Rezension

Verflochtene Geschichte

Haiti, das koloniale Erbe, Emanzipation: Eine Rezension des Buches „Haitianische Renaissance“

Überall auf der Welt fallen derzeit Statuen von Kolonialherrschern und Sklavenhaltern. Als es in Bristol die Statue von Edward Colston traf, wurde empört kommentiert, das Britische Königreich habe doch als erstes weltweit die Sklaverei abgeschafft. Über die reflexhafte Abwehr hinaus, sich mit der eigenen Gewaltgeschichte grundlegend auseinanderzusetzen, zeigten diese Kommentare ein anderes, sich stets wiederholendes Muster: das wirkmächtige Übergehen der Gründungsgeschichte Haitis als Muster weißer Geschichtsschreibung.

Das Buch „Haitianische Renaissance“ soll dazu beitragen, einem deutschen Lesepublikum diesen blinden Fleck in der Universalgeschichte näher zu bringen und, wichtiger vielleicht noch, zu veranschaulichen wie sich das koloniale Erbe bis heute in die innere Struktur sowie das Fremdbild Haitis verwebt. „Die Menschen wollen eine Zukunft außerhalb dieser kolonialen Beziehungen“, wird Nixon Boumba zitiert. Der von Katja Maurer und Andrea Pollmeier herausgegebene Sammelband umfasst Tagebuchauszüge, Essays und Interviews von und mit haitianischen Intellektuellen wie Suzy Castor, Raoul Peck und Gary Victor, sowie von Menschen, die viel Zeit in Haiti verbracht haben, etwa Mark Schuller und Ricardo Seitenfus. „Haiti ist viel zu komplex für Leute, die es eilig haben“, schreibt letzterer und zielt damit vor allem auf die Kultur kurzfristiger Projekte der internationalen Gemeinschaft ab.

Die Tabula-Rasa-Mentalität großer Teile der internationalen Gemeinschaft nach dem 2010er Erdbeben ist Teil dieser ahistorischen und apolitischen Herangehensweise: „This area is like a white paper and we can draw on it“, wird der CEO eines Unternehmens zitiert, über einen Ort, an dem Menschen bereits leben und wirtschaften. Aïda Roumer beschreibt in ihrem Beitrag in Bezug auf den als gescheitert zu betrachtenden Industriepark Caracol weiter diese Haltung: „Irgendeine wirtschaftliche Aktivität ist vermeintlich besser als gar keine.“ Dabei war gerade die Intervention nach dem Erdbeben ein Lehrstück für den für viele Hilfsorganisationen unbequemen Fakt, dass nicht jede Form von Hilfe besser ist als keine Hilfe. Die Massen von internationalen NGOs in Haiti haben das Gegenteil bewiesen, als „Notfallkommando in einer völlig deregulierten Welt“, wie Regisseur Raoul Peck konstatiert.  

Der Ausweg sei aber nicht, „immer wieder dieselben Vertreter der Zivilgesellschaft zu unterstützen“. Mark Schuller trifft damit ein Kernproblem der sogenannten Lokalisierungs- debatte der humanitären Hilfe ins Herz: die Zivilgesellschaft wird nach und nach Teil des Systems, passt sich seinen Strukturen an und entfernt sich zwangsläufig von denen, die es repräsentieren soll. Mit Blick auf die junge Antikorruptionsbewegung „Petrochallenge“ stellt Nixon Boumba fest, dass „viele traditionelle Organisationen der haitianischen Zivilgesellschaft obsolet zu werden“ drohen. Als Effekt der oben beschriebenen Dynamik seien sie zu top-down, zu patriarchalisch organisiert. Sein Blick richtet sich an Maurer selbst, die ihm auch als Vertreterin einer Hilfsorganisation gegenübersitzt: „Ihr fahrt vielleicht einmal im Jahr nach Haiti. Ihr könnt gar nichts anderes machen, als euch auf die Leute zu stützen, die ihr ohnehin kennt. So reproduziert sich die ausweglose Situation.“

