Oaxaca, Mexiko

Unbequeme Gemeinden

Im Südosten Oaxacas hatte das erste große Erdbeben verheerende Folgen, unter denen vor allem die ohnehin marginalisierte indigene Bevölkerung leidet. (Foto: Jonathan Treat, SURCO A.C.)
Nach den Erdbeben in Mexiko kämpfen die Indigenen in Oaxaca für einen gerechten Wiederaufbau.

Von Philipp Gerber

Seit dem 7. September bewegt sich die Erde unaufhörlich in Südmexiko: Dem ersten heftigen Erdbeben der Stärke 8.2 auf der Richterskala vor der Küste von Chiapas und Oaxaca folgten bis Ende Oktober über 9000 leichte bis mittelschwere Nachbeben. Ein zweites großes Beben der Stärke 7.1 erschütterte Zentralmexiko sowie Mexiko-Stadt am 19. September. 470 Menschen starben, Hunderttausende sind obdachlos und leben auf der Straße, unter Plastikplanen, die sie nur notdürftig gegen Sonne und Regen schützen. Auch zwei Monate nach den ersten Erdstößen dominieren in vielen ländlichen Gemeinden noch immer Trümmerberge das Bild, tausende Schulen sind geschlossen, Krankenhäuser funktionieren noch schlechter als zuvor.

Besonders in der Isthmus-Region im Osten von Oaxaca zeigt sich die Zerstörung und die Verzweiflung der Menschen. Der ehemals bunte Markt, das Herzstück der indigenen Handelsmetropole Juchitán mit ihren 100.000 Einwohnern, ist zerstört. Provisorisch richteten die Händlerinnen ihren Markt auf dem Hauptplatz der Stadt ein, doch infolge heftiger Nachbeben bleibt nur ein gespenstisch leeres Gewirr von Holzständen, die lokale Ökonomie ist zusammengebrochen. Das Stadtzentrum ist menschenleer, Trümmer überall, Polizei- und Militäreinheiten, die schwerbewaffnet patrouillieren, tragen zur bizarren Szenerie bei.

Die Konflikte schwelen weiter

Das Beben zerstörte zwar ganze Stadtviertel, unabhängig vom Status der Bewohner. Doch nach der ersten Schockstarre, die alle traf, zeigten sich bald wieder die starken Gegensätze in der Region. Beim Besuch der 40 Kilometer entfernten widerständigen Gemeinde San Dionisio del Mar wird klar, dass auch nach dem Erdbeben die Konflikte weiterschwelen. Die Gemeinde von Ikoots-Indigenen rebellierte 2012 gegen das größte Windkraftprojekt Lateinamerikas, das auf einer Landzunge in der nahegelegenen Lagune errichtet werden sollte. Der von den europäischen Investoren bestochene Gemeindepräsident wurde verjagt, das Gemeindehaus besetzt. Mit Unterstützung von medico international betreibt die Vollversammlung des Ortes in den besetzten Gebäuden eine Gemeinschaftsküche und eine Herberge für die obdachlos gewordenen Familien.

medico-Partner Codigo DH öffnete nur Stunden nach dem Erdbeben eine Anlaufstelle in Oaxaca-Stadt für Hilfsleistungen aus der Bevölkerung und stattete Ärztemissionen mit den dringendsten Medikamenten aus. Dabei kann die Menschenrechtsorganisation in der Isthmus-Region auf den langjährigen Kontakt zu oppositionellen Organisationen zählen, die sich gegen Großprojekte wehren. Nach der ersten spontanen Nothilfe brauchten die unbequemen Gemeinden auch eine andere Art von Unterstützung:  In der psychologischen Begleitung der Betroffenen, bei denen der Schock dieser Erdbebenkrise nicht zu unterschätzen ist, wie die Psychologin von Codigo DH, Daniela Garcia, betont: „Die Nachbeben und die Gerüchte über ein mögliches neues starkes Erdbeben verstärken die emotionalen Beschwerden.“ Im Kollektiv werden Strategien zur Überwindung dieser Schockstarre diskutiert. Außerdem brauchen die Menschen in der Region Unterstützung bei der Dokumentation der selektiven staatlichen Hilfe.

Denn auch die Behörden verteilen Hilfsgüter, bevorzugt aber an die eigenen Parteigänger. Außerdem gibt es Unregelmäßigkeiten bei der Registrierung zerstörter Häuser. Der Lehrer Aquilino, einer der Sprecher der Vollversammlung, erklärt uns vor den Trümmern seines Hauses: „Erst kam eine Behörde und erklärte, das Haus sei unwiderruflich zerstört, müsse abgerissen und neu gebaut werden. Tage später kam eine andere Behörde und markierte das Haus mit einem blauen Punkt. Diese Markierung bedeutet, dass nur ein Teilschaden entstanden sei.“ Aquilino sieht dahinter politische Manöver. Da er als Sprecher der Vollversammlung ein Dorn im Auge der Behörden sei, wollten sie ihn abstrafen.
 

Zusammen mit medico international schweiz fördert medico die Nothilfe und die kritische Wiederaufbauarbeit von Codigo DH.

Spendenstichwort: Mexiko


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2017. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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