Sierra Leone

Katastrophe mit Ansage

Abu Brima ist Direktor des medico-Partners Network Movement for Justice and Development (NMJD). (Foto: medico)
Eine Schlammlawine hat Hunderte Menschenleben gekostet. Abu Brima über die Lage vor Ort und die Ursachen.

Am 14. August 2017 hat eine durch starke Regenfälle ausgelöste Schlammlawine in der Hauptstadt Freetown das Stadtviertel Sugar Loaf verwüstet. Tausende haben ihr Zuhause verloren, Hunderte sind gestorben. Weltweit wurde über das Desaster berichtet, nur wenig aber über die gesellschaftspolitischen Hintergründe dieser vorhersehbaren Katastrophe. Der medico-Partner Abu Brima war schnell am Ort des Geschehens und hat medico nur wenige Tage nach dem Unglück dieses Interview gegeben.

medico: Wer ist am stärksten von der Katastrophe betroffen?

Abu Brima: Da die Lawine den gesamten Berg hinabgerauscht ist, kommen die Betroffenen aus allen Gesellschaftsschichten, von Mitgliedern des Kabinetts und Großindustriellen, die in exklusiven Gegenden auf den Gipfeln wohnten, bis zu einfachen Bürgern und den Armen, deren Behausungen sich bis zum Meer erstrecken. In der betroffenen Zone gab es auch Hunderte illegal errichteter Gebäude. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die Regenfälle in anderen Teilen des Landes ähnliche Verwüstungen angerichtet haben. So haben im östlichen Kono-Distrikt Hunderte Menschen ihr Zuhause verloren, viele Schulen wurden zerstört. Diese Vorfälle haben aber nicht das Interesse der Medien geweckt – obwohl auch die Menschen dort dringend Unterstützung benötigen.

Du hast die illegal errichteten Gebäude erwähnt. Meint das einfache Behausungen einer Überlebensökonomie oder Häuser derjenigen, die es sich leisten können, ohne Genehmigung zu bauen?

Beides. Durch Konflikte und Missstände wie den Bürgerkrieg, den Ausbruch von Ebola oder die Korruption ist die Wirtschaft zusammengebrochen und die Armut gestiegen. Deshalb können sich die meisten Menschen Wohnraum in sicheren Gegenden des Landes nicht leisten und bauen ihre Häuser illegal in katastrophengefährdeten Gebieten. Es gibt aber auch viele Gebäude, die von reichen Menschen ohne Genehmigung errichtet wurden. Sie wollen ein Leben außerhalb der verstopften Städte und zahlen dafür, von den Behörden nicht behelligt zu werden. Vor allem Amtsträger gehen hier mit schlechtem Beispiel voran, zumal sie sich darauf verlassen können, straffrei zu bleiben. Kroo Bay, einer der größten Slums an der Küste, wird während der Regenzeit seit Jahren immer wieder überflutet. Die Regierung hat viele Versprechungen gemacht, aber an der Situation hat sich nichts geändert.

Wie kommt das?

Kroo Bay ist zuletzt vor zwei Jahren überflutet worden. Die Regierung hatte damals versucht, die schutzbedürftigen Bewohner nach Six Mile umzusiedeln. Aber viele weigerten sich, weil sie fürchteten, in dieser entlegenen Gegend ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu können. Hinzu kam, dass die Regierung zentrale Infrastrukturen wie Gesundheitsversorgung, Trinkwasser oder Elektrizität nicht sicherstellen konnte. Weil den Menschen keine wirkliche Alternative geboten wurde, sind sie geblieben, wo sie waren. Die Katastrophe kam nicht unerwartet. Umweltschutzorganisationen warnen seit Langem. Freetown, direkt am Atlantik gelegen, ist eine der feuchtesten Städte der Welt und die hügelige Waldlandschaft ist ein lebensnotwendiger Schutz – doch die Abholzung schreitet in alarmierendem Tempo voran.

Welchen Zusammenhang siehst du zwischen der Schlammlawine und der Umweltzerstörung?

Ohne Zweifel ist die unkontrollierte Abholzung eine zentrale Ursache. Freetown verzeichnet im Jahresdurchschnitt relativ hohe Niederschläge, deshalb ist es wichtig, Bäume und Wälder langfristig zu schützen. Durch die Entwaldung erodiert das Erdreich und während der Trockenperiode dörrt es aus. Die ständige Ausdehnung und Kontraktion des Bodens führt zu beschleunigter Verwitterung des Gesteins. Erdrutsche, Erosion und Schlammlawinen sind die Folge. Hinzukommt, dass der Bevölkerungsanstieg in Freetown gepaart mit  schlechter Stadtplanung zu noch schlechteren Landnutzungsformen geführt hat. Außerdem ist der Mount Sugar Loaf, der Ort der Katastrophe, geologisch nicht sicher und denkbar ungeeignet für den Bau von Häusern und Siedlungen. Der Wald ist eigentlich eine “No-go-Zone” für Wohnhäuser und Bauten aller Art, um die Trinkwasserversorgung nicht zu gefährden.

