Libanon

Kein Zurück mehr

Proteste 2019: Auch im Libanon hat die Zivilgesellschaft die Angst verloren. Ein Interview mit Monika Borgmann vom medico-Partner UMAM.

Massenproteste haben den Libanon in einen Ausnahmezustand versetzt. Was ist da in Bewegung geraten?

In den letzten Monaten ist etwas passiert, was die Gesellschaft massiv verändert hat und langfristig verändern wird: Es gibt kein Zurück mehr zu dem, wie es war. 30 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs endet nun der Bürgerkrieg in den Köpfen. Vieles erinnert an das Aufbegehren in Chile. Es geht darum, keine Angst mehr zu haben – auch und gerade voreinander. Das schale Rekurrieren auf religiöse Feindschaften verfängt nicht mehr. Ein Unterschied zum Müllaufstand von 2015 ist, dass Tabus gebrochen werden. Damals war es undenkbar, das Abtreten der schiitischen Führer Berrih und Nasrallah zu fordern. Indem es heute getan wird, wird ihre symbolische Unantastbarkeit zerstört. Das Alte steht nicht mehr für Stabilität, sondern für die Krise.

Du hast gesagt, dass die Erklärung, die Proteste würden sich nur gegen die Armut richten, eine rechte Erzählung sei.

Natürlich ist fast jede*r im Libanon von der sozialen Misswirtschaft betroffen. Aber die Menschen sind klug genug, die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage nicht der Revolution anzulasten. Der Wunsch nach politischer Veränderung ist viel größer als der bloße Wunsch nach einem Auskommen. Es geht um das ganze System. Es tritt etwas zu Tage, was lange im Verborgenen vorbereitet wurde: Der Feminismus des Alltags, die Maulwurfsarbeit von zivilgesellschaftlichen und kulturpolitischen Initiativen, das anti-konfessionelle Denken, eine Suche nach neuer Identität – all das bricht jetzt auf und zwar überall im Land.
 
Ist das Aufbegehren auch ein feministisches?

Es sind vor allem Frauen, junge Frauen, die sich vor die Militärs stellen und die Demos schützen. Auch das ist ein point of no return. In ihrer starken Präsenz durchkreuzen sie den männlichen Konfliktmodus. „Alle heißt alle“, die allgemeine Forderung des Protests, betrifft auch die unterschiedlichen Patriarchate. Es ist der Moment, gleiche politische Rechte durchzusetzen. Übrigens nehmen auch syrische Geflüchtete und palästinensische Gruppen an den Protesten teil.

Eine politische Lösung zeichnet sich nicht ab und es gibt die militärisch hochgerüstete Hisbollah. Droht ein Verlauf wie in Syrien?

Teilweise waren 1,5 Millionen Menschen auf der Straße, das ist jede*r Vierte im Land. Nicht einmal mit diktatorischen Mitteln kann die Zeit ganz zurückgedreht werden. Für gefährlich halte ich einen dauerhaften zermürbenden Kampf um die Macht. Ich habe also keine Angst vor syrischen Verhältnissen, sondern eher vor irakischen, vor einer sich neu fragmentierenden Gesellschaft. Die Strategie der Hisbollah zielte oft genau darauf, eine Eskalation der Proteste herbeizuführen. Sie infiltriert Demos und beginnt Straßenschlachten. Jeden Abend schafft sie kleinere Probleme, die das Zusammenwachsen der Bevölkerung schwächen sollen. Auch wir mussten, unterstützt von medico, Ende des Jahres das UMAM-Archiv sicherheitsbedingt verlegen, nachdem es zu Drohungen aus dem Hisbollah-Umfeld gekommen war. Ob ich optimistisch bin? Man muss das mit libanesischen Augen sehen. Es wird auf jeden Fall Jahre dauern. Wenn der Libanon überleben will, braucht es ein neues Verständnis von dem, was Staat und Gemeinwohl sind. Dazu gehört auch eine offene Politik gegenüber Geflüchteten. Und ich hoffe, dass der Libanon die Chance bekommt, solch ein Projekt anzugehen. Ohne internationale Unterstützung wird es nicht gehen. Und wenn es nicht klappt, werden vor allem die jungen Leute den Libanon verlassen.

Veröffentlicht am 02. Juli 2020

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