TextilarbeiterInnen im Hungerstreik für Lohnzahlung bei Lidl-Zulieferer in Bangladesch

„Das einzige, was uns hilft, ist Öffentlichkeit“

Es ist der neunte Tag des Hungerstreiks von 1600 Beschäftigten des bangladeschischen Textilherstellers Tuba Group. 205 der Streikenden befinden sich mittlerweile in Lebensgefahr. Die 1300 Frauen und 300 Männer fordern die sofortige Auszahlung ihrer seit drei Monaten ausstehenden Löhne und die Auszahlung des ebenfalls verweigerten Sondergelds zum Eid-Fest, dem Feiertag zum Ende des Ramadan. Mushrefa Mishu ist Präsidentin der Gewerkschaft Garment Workers Unity Forum (GWUF) und von Anfang an am Hungerstreik beteiligt. Sie ist seit gestern erkrankt und wird wie andere Streikende vor Ort medizinisch behandelt. Ihr Lager hat sie im fünften Stock des dreizehnstöckigen Hossain Super Market im Stadtteil Badda aufgeschlagen. Die Streikenden halten das Gebäude seit dem 27. Juli besetzt, es beherbergt drei Produktionsstätten der Tuba Group, einem Zulieferer internationaler Textilunternehmen, der in Deutschland vor allem Lidl beliefert. Weltweit bekannt wurde die Tuba Group, als am 24. April 2012 eine ihrer Fabriken – Tazreen Fashion – ausbrannte: der Brand kostete 112 Menschen das Leben, 200 wurden verletzt.

medico: Mishu, wie geht es Dir und wie ist die aktuelle Situation?

Mishu: Seit gestern spielt mein Kreislauf verrückt, ich kann nicht mehr aufstehen. So geht es auch anderen, über 200 von uns haben ernste Probleme. Wir werden von Ärzten betreut, die uns freiwillig zur Seite stehen, wir bekommen Vitamine und Salzlösungen. Wir sind sehr erschöpft, doch auch froh über den großen Zuspruch. Hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter aus vielen anderen Fabriken besuchen uns, politische Aktivisten und viele Studierende sind mit uns, die Hochschullehrer haben heute ebenfalls mit einem Hungerstreik begonnen.

Worum geht es euch?

Es ist ein Drama in zwei Teilen. Der erste Teil ist schnell erzählt. Die Tuba Group zahlt seit drei Monaten keine Löhne mehr aus und hat auch die Auszahlung der Eid-Prämie zum islamischen Feiertag des Fastenbrechens verweigert: Geld, das wir dringend brauchen, auch wenn wir unsere normalen Löhne bekommen. Die Firmenleitung sagt, dass sie nicht zahlen kann, weil Delwar Hossain, der Besitzer, in Haft sitzt: die Banken wollen beantragte Kredite nur an ihn persönlich auszahlen. Das ist völliger Unsinn. Wir haben für eine Lidl-Tochter Trikots für die Fußballweltmeisterschaft produziert, haben über Wochen Überstunden geleistet, Geld ist zuhauf da. Hier beginnt der zweite Teil des Dramas: Die Tuba Group hat diesen Konflikt bewusst inszeniert, um Hossain aus dem Gefängnis freizupressen. Und sie haben Erfolg: Pünktlich zum Eid-Fest, an dem hier in Dhaka alles geschlossen ist, wurde Hossain freigelassen, durch Sonderverfügung eines Gerichts, das eigentlich auch geschlossen war. Angeblich geschieht das nur, um uns zu helfen. Das ist infam. Wir fordern, dass er sofort wieder inhaftiert wird.

Warum saß Delwar Hossain in Haft?

Wegen des Brandes bei Tazreen Fashion, einer seiner sieben Fabriken. Die Fabrik hat für C&A gearbeitet, für die US-Marine, für den amerikanischen Handelsgiganten Walmart, für IKEA und Carrefour. Das Gebäude war für eine Produktion in solchem Ausmaß nicht geeignet, besaß keine Notausgänge, alle drei Treppen führten ins Erdgeschoss, wo der Brand ausgebrochen war. Das Feuer wütete 17 Stunden, 112 Menschen starben, über 200 wurden verletzt. Überlebt hat, wer aufs Dach flüchten konnte oder in eine mit Brackwasser gefüllte Baugrube sprang. Hossain wurde im Dezember 2012 festgenommen und wartete seither in Haft auf seinen Prozess.

Ihr glaubt, das ist ein abgekartetes Spiel?

Ja, natürlich. Die Familie hat alles versucht, um Hossain freizubekommen, sie hat viel Geld und beste Verbindungen. Weil sie bisher trotzdem keinen Erfolg hatten, probieren sie es jetzt auf diese Weise. Aber noch einmal: Die Behauptung, kein Geld mehr zu haben und die Behauptung, dass die Banken Kreditzahlungen nur mit Hossain persönlich verhandeln, sind beide vollkommen absurd. Tuba Group ist bestens positioniert, hat sich mit den Weltmeisterschaftstrikots gerade erst die Taschen gefüllt. Die Freilassung ist illegal.

Was sagen die Firma und der bangladeschische Unternehmerverband BGMEA?

Sie haben angekündigt, uns in ein paar Tagen einen Teil der ausstehenden Gelder auszuzahlen. Wir wollen alles, was uns zusteht, wir wollen es sofort, und wir wollen, das Hossain wieder festgenommen wird. Mehrere Gewerkschaften haben jetzt ein Tuba Group Workers Action Committee gegründet, an dem Frauen- und Studierendenverbände beteiligt sind, große soziale Organisationen und die linken Parteien unterstützen uns. Wichtig ist, dass man auch außerhalb Bangladeschs erfährt, was hier geschieht. Denn natürlich geht es nach wie vor um die Entschädigungen für die Überlebenden des Brandes bei Tazreen Fashion – und um die Entschädigungen für die Rana Plaza-Opfer. Das gehört alles zusammen, wir bringen das zusammen.

Wo stehen denn die Entschädigungsverhandlungen?

Die Tazreen-Überlebenden haben Geld von C&A erhalten, das über Caritas Bangladesch ausgezahlt wurde. Da wurde nicht viel verhandelt: C&A hat gezahlt, was sie zahlen wollten, und danach war Schluss. Doch für uns ist das noch nicht zu Ende, uns reicht das nicht. Und Rana Plaza, die zusammengekrachte Fabrik, die über 1100 Menschen unter sich begrub: da ist erst rund ein Drittel der Entschädigungssumme zusammengekommen. Die meisten Unternehmen spielen einfach auf Zeit, manche haben von Anfang an erklärt, nichts zahlen zu wollen. Die internationalen Auftraggeber unterscheiden sich wenig von Delwar Hossain, wir trauen ihnen so wenig wie ihm. Das einzige, was uns helfen wird, ist Öffentlichkeit. Deshalb machen wir weiter.

Veröffentlicht am 05. August 2014

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