Der Blick auf Haiti, der aus den Berichten der Autorinnen spricht, wenn sie beispielsweise durch die Straßen von Port-au-Prince fahren oder im Garten von Suzy Castor sitzen, ist und verbleibt eine Außenperspektive, eine weiße Perspektive. Das ist spürbar und beide Autorinnen verdecken dies nicht. Darüber hinaus denke ich nicht, dass „Haitianische Renaissance” ein Buch ist, das „den Menschen Haitis eine Stimme gibt”, wie es in der Zusammenfassung des Buches heißt. Die Menschen in Haiti haben eine Stimme, allemal jene, die in diesem Buch sprechen: Ökonominnen, Schriftstellerinnen, Regisseure, public intellectuals. Sie brauchen dieses Buch nicht, um ihre Stimme zu erheben, vielleicht brauchen sie nicht einmal das Publikum dieses Buches. Vielmehr gibt das Buch einem deutschen Publikum die Möglichkeit, sich mit dem Land auf eine Art und Weise zu beschäftigen, die über die gewohnten unterkomplexen Plattitüden und kolonial geprägten starren Bilder hinausgeht. Wir sind es, die dieses Buch brauchen. Es macht es den Ignoranten schwerer in ihrer „systematischen Ignoranz“ zu verharren. Looking at you, deutsches Feuilleton. Und es macht es denen einfacher, die versuchen wollen, aus ihrer Ignoranz herauszutreten. Das ist die Leistung dieses Buches, das erste seiner Art in deutscher Sprache. Und das ist in der Tat beachtlich.

„Haitianische Renaissance“ ist keine wissenschaftliche Studie, dieser Anspruch wird auch nicht erhoben. Das entschuldigt Unschärfen und kleinere Ungenauigkeiten in einigen Texten. Es ergibt sich aber auch eine Stärke daraus: das Buch wird ein weitaus breiteres Publikum erreichen als jeder begutachtete wissenschaftliche Artikel, jede Doktorarbeit oder jedes Policypapier es vermag. Gleichzeitig wird es in Zukunft auch in die Arbeit jener Menschen einfließen, die solche schreiben, weil es eine Tür aufmacht.

Das Buch beschreibt sehr umfassend den Status quo des Karibikstaates, es ist eine fundierte Wasserstandsmeldung zum „System Haiti“ und seinen beteiligten Stakeholdern. Die Leserin lernt von Effekten des Klimawandels, die Haiti besonders hart treffen, seiner konfliktreichen Beziehung zum Nachbarstaat, von der internationalen Schuldenpolitik als Grundstein haitianischer Misere und der zentralisierten „Republique Port-au-Prince“. Es wird sowohl der Revolutionsmythos wie auch die Rolle haitianischer Eliten kritisch beleuchtet. Das Buch ist ein Mosaik aus Versatzstücken, nichts davon, kein Teil ist allgemeingültig. Genauso wenig ist keiner der beschriebenen Sachverhalte zu vernachlässigen, will man Haiti begreifen.

Wir lernen, dass Haiti eben kein exotischer Sonderfall, keine exzeptionelle Geschichte ist. Spätestens seit 1492 ist Haiti untrennbarer Teil westlicher Geschichtsschreibung. An vielen Stellen des Bandes wird diese histoire croisée, die verflochtene Geschichte unserer Welt, greifbar, als eine, die sich vehement gegen Singularitäten sträubt. Die Denkmäler an den Strandpromenaden Santo Domingos im Nachbarstaat als „eine pathetisch militärische Historiografie männlicher Helden“ zu beschreiben, ist nur eine von vielen Kontextualisierungen im Jetzt, die der Text leistet. Er spricht auch von Restitution kolonialer Raubgüter, von Reparationen für andere Kolonialverbrechen – eine Debatte, die ganz aktuell noch einmal Fahrt aufnimmt, jetzt wo das Europäische Parlament Versklavung als Verbrechen gegen die Menschheit anerkannt hat.

Die Frage nach dem quo vadis, die sich vor allem für humanitäre Organisationen stellt, bleibt allerdings unbeantwortet. NGOs sind laut Frédéric Thomas Komplizen in einem System, mit dem die Haitianer*innen brechen wollen. Die NGOisierung von Haiti stellt „eine der größten Hindernisse für einen Systemwandel dar“, kommentiert Nixon Boumba ähnlich im Buch. Politische Krisen in Haiti werden gern als humanitäre Krisen geframet, von NGOs, Medien, Wissenschaft. Das sind sie nicht. Sehr wohl haben sie aber humanitäre Notlagen zur Konsequenz. Wie also damit umgehen? Wo ist der Schleifpunkt, die Balance zwischen dem Anspruch „leave no one behind“, dem sich derzeit nicht nur die UN im Rahmen ihrer nachhaltigen Entwicklungsziele verschrieben haben, und der politischen Souveränität Haitis als Grundvoraussetzung für einen Staat der Fürsorge, Chancengleichheit und Teilhabe sicherstellt? Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für eine Organisation wie medico international, die maßgeblich am Zustandekommen dieses Bandes beteiligt war? Vielleicht steht das in einem nächsten Buch oder wir diskutieren es gemeinsam. 

Andrea Steinke

Andrea Steinke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Humanitarian Action in Berlin und arbeitet seit Jahren zu humanitären und sicherheitspolitischen Interventionen in Haiti.

Veröffentlicht am 14. Juli 2020

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