medico-Feier

Laudatio

Barbara Unmüßig in der Berliner Urania. (Foto: medico)
Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung hielt die Laudatio auf dem Festakt zu 50 Jahren medico in der Berliner Urania.

Herzlichen Glückwunsch euch allen zum 50. Er gilt allen, die für und mit medico arbeiten und gearbeitet, unterstützt und begleitet haben. Happy Birthday!!!

Es ist etwas Besonderes, dass eine linksemanzipatorische Organisation wie medico überhaupt 50 wird. Und vielen Dank für das Vertrauen, heute eine Eurer Festredner*innen sein zu dürfen.

Inmitten all der Krisen – in einer aus den Fugen geratenen Welt – braucht es eine mutige Akteurin mit politischem Kompass und Weitblick wie medico mehr denn je.
 

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50 Jahre medico international stehen für 50 Jahre Solidarität mit den Chancenlosen, den Ausgeschlossenen, den Opfern von Krieg und Gewalt,für 50 Jahre Solidarität mit den Widerständigen, mit denen, die sich wie ihr einmischen gegen Krieg, Unrecht und Ungleichheit und sich einsetzen für Menschenrechte. medico steht für ein radikal anderes Verständnis von Hilfe und Partnerschaft – und medico ist global vernetzt und lokal mit konkreter Hilfe präsent.

50 Jahre heißen auch Brüche und Widersprüche auszuhalten, sich trennen von Personen und Partnern, die die Vision und Idee von Menschenrechten und Befreiungshilfe nicht (oder nicht mehr) teilen. 50 Jahre bedeuten, der Vereinnahmung durch den politischen Mainstream zu widerstehen und immer wieder demütig die eigene politische Reichweite und Rolle zu reflektieren. All das macht für mich medico aus und zu einer Ausnahmeerscheinung am bunten und vielfältigen deutschen wie internationalen NGO Himmel. Und das alles ist Teil einer 50-jährigen Erfolgsgeschichte.

Zum ersten Mal lief mir medico als Studentin des OSI in Berlin und als Praktikantin bei der Aktion Dritte Welt und dem iz3w in Freiburg über den Weg – das war Ende der 70er Jahre.

Ich war begeistert von der deutschen und internationalen Gesundheitsbewegung, die in Deutschland mit den Alternativen Kongressen und Gesundheitstagen für eine selbstbestimmte und emanzipatorische Gesundheitspolitik, für eine andere medizinische Ausbildung stand, die Anti-Psychatriebewegung, sie hatten mich fasziniert und inspiriert.

medico (und Dr. Mabuse) sind mir damals immer über den Weg gelaufen und medico ist bis heute wesentlicher Akteur dieser Gesundheitsbewegung, auch wenn diese an Kraft und Dynamik verloren hat. Ihr bleibt am Ball, was angesichts des massiven Einflusses von Akteurinnen wie der Bill&Melinda Gates Stiftung, die die internationale Gesundheitspolitik zu dominieren beginnen und angesichts der massiven Ökonomisierung der Gesundheitspolitik äußerst dringlich ist.

Ende der 70er Jahre, da war Medico schon 10 Jahre alt und hatte seine Phase als reine Hilfsorganisation, die Hilfsgüter nach Biafra, Vietnam, in den Sahel, Angola oder Madagaskar lieferte und deutsche Ärzte in Kurzzeiteinsätzen entsandte, hinter sich.

Es ist bemerkenswert, wie früh medico vor allem die politischen Dimensionen und strukturellen Ursachen von Hunger, Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg in den Vordergrund rückte und darauf pochte, dass Antworten grundsätzlich politisch sein müssen. Medikamentensammlungen – die auch von der pharmazeutischen Industrie gesponsert wurden, haben sie damals mutig und trefflich als Wohlstandsmüll charakterisiert.

medico hat früh für sich Hilfe als Befreiungshilfe verstanden, denn solidarischer Beistand allein genügte Euch nicht. Und an Symptomen herumzudoktern schon gar nicht. Wie verortet sich konkrete Hilfe, wenn gleichzeitig ungerechte Machtstrukturen überwunden werden sollen? Das ist und bleibt die Grundsatzfrage und ist der rote Faden durch die fünf Jahrzehnte eures Engagements für Befreiung und grundlegend verbesserte Lebensverhältnisse. Antworten auf diese Frage habt ihr immer wieder geliefert.

Sei es, indem ihr verschiedenste Befreiungsbewegungen und Organisationen, vom palästinensischen Roten Halbmond bis zur Frelimo in Angola, die Befreiungsbewegungen in Zentralamerika, allen voran in Nicaragua unterstützt habt.

