Kein Ort. Nirgends?

Die MigrantInnenherberge in Tenosique, Mexiko

Am 9. Januar erreichte uns ein ebenso zorniger wie verzweifelter Brief von Fray Tomás Gonzales Castillo, dem Leiter des Menschenrechtszentrums Usumacinta (CDHU) und der Herberge für MigrantInnen „La 72“ in Tenosique, Tabasco, Mexiko, die medico international seit Dezember 2011 mit dem Bau und der Ausstattung einer Gesundheitsstation für MigrantInnen unterstützt. Einmal mehr hatte er erleben müssen, wie MigrantInnen Opfer systematischer Menschenrechtsverletzungen wurden.

Doppelt vertrieben

In den frühen Morgenstunden waren Einheiten von Bundespolizei, Migrationsbehörde und örtlicher Polizei in das Lager von Vertriebenen aus Guatemala in Nuevo Progreso in der Region Tenosique eingedrungen und hatten begonnen, es zu räumen. „Sie kamen mit ca. 300 Einheiten, uniformiert und in zivil gekleidet“, schreibt Fray Tomás, „und drangen mit Reisebussen und Lieferwagen in das Lager ein.“ Es wurden Hütten zerstört und BewohnerInnen teils mit Gewaltanwendung gezwungen, in die Busse und Lieferwagen zu steigen. Um die Erwachsenen an der Flucht zu hindern, wurden die Kinder festgehalten. Diejenigen, die dennoch fliehen konnten, wurden bis auf guatemaltekisches Territorium verfolgt. Fray Tomás zufolge sind insgesamt 71 Personen in die Fahrzeuge gezwungen und zur Migrationsbehörde gebracht worden. AnwohnerInnen aus der Nachbarschaft des Flüchtlingslagers, die sich mit den Flüchtlingen solidarisierten, wurde angedroht, ebenfalls festgenommen zu werden.

Die guatemaltekischen Flüchtlinge waren im August 2011 von guatemaltekischen Militärs und der Staatspolizei von ihren Ländereien in Nueva Esperanza im Gebiet Petén in Guatemala vertrieben worden. Während der Räumung des Dorfes wurden die Häuser, die Schule und die Kirche niedergebrannt. Rund 300 DorfbewohnerInnen, unter ihnen 100 Kinder sowie mehrere schwangere Frauen, hatten daraufhin im mexikanischen Tenosique Zuflucht gesucht.

Sicherheit ist nirgends

Als Folge von Vertreibungen oder auf der Suche nach einem besseren Leben überqueren täglich hunderte von Menschen die mexikanische Südgrenze, um durch das riesige Land bis in die USA zu gelangen. Ohne die Herbergen, die die „Pastorale für menschliche Mobilität“ der katholischen Kirche in ganz Mexiko betreibt, gäbe es für die zentralamerikanischen MigrantInnen auf ihrer langen und beschwerlichen Reise durch Mexiko keine Zufluchtsorte. Die casas del migrante sind die einzigen Orte, an denen die Illegalisierten aus Zentralamerika sich in Mexiko sicher fühlen können. Wenigstens für kurze Zeit. Insgesamt gibt es entlang der Migrationsrouten quer durch Mexiko rund fünfzig solcher Herbergen.

In Tenosique im äußersten Osten von Tabasco, unweit der Grenze zu Guatemala, unterstützt medico international die lokale MigrantInnenherberge bei dem Bau und der Ausstattung einer Gesundheitsstation für die Menschen aus Guatemala, Honduras, Nicaragua, El Salvador und anderen zentralamerikanischen Ländern, die vor Armut und Unsicherheit fliehen und sich in den USA ein besseres Leben erhoffen.

Die gefährliche Reise

3.000 bis 4.000 Kilometer sind es je nach Route von der Südgrenze Mexikos bis in die Vereinigten Staaten von Amerika. Neben Fußmärschen ist der Transport auf den Dächern von Güterzügen zu einem wichtigen Fortbewegungsmittel für die MigrantInnen geworden. Die Reise auf den „Bestien“, wie die Züge auch genannt werden, ist lebensgefährlich. Vollkommen ungeschützt der Witterung ausgesetzt leiden die Menschen nicht nur unter schweren Sonnenbränden und Erkältungen, sondern verletzen sich auch an vorbeiziehenden Ästen oder Tunneldurchfahrten. Nicht wenige stürzen ab und geraten unter die Räder oder werden überfallen. Außerdem entführen die brutalen mexikanischen Drogenkartelle jedes Jahr rund 20.000 Migranten und Migrantinnen, schätzt die mexikanische Menschenrechtsorganisation CNDH, sechs von zehn Frauen werden unterwegs vergewaltigt. Polizei und Migrationsbehörde bieten keinerlei Schutz, sondern stellen eine zusätzliche Gefahr dar. Wiederholte systematische Menschenrechtsverletzungen an MigrantInnen gehen auf ihr Konto.

