Indonesien

Probe aufs Exempel

Land in Sicht: Dank Selbsthilfe und Solidarität auf Sulawesi. (Foto: Jorge Silva/REUTERS)
Es geht auch so: Nach der Katastrophe bewährt sich die unabhängige und selbstorganiserte Nothilfe.

Von Bernd Eichner

Plötzlich verflüssigt sich der Boden. Ganze Siedlungen kommen ins Schwimmen oder werden vom Boden verschluckt. Das Erdbeben auf der indonesischen Insel Sulawesi hat nicht nur einen Tsunami ausgelöst, sondern auch die wassergesättigten Bodenschichten in einen Brei verwandelt. Mehr als 1.000 Häuser verschwinden am Abend des 28. September 2018 in einem riesigen Erdloch. Und mit ihnen viele ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Die Gefahr war bekannt, zumindest der alteingesessenen Bevölkerung. „In der lokalen Sprache existiert ein Wort für die Bodenverflüssigung“, erzählt Ade Andreawan, Geschäftsführer der medico-Partnerorganisation Yayasan IDEP Selaras Alam. „Wegen der Gefahr hatte die    Gemeinde die Gegend lange nur als Deponie genutzt. Doch dann haben Immobilienentwickler ein Geschäft gewittert. Sie ließen bauen und verkauften die Häuser. Eigentlich ein Fall für Polizei und Korruptionsbekämpfung – wäre nicht auch die örtliche Elite in die lukrativen Machenschaften eingebunden. „Leider ist die Strafverfolgung schwach. Es gibt eindeutige Bauvorschriften, die werden aber nicht umgesetzt“, sagt Ade Andreawan. Das zeigt sich auch in der am stärksten betroffen Stadt Palu: Während viele Gebäude das Beben überstanden haben, ist ein Hotel eingestürzt. Offenkundig haben korrupte Bauunternehmen auf Kosten der Stabilität gespart.

Anders ist die Situation in den ländlichen Gebieten, wo die meisten Menschen von der Fischerei oder der Landwirtschaft leben. Vielen fehlte schlicht das Geld für ausreichend Zement. Die Erschütterungen haben so die Armut erschreckend deutlich aufgedeckt. Mangelndes Wissen zum erdbebensicheren Bauen verschärft das Problem. Hier setzt IDEP an. Unmittelbar nach der Katastrophe hat der medico-Partner Nothilfe geleistet und betroffene Familien mit Nahrungsmitteln und Hygienegütern versorgt. Längst aber plant IDEP Bildungsangebote in und mit den betroffenen Gemeinden. „Den Wiederaufbau sollten diese selbstorganisieren, damit sie nicht von unserer Hilfe abhängig werden“, erklärt IDEP-Koordinatorin Yosephine Avi Rembulan. „Wir können sie aber mit unserer Expertise unterstützen.“ Sie rechnet damit, dass die Regierung die betroffenen Haushalte mit rund 3.000 Euro unterstützt. Noch aber sind rund 80.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Viele schlafen lieber unter Planen oder in Zelten vor ihren Häusern, da sie nicht wissen, ob diese noch sicher sind. Seine Erfahrung zieht IDEP aus den Programmen ihrer Erdbebenhilfe auf Lombok und der langjährigen Trainings- und Öffentlichkeitsarbeit für nachhaltige Landwirtschaft gegen die Naturzerstörung durch die „Grüne Revolution“.

Auch Lian Gogali vom medico-Partner Institut Mosintuwu ist eine Querdenkerin. Seit ihrem Einsatz im sogenannten Poso-Konflikt in den 2000er Jahren, einer blutigen, religiös verbrämten Auseinandersetzung um Macht und Einflusszwischen Muslimen und Christen in Zentralsulawesi, genießt sie weltweite Anerkennung als Friedensstifterin. Während aktuell auch in Indonesien konservative und intolerante Kräfte zunehmend das gesellschaftliche Klima bestimmen, spricht sie mit großer Leidenschaft über Frieden und Gerechtigkeit. Neben ihrem Engagement für die Rechte von Frauen geht es dabei vor allem um interreligiöse Versöhnungsprogramme – mit Erfolg. Kaum war etwa die Meldung von dem Erdbeben eingetroffen, versammelten sich sowohl viele Christinnen wie auch Musliminnen im Mosintuwu-Zentrum, um bis zu 5.000 Essen täglich für die Betroffenen in der Katastrophenregion zu kochen.
 

In einer der vielen selbstorganisierten Küchen in Palu werden die Menschen mit Essen versorgt. (Foto: Athit Perawongmetha/REUTERS)

Nach einer Woche stellte Mosintuwu seine Hilfe um: Statt gekochtes Essen zu liefern, versorgten sie in Hochzeiten knapp 150 öffentliche Küchen mit Geschirr und Nahrungsmitteln. In diesen Küchen kochten und organisierten sich die Betroffenen bald selbst. „Dabei geht es nicht nur ums Essen. Die Küchen sind auch wichtige Orte der Kommunikation. Hier können die Betroffenen die Katastrophe kollektiv verarbeiten und wieder Hoffnung schöpfen“, erläutert Lian Gogali. Denn die Erfahrung des Todes ist unmittelbar. „In Situationen, in denen Verlust erlebt wird, wiederholen sich Traumata. Eine grenzenlose Traurigkeit greift um sich. Die ganze Situation wirkt lähmend. Um in einem solchen Leben zu überleben, ist es erforderlich, dass sich mehr und mehr Menschen zusammenschließen“, so Lian.