Eine ganzheitliche und demokratische Gesundheitsversorgung, die Prävention, die Ausbildung Einheimischer, das war und ist das Ziel. Und medico hat lange vor allen anderen der psycho-sozialen Arbeit mit den Traumatisierten des Krieges und der Folter einen großen Stellenwert eingeräumt.

Soziale, kulturelle, politische Rechte erstreiten, Menschen ihre Würde zurückgeben, sie von Opfern zu Subjekten und GestalterInnen ihrer Zukunft zu machen, das treibt medico und die Vielzahl euer Partnerinnen in den Philippinen, in Kurdistan, in Guatemala oder Mali an und ist radikal etwas anderes als pure Nothilfe.

So sehr Veränderungen zu Hause und lokal beginnen müssen, so sehr war für medico auch klar, dass das alleine nicht genügt. Das Lokale macht nur dann Sinn und einen nachhaltigen Unterschied, wenn gleichzeitig die strukturellen und globalen, Verursacher für Ungleichheit und Unrecht zur Rechenschaft gezogen werden. Da war es nur konsequent, sich mit der Dominanz und Macht der Pharma-Multis anzulegen.

Mit „Geschäfte mit der Armut“ – Eurem ganz wichtigen Buch Anfang der 80er Jahre – habt ihr den Großen und Mächtigen den Kampf angesagt. Hilfe für Kurdistan, die Unterstützung kurdischer Flüchtlinge habt ihr ebenso konsequent mit schärfster Kritik an deutschen Firmen, den „Händlern des Todes“ verknüpft, die die Anlagen zur Produktion international geächteter Chemiewaffen an Saddam Hussein geliefert hatten.

Die 80er und 90er Jahre waren Jahre eines globalen zivilgesellschaftlichen Aufbruchs – und medico war mittendrin. Es bildeten sich überall erste größere und wirkungsmächtige transnationale unabhängige Netzwerke heraus. Die neoliberale Globalisierung mit all ihren sozialen und ökologischen Folgen brauchte Widerstand, Gegengewicht und Alternativen. Strategien und Konzepte - mussten mehr und auch auf globaler Ebene ansetzen. Und viele Akteurinnen im globalen Süden- Frauen und Umweltbewegungen – auch die internationale Gesundheitsbewegung – hegten die Hoffnung, dass die Vereinten Nationen bei der Lösung globaler Probleme eine wichtige Instanz gerade auch der supranationalen Rechtssetzung sein könnte.

Und die Hoffnung war ja nicht ganz unberechtigt. Schließlich hatte die WHO dank entsprechender Kampagnen- und Advocacyarbeit, gerade auch von Medico den zivilgesellschaftlichen Slogan der 70er Jahre – „Gesundheit für alle“ – in die“ Primary Health Care Strategie“ umgemünzt.

Das war ein echter Erfolg, weil zum ersten Mal internationale Gesundheitspolitik in den Kontext sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe gestellt wurde. Zudem wurde damit anerkannt, dass es vor allem außermedizinische Faktoren sind, die krank oder eben gesund machen.

Das gab Auftrieb – für internationale Vernetzung und Mobilisierung und für Medico führte diese gezielte Bündelung emanzipatorischer Kräfte als Ko-Gründerin der „Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen“ 1997 erst zum Internationalen Abkommen zum Verbot von Antipersonen-Minen und zum Friedensnobelpreis für die Kampagne, deren treibende Kraft medico international war.

Was für ein Erfolg – das war Bestätigung und ein mächtiger Zuwachs an Glaubwürdigkeit und Motivation fürs Weitermachen in dieser so entscheidenden Mischung, lokale Praxis mit transnationalen Bündnissen und Öffentlichkeiten zu kombinieren. Und es war ein Kraftakt, diese vielfältigen Dimensionen und Ebenen professionell zu bedienen, erst Recht für eine im Vergleich zu den großen NGO Tankern kleine Organisation wie medico. Meine Hochachtung.

Die Suche nach Gemeinsamkeiten, nach Austausch und Verständigung mit Partnerinnen und in Netzwerken, das prägt eure Arbeitsweise. Ohne Partner*innen, ohne Bündnisse und ohne transnationale Öffentlichkeiten lassen sich keine emanzipatorischen und politischen Veränderungen erzielen.

Das wissen auch die politischen und ökonomischen Eliten, die ihre Privilegien und Macht vielerorts und buchstäblich bis aufs Messer verteidigen, und unseren Partner*innen und Kritiker*innen diffamieren, einschüchtern und mit einer Vielzahl von Repressalien drangsalieren und ausschalten wollen. Es ist eines von mehreren Themen (neben der Auseinandersetzung um Beyond Aid), zu denen die Heinrich Böll Stiftung und medico in den letzten Jahren die Kooperation wieder vertieft haben.