Ausruhen in der Herberge

In den MigrantInnenherbergen können die Erschöpften, Kranken und Verletzten sich bis zu drei Tage lang ausruhen. Sie bekommen einen Schlafplatz, medizinische Grundversorgung, Essen, Trinken, was zum Anziehen, können Wäsche waschen und mit ihren Angehörigen telefonieren. So auch in der Herberge „La 72“ in Tenosique. Tenosique ist eine der wichtigsten Stationen für MigrantInnen auf dem Weg in die USA. Eine der Hauptbahnstrecken in Richtung Norden beginnt hier. Viele kommen zu Fuß über die Grenze bis nach Tenosique, um von dort auf einen der Güterzüge zu gelangen, die sie ihrem Ziel näher bringen sollen.

Eine neue Herberge für Tenosique

Die Franziskaner-Mönche haben vor fünf Jahren von einer Privatperson am Stadtrand von Tenosique ein 3.000 Quadratmeter großes Grundstück geschenkt bekommen, um dort eine Herberge für MigrantInnen zu errichten. Bislang wurden die MigrantInnen unter extrem prekären Bedingungen im Pfarrhaus im Stadtzentrum untergebracht. Da die neue Herberge noch nicht fertig ist, übernachten die Frauen noch immer dort. Auf dem neuen Grundstück gibt es bislang lediglich eine Küche mit Speisesaal und eine Kapelle, in der die männlichen MigrantInnen untergebracht sind. In weiteren Schritten sollen getrennte Schlafsäle für Männer und Frauen, Toiletten und Bäder, Unterkunftsmöglichkeiten für freiwillige HelferInnen, ein Waschplatz, ein Empfangsbüro und ein Aufenthaltsraum gebaut werden. Wasser- und Stromversorgung sind bereits vorhanden.

Eine Gesundheitsstation für MigrantInnen

Am wichtigsten ist den Franziskanern - die für den Herbergsbetrieb eine Asociación Civil (Verein) gründeten, um ihn vom religiösen Bereich ihrer Tätigkeit zu trennen - aber die Einrichtung und Ausstattung einer kleinen Gesundheitsstation, um kranke und verletzte MigrantInnen angemessen versorgen zu können. Ein einfaches Gebäude soll es werden mit je einem Behandlungsraum für Frauen und Männer und mit einem Lager für Medikamente. Gebaut werden soll es mithilfe von MigrantInnen und anderen freiwilligen HelferInnen. Die medizinische Versorgung der MigrantInnen wird von ÄrzteInnen, Krankenschwestern, "paramedics" und anderen freiwilligen HelferInnen gewährleistet. Punktuell steht auch eine Psychologin zur Verfügung.

Gefährliche Menschenrechtsarbeit

Franziskaner-Padre Fray Tomás Gonzales Castillo, der unerschrockene Leiter der MigrantInnenherberge von Tenosique, der Behörden und Kriminelle gleichermaßen scharf angreift für ihren Umgang mit MigrantInnen, und seine MitarbeiterInnen werden immer wieder massiv bedroht. „Wir befinden uns seit über einem Jahr in einem Krieg niedriger Intensität mit den Behörden und der organisierten Kriminalität“, berichtete er im November 2011. Um ihn bei der Arbeit zu unterstützen und als Schutz vor Übergriffen durch Behörden und Kriminelle, halten sich regelmäßig VertreterInnen der medico-Partnerorganisation Movimiento Migrante Mesoamericano (MMM) vor Ort auf. Damit die Behörden und Kriminellen den MigrantInnen und ihren HelferInnen nicht auch noch die letzten Zufluchtsstätten nehmen.

Projektstichwort

medico international fördert den Bau und die Ausstattung einer Gesundheitsstation in der Migrantenherberge „La 72“ in Tenosique mit 7.000,- Euro.

Unterstützen Sie medico mit einer Spende! Stichwort: Migration.


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