Frankfurt

Raum für kritisches Potential

Gut angelegt: das neue medico-Haus.

Das medico-Haus ist fertiggestellt, der Umzug bewältigt. Inwiefern erhöht das, wie angestrebt, die Unabhängigkeit der Arbeit?

Thomas Gebauer: Mit der Gründung der Stiftung vor 13 Jahren haben wir die Idee verfolgt, für medico ein zweites Standbein zu schaffen, das die Arbeit des Vereins und die Projektförderung von medialen Konjunkturen und Zuschüssen unabhängiger macht. Seit vielen Jahren unterstützt die Stiftung – in stetig wachsendem Umfang – aus den Erträgen ihres Vermögens Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Diese Unterstützung ist durch das medico-Haus nun auf ein neues und sicheres Fundament gestellt worden: Statt das Stiftungsvermögen ausschließlich in ethisch-nachhaltigen Fonds anzulegen, die nicht vor den Turbulenzen der Finanzmärkte gefeit sind, haben wir große Teile davon in das Haus investiert, das wir nun gemeinsam mit gleichgesinnten Organisationen nutzen können. Sämtliche Erträge, auch die Mietkosten, die der Verein erbringt, verschwinden nicht in den Taschen privater Kapitalanleger, sondern kommen der Arbeit von medico zugute. Insofern sind wir mit dem Bau und Bezug eines eigenen Gebäudes auf dem Weg zu finanzieller Unabhängigkeit einen großen Schritt vorangekommen.

Thomas Gebauer. (Foto: Holger Priedemuth)
Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico

Von Anfang an hat medico den Anspruch formuliert, mit dem Haus einen Ort der Solidarität schaffen zu wollen. Wie setzt sich das konkret um?

Wir waren überrascht, wie schnell das Haus vermietet war. Gerne wären weitere soziale und kulturelle Einrichtungen aus Frankfurt hinzugekommen, dafür hätten wir aber drei zusätzliche Stockwerke gebraucht. Die vier Organisationen, die nun mit uns ins medico-Haus einziehen, beschäftigen sich mit der beruflichen Integration von geflüchteten Gesundheitsfachkräften, der Ausbildung migrantischer Frauen, der Beschaffung von Wohnraum, nicht zuletzt für Flüchtlinge, und der Psychotherapie mit traumatisierten Menschen. Was uns verbindet, ist das konkrete Bemühen um Daseinsvorsorge. Auch wenn wir uns schon zuvor gekannt haben, entdecken wir nun neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Erste gemeinsame Aktivitäten für das nächste Jahr sind bereits in Planung.

Ein Bürogebäude ist ein Bürogebäude. Das medico-Haus soll aber auch ein öffentlicher Ort der Debatte werden.

Das Erdgeschoss kann für Konferenzen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und andere Veranstaltungen genutzt werden. Die Fläche bietet damit die Möglichkeit, das Haus und medico für die Frankfurter Öffentlichkeit zu öffnen. Tatsächlich haben sich bereits andere Akteure, nicht zuletzt aus dem unmittelbaren Umfeld, dem Osthafenviertel, gemeldet, mit denen wir gemeinsam darüber nachdenken, wie die Räume für die Schaffung eines Gegenpols zur Mainstream-Kultur der Stadt aufgebaut werden können. Mit von der Partie sind Museumsmacherinnen, Theaterleute, kritische Intellektuelle, bildende Künstlerinnen, Musiker. Das Ziel ist, dem großen kritischen Potential, über das viele Frankfurter Institutionen nach wie vor verfügen, Raum und ganz wörtlich: einen Raum zu geben und so Frankfurt als Ort kritischer Diskurse zu stärken. Viele Debatten sind in den letzten Jahren nach Berlin abgewandert und drohen sich nun dort im parlamentarischen Alltag zu verschleißen. Umso wichtiger wird es werden, Impulse aus dem Off zu setzen. Das gilt für Frankfurt, wo wir uns aus dem Off des Osthafenviertels zu Wort melden werden, und für das politische Berlin, das man aus der Ferne Frankfurts mitunter sehr viel klarer sehen kann. Auch in diesem Sinne entspricht das medico-Haus einem satzungsgemäßen Ziel der Stiftung: als gesellschaftspolitischer Akteur Debatten zu stiften und Räume für eine sich selbst bewusste Öffentlichkeit zu schaffen. Das ist – im lokalen wie im globalen – Voraussetzung, um strukturelle Veränderungen durchsetzen zu können.

Interview: Christian Sälzer

Stiften und Fördern

Mit den Erträgen aus ethisch-nachhaltigen Fonds-Anlagen und nun auch aus Mieterträgen kann die stiftung medico international die Arbeit von Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika fördern. In diesem Jahr wurden zehn medico-Projekte gefördert – von der psychosozialen Unterstützung von Opfern von Menschenrechtsverletzungen in Guatemala über die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in den besetzten palästinensischen Gebieten in der Westbank bis zur Selbstorganisation von aus Europa Abgeschobenen in Mali. Je größer das Stiftungsvermögen ist, umso größer sind Möglichkeiten solidarischer Hilfe. Zustiftungen sind daher weiterhin wünschenswert.

Die stiftung medico international ist dankbar für weitere Unterstützung. Mehr Informationen auf www.stiftung-medico.de.


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