Konsequente Menschenrechtsarbeit, die sich nicht instrumentalisieren und relativieren und in Doppelstandards hineinziehen lässt, ist eine Antwort gegen das Vielfache soziale, politische und ökologische Unrecht und für medico über die Jahre ein zentrales Markenzeichen geworden. Zu dieser Glaubwürdigkeit gehört eben auch, sich von Menschenrechtsverletzungen eindeutig zu distanzieren – kommen sie von der SWAPO (von den ihr euch als Partner getrennt habt), von der Hamas, von Israel oder Ortega.

50 Jahre das ein langer Weg, der viele Versuchungen und schwierige Entscheidungen mit sich bringt, und auf dem ihr viele Widersprüche zu bewältigen hattet. Eine besonders schwierige Phase war für euch, als die rot-grüne Regierung, euch das Konzept der vernetzten Sicherheit schmackhaft machen wollte. Thomas Gebauer sagte mir über seine damalige Situation: „Ich halte das nicht mehr aus“.

Claudia Roth war zwar nicht Regierungsgmitglied, sie stellte sich aber der Auseinandersetzung. Ich habe sie gefragt, was sie an medico besonders schätzt. Hier ihre Antwort:

„medico war immer anders, viel politischer als viele andere humanitäre Organisationen, stets darauf konzentriert, vor lauter kurzfristigen Notwendigkeiten die Wurzeln der vielen Probleme und die strukturellen Reformen nicht aus den Augen zu verlieren. Medico ist immer schon an Fragen der Kohärenz heran gegangen, hatte Weitblick, politischen Kompass. Das hat nicht zuletzt unter und innerhalb der rot-grünen Regierung für Auseinandersetzungen gesorgt. Damals wie heute sage ich: gut so!“

Da hat sie recht!

Nein sagen – das ist einfacher gesagt als getan. Kooptation ist die schlimmste Falle, in die kritische und emanzipatorische Organisationen und NGOs tappen können, erst Recht, wenn sie Staatsknete bekommen. Sie endet im Verlust von Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit. Wie die Balance halten zwischen der Forderung nach radikalen Reformen, nach notwendigen Bündnissen mit weniger Radikalen und den vielfältigen staatlichen Einbindungsversuchen? Dieser schwierige Spagat wird euch erhalten bleiben.

Was tun, wenn wie Thomas Gebauer schreibt „immer mehr Philanthrokapitalisten, Industriestiftungen und Unternehmen aufs Feld der Hilfe ziehen und – was tun, wenn der Pragmatismus der Hilfsorganisationen die Hilfe auf die technische Bereitstellung von Hilfsgütern reduziert?“ Was tun, wenn Hilfsorganisationen immer mehr als sozialer Airbag missbraucht werden, ohne dass sich im Kern an den Strukturen irgendetwas ändert? Wie sich wehren, wenn Hilfsorganisationen bei den sicherheitspolitischen und flüchtlingspolitischen Abschottungsstrategien der Regierungen fest eingeplant werden? Ihr habt dem in den Balkankriegen und in Afghanistan widerstanden.

Und ihr kennt die Antwort, lieber Vorstand, lieber Thomas, liebe Mitarbeitende von medico. Und sie fällt nicht so viel anders aus als vor 50 Jahren:

Macht weiter

  • mit euer Idee der Befreiungshilfe;
  • bleibt Stachel im Fleisch des globalen Hilfsbusiness,
  • schmiedet Bündnisse gegen den humanitär-industriellen Komplex
  • das 21.Jahrundert braucht mehr denn je Solidarität - jenseits der Hilfe -
  • widersetzt euch der Vereinnahmung und den „embedded“ Strategien des sicherheitspolitischen Mainstreams.
  • solidarisiert Euch mit den Widerständigen, denn die gibt es überall und sie brauchen euch.

Politische, finanzielle und intellektuelle Unabhängigkeit - das ist eure wichtigste „Währung“ und wird sie hoffentlich auch bleiben – sie ist viel Wert in dieser Welt.

Euer Erfolg und Einzigartigkeit, die Tatsache, dass heute so viele Menschen, Kolleginnen und Partner hier sind, um mit Euch und Euch zu feiern – das ist das Verdienst sehr vieler Menschen und einiger einzelner Personen im Besonderen.

Die Kontinuität des kritischen Geistes und Selbstreflexion medicos – das ist für mich auch Thomas Gebauer. Deine philosophischen und theoretischen Denkanstöße, deine Intellektualität, deine Kraft, Widersprüche zu benennen, auszuhalten und gerade auch zu managen, den Mitarbeitenden – auch den revolutionärer gestimmten – Spielräume zu lassen, das zeugt von Souveränität und persönlicher Integrität. Hirn, Herz und Seele medicos bist schon auch du, lieber Thomas!

50 Jahre sind noch lange nicht genug, mehr von Euch! Und wir machen mit.


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