Tradition der gegenseitigen Hilfe

Die gegenseitige Hilfe und Selbstorganisation der Betroffenen ist beeindruckend. Zahlreiche Nachbarschaftsinitiativen und Freiwillige aus allen Teilen von Sulawesi und selbst aus Jakarta versuchen zu helfen. Mobilisiert von vielen Menschenrechts-, Frauen-, Arbeiterinnen- und Arbeiter- sowie Umweltorganisationen, die spontane Netzwerke bilden und sich meist per Whats App, Facebook und Opensource-Karten im Internet koordinieren. Die Vielzahl der so entstehenden Hilfsposten („Posko“) und öffentlichen Küchen sind allgegenwärtig und prägen das Bild der Unterstützung. Das sonst noch oft zu beobachtende Mosaik aus internationalen Organisationslogos auf Hilfsgütern aller Art ist hier nicht zu sehen. Denn Solidarität und „Gotong Royong“ – die indonesische Tradition der gegenseitigen Hilfe und Selbstorganisation – haben kein Werbelabel und brauchen auch keins. Die Zusammenarbeit kommt aus der kulturell verankerten Haltung, dass in einer Gemeinschaft jeder jedem helfen soll.

Mosintuwu arbeitet mit den Netzwerken der „Posko“ eng zusammen. Ein wichtiger Knoten im solidarischen Netz ist dabei die lokale Organisation Solidaritas Korban Pelanggaran HAM Sulawesi Tengah (SKP-HAM), die in der vom      Tsunami arg getroffenen Stadt Palu ein Menschenrechtszentrum betreibt. Vor dem Zentrum dampfen reichlich Töpfe mit Reis. Die Aktivistinnen und Aktivisten schneiden Gemüse oder bereiten Verteilungen vor. Im Inneren der umgebauten Lagerhalle hängen große Tabellen, in denen für alle sichtbar notiert wird, wann welcher Posko mit was beliefert wurde und wo was noch fehlt. Überall im Raum stapeln sich Reissäcke, Kanister und Hilfsgüter.

An den Wänden hängen viele Fotos von Menschen aus Palu, die 1965 einem der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Unter dem Kommando des Generals und späteren Präsidenten Suharto wurden damals mindestens 500.000 tatsächliche oder vermeintliche Linke umgebracht. Aus Täterkreisen verlautete gar die Zahl von 2,5 Millionen Toten. Hunderttausende wurden interniert und mit Berufsverboten belegt. Die Bürgerrechte der Überlebenden wurden massiv eingeschränkt. Siedurften weder wählen noch im öffentlichen Sektor arbeiten. „Durch die jahrzehntelange Diskriminierung und Marginalisierung sind sie verwundbarer als andere und leiden besonders schlimm unter der Katastrophe“, erklärt die dynamische SKP-HAM Vorsitzende Nurlaela Lamasitudju. Sie sucht deshalb noch weitere Unterstützung für die rund 1.000 Überlebenden des antikommunistischen Politizid, die jetzt durch den Tsunami Angehörige oder ihr Haus verloren haben.

Fast rund um die Uhr ist Nurlaela seit dem Desaster im Einsatz – und dass, obwohl sie selbst Familienmitglieder verloren hat und ihre alte Mutter pflegt. Sie sieht sich als Bindeglied zwischen der Regierung und den Überlebenden. „Die Verteilung von Information ist sehr wichtig. Auch wenn ich nicht offiziell an den Koordinierungstreffen der internationalen Hilfsorganisationen und der Regierung teilnehmen darf, gehe ich jedes Mal hin, damit nicht einfach an unseren Bedürfnissen vorbeigeplant wird“, erzählt sie. Bei Touren durch die Stadt verteilt sie ein selbst entworfenes Formular, mit dem man bei den Elektrizitätswerken anzeigen kann, dass man noch keinen Strom hat. Denn: „Viele schrecken vor der Bürokratie zurück.“

Im Kampf um Rechte ist sie in ihrem Element. So hat nicht zuletzt ihr Engagement dazu beigetragen, dass Palu bei der Aufarbeitung der Vergangenheit heraussticht: 2012 hat sich der damalige Bürgermeister Rusdy Mastura bei den Opfern der antikommunistischen Gewalt entschuldigt und ein Jahr später Palu zur „Stadt der Menschenrechte“ erklärt. Ein bis heute einzigartiger Vorgang in einem Land, das auch 20 Jahre nach dem Abdanken des Suharto-Regimes noch immer in erzwungener Stille verharrt. Palu zeigt, dass es anders geht. Dazu passt, dass der Tsunami vieles hinweggespült hat, nicht aber die Sammlung von 1.200 Aussagen von Überlebenden der damaligen Massaker.
 

Bei der Bewältigung der Erdbeben- und Tsunamifolgen könnte von Palu wieder ein positives Signal ausgehen. Voraussetzung für solche nachhaltige Nothilfe ist, dass Regierung, Behörden und internationale Hilfsorganisationen die Selbstorganisation der lokalen Akteure anerkennen. medico tut das und richtet seine Förderung der Partnerorganisationen wie Mosintuwu und Yayasan IDEP Selaras Alam daran aus, solidarische Strukturen vor Ort zu stärken.

Spendenstichwort: Indonesien


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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