Kann oder will der Staat diese Entwicklung nicht verhindern?

schon um die Jahrtausendwende, als die Sierra Leone People’s Party an der Macht war, wollte die Regierung alle Bewohner evakuieren und illegale Gebäude zerstören. Während der Tumulte gegen diese Maßnahme wurde ein führender Mitarbeiter des Ministeriums für Landwirtschaft durch die Bewohner brutal ermordet. Seither ist das Land praktisch freigegeben, jeder kann nehmen, was er oder sie will. Die Regierung schreckt selbst dann davor zurück, die Menschen zur Evakuierung aufzufordern, wenn klare Warnhinweise vorliegen. Ein solcher Plan scheiterte zuletzt 2015.

Glaubst du, dass auch der Klimawandel eine Rolle für die jüngste Katastrophe spielt?

In der Liste der weltweit vom Klimawandel am meisten gefährdeten Länder steht Sierra Leone auf Platz drei. Insofern: Ja. Ich will allerdings auch sagen, dass Sierra Leone durchaus Anstrengungen unternommen hat, die Umwelt durch die Verabschiedung von Gesetzen zu schützen. So gibt es eine Behörde für nationale Schutzgebiete. Deren Befugnisse sind – auch angesichts eines Baubooms – allerdings so stark beschnitten worden, dass sie kaum etwas bewirken kann. Es gibt auch eine Behörde für den Schutz der Umwelt, die das Umweltschutzgesetz von 2008 in Kraft setzen soll. Dieses Gesetz könnte ein effektives Instrument sein. Es wird allerdings nicht umgesetzt. Das liegt auch an einem Mangel an verantwortlichem Engagement der Behörden. Laut Bericht des Generalrechnungsprüfers gibt etwa die Umweltschutzbehörde 96 Prozent ihres Budgets für Verwaltung aus und nur magere vier Prozent für Katastrophenschutzmaßnahmen.

Wie könnte das Handeln politischer Entscheidungsträger aus einer Menschenrechtsperspektive verändert werden?

Wir müssen weiter versuchen, die relevanten Behörden zu überzeugen, wie notwendig es ist, Entscheidungen im Interesse des Gemeinwesens zu treffen. Wir müssen auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen und Gemeinden mobilisieren, von der Regierung und den lokalen Behörden Sicherheit für alle durch Umweltschutz zu fordern. Leider wird die Verpflichtung, Menschenrechtsstandards einzuhalten, in Sierra Leone nicht sehr ernst genommen. Kaum ein legislatives Werkzeug orientiert sich an den Menschenrechten. Stattdessen besteht die Gefahr, dass alles kommerzialisiert wird – mit verheerenden Auswirkungen.

Was muss jetzt angesichts des jüngsten Desasters getan werden?

Die Regierung erwägt, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Es sollen konkrete Empfehlungen erarbeitet werden, um eine Wiederholung zu verhindern. Akut sollte sie sicheren Wohnraum für diejenigen zu Verfügung stellen, die ihr Zuhause verloren haben. Nur so kann verhindert werden, dass die Menschen erneut Häuser in katastrophengefährdeten Gebieten bauen. Die Regierung sollte Landpolitik, Planung und Umweltpolitik stärken. Außerdem müssen Maßnahmen ergriffen werden, um Landgrabbing zu verhindern, besonders in Naturschutzgebieten. Landtransaktionen zum Zweck illegaler Bautätigkeit müssen kontrolliert werden. Außerdem sollte in den Gemeinden das Bewusstsein über die Risiken erhöht werden.

Wird es zu Zwangsräumungen kommen?

Zwangsräumungen können Leben retten. Sie sollten aber im Rahmen internationaler Menschenrechtsstandards durchgeführt werden. Das allerwichtigste ist, dass die Regierung die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte aller Menschen endlich ernst nimmt.

Das Interview führte Anne Jung.
 

Der langjährige medico-Projektpartner Network Movement for Justice and Development (NMJD) unterstützt die Bevölkerung in der Region Kono beim Wiederaufbau und mit Präventionsmaßnahmen. Als zentraler Akteur der sierra-leonischen Zivilgesellschaft setzt sich das Netzwerk für einen gerechten Umgang mit den Bodenschätzen ein und leistet Rechtsberatung gegen Enteignung und Ausbeutung.

Spendenstichwort: Sierra Leone


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 3/2017. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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