Pressemitteilung, 21.10.2026

Polens Grenzregime: von der „Krise" zur Todeszone

21.10.2026  

Neue Studie dokumentiert 102 Todesfälle an der polnisch-belarussischen Grenze.

(Frankfurt am Main, 21.10.2026) Fünf Jahre nach der Ausrufung der „Grenzkrise" an der polnisch-belarussischen Grenze bezeichnet Polens Ministerpräsident Donald Tusk das Vorgehen seines Landes als Erfolg. Eine neue Recherche der medico-Partnerorganisation Border Forensics zeigt, welchen Preis dieser „Erfolg" hat: mindestens 102 dokumentierte Todesfälle in den Jahren 2021 bis 2025, weitaus mehr Vermisste und ein System aus Pushbacks, Militarisierung und Gewalt. Überlebende nennen die Grenzregion „Todeszone". Die Studie zeichnet nach, wie die Grenze zum Experimentierfeld für zunehmend gewalttätige Migrationskontrolle wurde.

Die Studie „Die Todeszone" wurde von dem Rechercheverbund Border Forensics, der Menschenrechtsverletzungen auf den Fluchtrouten untersucht, gemeinsam mit den Investigativprojekten Circumference of Violence und Infrastructuring Nature ausgearbeitet. medico international, die Rosa Luxemburg-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung u.a. haben die Studie finanziell unterstützt.

„Unser Bericht bietet einen detaillierten Einblick in die Funktionsweise des tödlichen Pushback-Systems, das im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland praktiziert wird“, erklärt Charles Heller, Präsident von Border Forensics und verantwortlicher Leiter der Untersuchung. „Wir decken ein erschreckendes Ausmaß an Entmenschlichung, systematischer Gewalt gegen Migrant:innen sowie die Institutionalisierung von Rechtlosigkeit und Straflosigkeit auf. Unser Bericht ist nichts weniger als ein Weckruf in einer Zeit, in der die EU Polens Politik zunehmend als Vorbild nimmt.“

Die Erzählung von der „hybriden Kriegsführung" greift zu kurz

Zwar hat das belarussische Regime die Fluchtbewegungen in Richtung EU gezielt befördert. Doch die Recherche zeigt: Belarus konnte das Leben von Schutzsuchenden nur instrumentalisieren, weil Polen und die EU zuvor die Rahmenbedingungen dafür geschaffen hatten – durch die Darstellung von Migration als Bedrohung, fehlende legale Fluchtwege für Menschen aus dem Globalen Süden und die Auslagerung der Grenzkontrolle an Drittstaaten. Polen wiederum stellte Geflüchtete als „Waffen" eines feindlichen Staates dar und rechtfertigte damit Ausnahmegesetze, Militarisierung und die systematische Einschränkung des Zugangs zu Asyl und humanitärer Hilfe. „Wenn Grundrechte im Namen der Sicherheit ausgesetzt werden, steht nicht nur das Asylrecht auf dem Spiel, sondern die Rechtsstaatlichkeit insgesamt. Sollte das gängige europäische Praxis werden, verschwindet damit auch die europäische Idee von Gerechtigkeit“, so Kerem Schamberger, Referent für Flucht und Migration bei medico international.

Tod als Ergebnis von Politik

Wiederholte Grenzübertritte, Verletzungen am Grenzzaun, Gewalt bei Pushbacks und lange Phasen der Bewegungsunfähigkeit schufen in Wäldern, Flüssen und Mooren bei extremen Temperaturen Bedingungen, die in mindestens 102 Fällen zum Tod von Geflüchteten führten. „Nicht die Natur war die Gefahr", so der Bericht, „sondern Grenzpolitik, Infrastruktur und Polizeipraxis machten die Landschaft zum Mechanismus des Leidens.“

„Für uns ist der Bericht ein strategisches Instrument für die Zukunft – eines, das betroffenen Familien in ihrem Kampf um die grundlegendsten Formen der Gerechtigkeit nutzen können: das Recht auf Wahrheit, um das Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren, sowie das Recht, an den Ermittlungen zu deren Tod und Verschwinden beteiligt zu werden. Wir haben es mit einer Zone der Gewalt zu tun, in der staatliche Amtsträger:innen weiterhin keine Rechenschaft für ihre Handlungen ablegen müssen“, kommentiert Katarzyna Czarnota, eine der leitenden Forscherinnen des Berichts. Die Untersuchung fordert Polen und die EU auf, Pushbacks zu beenden, den Zugang zu Asyl und sichere Fluchtwege wiederherzustellen, schädliche Grenzinfrastruktur und Überwachung abzubauen und Verstöße aufzuklären.

Materialien

Für Rückfragen & Interviewwünsche

Kerem Schamberger, Referent für Flucht und Migration bei medico international, schamberger@ medico.de, 0179 9678 355 
 


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