualitäten hätte – und das obwohl ich neu war und niemanden gut kannte. Zu diesem Zeitpunkt dachten viele von uns, dass wir von Männern geleitet werden müssten, dass Frauen nicht leiten könnten. Seitdem ist unsere Selbstorganisation ständig gewachsen und es gab große Fortschritte. Die Gemeindegesundheitshelferinnen sind viel aktiver und wenn wir Ideen haben, wird uns zugehört. Wir treffen Entscheidungen aber nicht allein, sondern ermutigen alle Gemeindegesundheitshelferinnen, am Entscheidungsprozess teilzunehmen.


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