Flucht & Migration

Orte der Zuflucht und Würde

Ein Ort, um nach der Abschiebung neuen Mut zu sammeln. Das Rasthaus von ARACEM in der malischen Hauptstadt Bamako. (Foto: Christian Gropper)
Viele Flüchtlinge haben brutale Gewalt erfahren. Ein wenig Ruhe und Sicherheit bieten Rast- und Zufluchtshäuser entlang der Routen.

Von Ramona Lenz

Mexiko: Herbergen entlang der Bahngleise

Nicht erst seit US-Präsident Trump die Grenze zu Mexiko hermetisch abriegeln will, ist die Situation für Migrantinnen und Migranten in Mexiko katastrophal – zumal auch Mexiko selbst in der Bekämpfung der Migration aus Zentralamerika aktiv ist. So kooperiert das Land bereits seit 2014 mit den USA im Programm „Frontera Sur“, um Illegalisierte weit vor der US-mexikanischen Grenze aufzuhalten und zurückzuschicken. Die Haupttransitrouten durch Mexiko verlaufen entlang der Gleise, auf denen die Güterzüge durch das Land fahren. Die Reise auf dem Dach der Züge ist irrwitzig gefährlich. Entlang der Gleise gibt es aber immerhin rund 60 Herbergen, in denen Flüchtlinge für einige Tage unterkommen können. Hier finden sie einen Schlafplatz, medizinische Grundversorgung und Nahrung. Sie können Wäsche waschen und mit ihren Angehörigen telefonieren. So auch in der Herberge „La 72“ in Tenosique, die medico seit einigen Jahren unterstützt. Tenosique ist eine der wichtigsten Stationen auf dem Weg in die USA, da eine der Hauptbahnstrecken in Richtung Norden hier beginnt. Obwohl Franziskanerbruder Fray Tomás, der die Herberge leitet, wiederholt Morddrohungen von kriminellen Banden erhalten hat und wegen Menschenhandels anklagt wurde, setzt er seine Tätigkeit zum Schutz der Migrantinnen und Migranten unbeirrt fort.
 

Mali: Abgeschoben

Mali gehört zu den sieben afrikanischen Ländern, in denen die EU derzeit auf die Unterzeichnung eines Rückübernahmeabkommens drängt und wohin Abschiebungen aus Europa seit einiger Zeit forciert betrieben werden. Roméo Ntamag und sein Cousin Patrice Bobkar Zinahad, beide aus Kamerun, sind bereits vor zwölf Jahren auf ihrer Reise Richtung Norden gescheitert und in der malischen Hauptstadt gestrandet. Doch anstatt aufzugeben gründeten sie den Verband der abgeschobenen Zentralafrikaner in Mali (ARACEM). Mit der Unterstützung von medico gelang es, ein Haus anzumieten, in dem abgeschobene Migranten eine erste Anlaufstelle finden und für ein paar Tage zur Ruhe kommen können. Für die Abgeschobenen ist das Team um Roméo und Patrice oft der erste Lichtblick auf ihrer langen Reise. Es gibt medizinische und psychosoziale Hilfe, warme Mahlzeiten und tröstende Worte. Doch große Hoffnungen können auch sie ihnen nicht machen. An Arbeit ist in der Hauptstadt Malis kaum zu denken, für junge Malier nicht und erst recht nicht für Migranten aus Zentralafrika. Viele packen daher schon bald wieder ihre wenigen Sachen und machen sich erneut auf den Weg.


Marokko: Gefangen im Transit

Marokko ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Transitland für Menschen aus Subsahara-Afrika und inzwischen auch aus dem Irak, Syrien Afghanistan oder Bangladesch geworden. Da sich die meisten illegal im Land aufhalten, ist ihre Zahl schwer zu schätzen. Doch seit die Grenzzäune zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla stark aufgerüstet wurden, hat sich die Weiterreise der Migrantinnen und Migranten nach Europa erheblich erschwert. Aus dem geplanten Transit wird ein  Daueraufenthalt. Viele der Migrantinnen und Migranten sind obdachlos. Weil sie Angst vor einer Abschiebung haben, besuchen sie keine öffentlichen Krankenhäuser und private Arztpraxen können sie sich nicht leisten. Seit November 2015 unterstützt medico gemeinsam mit afrique-europe-interact ein Rasthaus in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, wo Frauen und ihre Kinder für bis zu drei Monate Ruhe und Sicherheit finden können. Diese Wohnungen werden von der Selbstorganisation kongolesischer Migranten und Migrantinnen in Marokko (ARCOM) betreut, die der Buchautor Emmanuel Mbolela mitgegründet hat. Inzwischen besteht das Rasthaus aus drei Wohnungen, die insgesamt dreißig Frauen und zehn Kindern Platz bieten.
 

Serbien und Griechenland: Hotels der anderen Art

Nachdem Europa die Landesgrenzen wieder dicht gemacht, die „Balkanroute“ offiziell geschlossen und den EU-Türkei-Deal geschmiedet hat, stecken Zehntausende Flüchtlinge im Osten und Südosten des Kontinents fest. Rund 60.000 Menschen sind es allein in Griechenland. Sie alle stehen vor zwei trostlosen Alternativen: Entweder sie begeben sich in eines der offiziellen und oftmals überfüllten Lager und liefern sich damit einer technokratischen Migrationskontrolle sowie einer drohenden Abschiebung aus. Oder sie versuchen, sich irgendwie auf eigene Faust durchzuschlagen. Von den offiziell 7.700 Flüchtlingen in Serbien etwa leben viele auf der Straße, in Parks oder in heruntergekommenen Lagerhäusern. Diese Umstände haben im vergangenen Jahr dazu geführt, dass mitten in Europa wieder Menschen erfrieren. Kleine Lichtblicke im abgeschotteten Europa bilden selbstorganisierte Zufluchtsstätten. In Belgrad unterstützte medico gemeinsam mit der Initiative „Moving Europe“ 2015 und 2016 das ehemalige Starhostel, das zum Rasthaus für Flüchtlinge, Migranten und Migrantinnen umgenutzt wurde. Bis zu 35 Menschen konnten hier unterkommen, vor allem Familien, unbegleitete Minderjährige und Kranke. In Athen stand das City Plaza Hotel jahrelang leer, bis eine Athener Aktionsgruppe es im April 2016 für Flüchtlinge herrichtete. Um die 400 Menschen leben seither dort, unter ihnen viele Kinder. Staatliche Unterstützung gibt es keine, dafür aber gutes Essen, saubere Flure, eine Apotheke, einen Friseur sowie Sprachkurse, eine Bibliothek und Rechtsberatung. Alles finanziert mit Spenden und auf der Basis freiwilliger und unentgeltlicher Arbeit. „Wir leben zusammen – Solidarity will win“ lautet das Motto im City Plaza.


Egal, in welches Land man schaut: Alle von medico unterstützten Herbergen und Rasthäuser geraten immer wieder unter Druck. Gewaltandrohungen und Räumungsklagen machen es schwer, die wertvolle Arbeit von und mit Geflüchteten aufrechtzuerhalten. Die Rasthäuser und Herbergen sind Orte der Solidarität und Würde und geben den Menschen auf der Flucht ein wenig von dem zurück, was ihnen unterwegs genommen wurde: Selbstbestimmung, Individualität und Schutz. Vor allem aber sind sie das gelebte Gegenteil zur brutalen Abschottung, zur der die USA und die EU keine Alternative mehr sehen.


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