Ebola in Sierra Leone

Politische Determinanten der Ebola-Epidemie

02.01.2015   Lesezeit: 5 min

Der Ebola-Ausbruch in Westafrika demonstriert die todbringenden Folgen fehlender Gesundheitssysteme

Von Anne Jung und Joseph Pokawa

Um sich vor Krankheitserregern zu schützen, sollte man sich mehrmals am Tag mit Wasser und Chlorin die Hände waschen. Im Zuge der Ebola-Epidemie wird diese Hygienemaßnahme den Menschen in Sierra Leone angetragen. „Bedenkt man, dass jeder Zweite im Land gar keinen Zugang zu sauberem Wasser hat, klingt dieser Rat geradezu zynisch“, sagt Joseph Pokawa von Network Movement for Justice and Development, einer landesweit tätigen und respektierten Menschenrechtsorganisation, die sich seit zwei Jahrzehnten für die Verteilungsgerechtigkeit in Sierra Leone einsetzt.

Eine jahrzehntelange Politik, in der die elementaren Bedürfnisse der Bevölkerung vernachlässigt wurden, schaffte dem tödlichen Virus die besten Voraussetzungen, sich zu verbreiten. Das westafrikanische Land von der Größe Hessens erbte im Jahr seiner Unabhängigkeit ein System, das auf ausbeuterischer Herrschaft, extrem schwachen staatlichen Institutionen sowie eine auf Export ausgerichtete Wirtschaft beruht. Nach dem Ende des langen grausamen Bürgerkrieges waren es IWF und Weltbank, die die Gehälter im Gesundheitssektor unter die Armutsgrenze absenkten und so massenhaft Gesundheitspersonal ins Ausland trieben. Sierra Leone verfügt über fruchtbare Böden und unter der Erde lagern viele begehrte Rohstoffe, darunter Diamanten Rutil und Gold. Angesichts dieses Reichtums und eines sensationell hohen Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren, wäre es durchaus möglich, Maßnahmen für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung und für menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen. Doch die patrimonialen Strukturen kreierten ein System der Ressourcenverteilung in einem persönlichen Beziehungsnetzwerk, das auf die Unterstützung finanzstarker externer Akteure setzte und nicht auf die Zustimmung der eigenen Bevölkerung. Präsident Ernest Koroma ist stolz darauf, sein Land „wie ein Unternehmen zu führen“, er entbindet sich selbst und die internationalen Unternehmen von jedweder sozialen Verantwortung. Staatseinnahmen werden zugunsten kurzfristiger Gewinne verkleinert.

In einem Land, in dem noch nie funktionierende Bildungs- und Gesundheitssysteme vorhanden waren und in dem sich im Schnitt ein Mediziner um 30.000 Patient_innen kümmern muss, wundert es nicht, dass die Ebola-Krankheit die schwachen Strukturen heillos überfordert. Es gibt kaum Infrastruktur und zu wenig Personal um die Verbreitung des Virus wirksam eindämmen zu können. Diese Politik, die auch von europäischen Regierungen mit der fortgesetzten Liberalisierung der Märkte zementiert wird, schaffte die besten Voraussetzungen für die Epidemie. „Das hier ist keine Naturkatastrophe. Ebola ist der Terrorismus der Armut” sagt der Mediziner Paul Farmer, Professor an der Universität Harvard.

In den ersten vier Monaten seit dem Ausbruch von Ebola starben in Sierra Leone 440 Menschen an Ebola; im statistischen Durchschnitt starben im gleichen Zeitraum aber auch 650 Menschen an Meningitis, 670 an Tuberkulose, 790 an HIV bzw. AIDS, 845 an Durchfallerkrankungen und mehr als 3.000 Menschen an Malaria. Wieso sollten die Menschen, die den Staat nie in einer fürsorglichen Rolle erlebt haben, jetzt den Empfehlungen der Behörden Vertrauen entgegenbringen, die vielerorts ganze Viertel abriegeln, ohne die eingeschlossenen Menschen ausreichend zu versorgen? Wieso auf einen Staat vertrauen, der in Sierra Leone seit Jahrzehnten als Produzent von Unsicherheit, Angst und Willkür wahrgenommen wird? In der Provinz Kono, der an Diamantenvorkommen reichen und zugleich der ärmsten Region Sierra Leones, kam es aus Verzweiflung bereits zu tödlichen Auseinandersetzungen. Die Gesundheitskatastrophe droht in einer erneuten politischen Zuspitzung  zu münden.

Das ist die denkbar schlechte Ausgangslage für die vielen freiwilligen Helfer_innen, darunter jene von Network Movement for Justice and Development, die ihre Arbeit auf Ebola-Aufklärung umgestellt haben. Doch sie können auf eines bauen: Die Menschen vertrauen ihnen, das ist ihr wichtigstes Gut. Seit Wochen gehen sie von Tür zu Tür und versuchen in Gesprächen Angst, Misstrauen und die fatalistische Haltung der Menschen zu überwinden. Sie erklären geduldig, dass es lebensgefährlich ist, kranke Angehörige zu verstecken, dass all jene, die eine Ebola-Infektion überleben tatsächlich geheilt sind und warnen vor der wachsenden Stigmatisierung. Und sie versuchen trauernde Angehörige respektvoll davon zu überzeugen, ihre an Ebola gestorbenen Liebsten nicht zu umarmen. Und – das ist vielleicht der wichtigste Teil ihrer Arbeit  – sie stellen Forderungen an die Politik und fordern die Wahrung der Menschenwürde ein. „Der Umgang mit der Epidemie ist auch eine Frage der Menschenrechte“, sagt Josephine Koroma von NMJD.

Sie wissen, das Verhalten der einzelnen kann nicht von den Verhältnissen getrennt werden, unter denen die Menschen leben müssen. Zu diesem Prinzip der strukturellen Prävention gehört die Entwicklung von Perspektiven für die Zeit nach der Epidemie. Für eine Gesundheitsfürsorge, die ihren Namen verdient, für den Zugang zu Bildung und eine gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen. Um aus dem Teufelskreis zu entkommen: „Indem die Regierung den Menschen das Recht auf Bildung vorenthält, verhindert sie, dass Menschen für ihr Recht auf Gesundheit streiten“, sagt Joseph Pokawa.

„Genauso nötig wie Hilfe brauchen wir daher nun echte Solidarität“ erläutert er weiter. Falsch verstandene Hilfe  versäumt es die Betroffenen zu ermächtigen, sich selbst zu helfen. „Ebola kennen wir seit 1967 und nichts wurde in all den Jahrzehnten unternommen, Menschen in die Lage zu versetzen, im Falle eines Ausbruchs angemessen reagieren zu können.“ Diese oktroyierte Machtlosigkeit betrifft neben Krankheiten aber auch alle damit untrennbar verbundenen Probleme wie Landgrabbing, Umweltzerstörung und schlechte Regierungsführung. „Wenn sich hier nichts ändert, bleibt es für die Menschen in Sierra Leone ein Phantasma über soziale Teilhabe zu sprechen.“

Die mit dem Globalisierungsprozess entstandenen Risiken dürfen nicht der Legitimation einer Politik der Abschottung  dienen. Die Ebola-Epidemie ist mit einer globalen Wirtschaftspolitik verflochten, die die Ausbildung eines funktionierenden Gesundheitssystems in Sierra Leone verunmöglicht. Insofern ist die Epidemie mit den westlichen Industrienationen schon längst verflochten. Benötigt wird nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in der Weltgesundheitspolitik, die in allen Ländern eine allen zugängliche Gesundheitsfürsorge und ein Leben in Würde garantiert. Für die Umsetzung braucht es jedoch viel Geld. Das lässt sich nur über eine progressive Besteuerung von Einkommen und Vermögen und die Abschaffung unfairer Handelsbeziehungen erzielen – Forderungen, die bisher von keiner europäischen Regierung in Erwägung gezogen werden. Solange der Leitgedanke für Globale Gesundheit bei der Bundesregierung weiter darin besteht, primär zum Schutz und zur Verbesserung der Gesundheit der Deutschen beizutragen, wird sich strukturell nichts verändern. Die Schaffung eines internationalen Gesundheitsfonds scheitert nicht an fehlenden Ressourcen, sondern an der Weigerung die bestehenden Ressourcen gerecht zu verteilen.

Ebola ist mehr als eine Krankheit, sie ist Ausdruck krankmachender Verhältnisse, die das Virus erst zur Epidemie werden ließ.


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