An den Grenzen und in der Ukraine, auf den alten und neuen Fluchtrouten, aber auch in anderen vom Krieg betroffenen Ländern

Es ist Krieg in der Ukraine. Ein Angriffskrieg, der Millionen Menschen in Lebensgefahr bringt, die Unterstützung bedürfen. In diesen Tagen fliehen die Menschen aus der Ukraine in die europäischen Nachbarländer. Tröstlich ist zu erleben, dass sie zumeist von einer Welle der Solidarität empfangen werden. Menschenrechte und Solidarität leiten das Handeln.

Wir wissen nicht, was in den nächsten Wochen und Monaten geschehen wird. Wir können jedoch das Versprechen geben, Hilfe und solidarische Unterstützung dort zu gewähren, wo sie dringend gebraucht wird. An den Grenzen und in der Ukraine, mit unseren Partner:innen in Polen und auf den alten und neuen Fluchtrouten. Auch in den indirekt vom Krieg betroffenen Ländern werden wir die Unterstützung fortsetzen.

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Die Organisation Bud‘ jak Nina (dt.: Sei wie Nina) wurde von Gesundheitsarbeiterinnen gegründet, besteht größtenteils aus Frauen und setzt sich für eine angemessene Gesundheitsversorgung und entsprechende Ausstattung im Gesundheitswesen ein. Der Name bezieht sich auf eben diesen Kampf der Krankenschwester Nina Kozlovs‘ka. Darüber hinaus sind Arbeitnehmerinnenrechte unter Covid-19 sowie die Gesundheitsreform in der Ukraine Themenschwerpunkte des Bündnisses. Medizinisches Personal wird juristisch unterstützt, Bildungsveranstaltungen und Proteste organisiert sowie Koordinatorinnen zur Erweiterung des Netzwerks ausgebildet. Schon in Friedenszeiten ist die Arbeit der Organisation unabdinglich, im Krieg umso mehr. 

Die Organisation Mirnoe Nebo Kharkova (dt.: Friedlicher Himmel über Char‘kiv) wurde nach Beginn des russischen Angriffs von Einwohner:innen gegründet, die in der Stadt blieben. In zwei „Großküchen“ und bis vor kurzem zwei Bäckereien (nach russischem Beschuss nur noch eine) versorgen die etwa 70 Ehrenamtlichen mit medico-Unterstützung zwischen 5.000 und 10.000 Menschen, auch in entlegeneren Gebieten der Stadt und der Region. Diejenigen, die noch zu Hause bleiben können und dort die Möglichkeit haben, selbst zu kochen, erhalten Lebensmittelpakete, die in der Regel den Bedarf für 7 bis 10 Tage abdecken. Ausgebombte und arme Familien und Einzelpersonen, die in Kellern, Schutzbunkern und anderen Zufluchtsorten untergekommen sind, werden täglich mit einer warmen Mahlzeit und weiteren Lebensmitteln verpflegt. Derzeit bereiten deren Küchen mehr als 8.000 Mahlzeiten pro Tag zu. Das Team war auch an der Evakuierung von Teilen der Bevölkerung beteiligt.

Unsere polnische Partnerorganisation Grupa Granica hilft Menschen an der ukrainischen Grenze bei der Orientierung, leistet rechtliche Aufklärung und medizinische Unterstützung und organisiert Transporte. Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt auf Schwarzen, Rom:nja und anderen Gruppen, die auf der Flucht Diskriminierung erfahren. Grupa Granica setzt sich für einen gleichberechtigten Zugang zu Unterstützungsleistungen für alle Fliehenden ein und unterstützt auch weiter Flüchtende an der militärisch gesicherten belarussischen Grenze mit Nothilfe und psychologischer Betreuung. Grupa Granica hilft den Menschen, ihr Recht auf Asyl geltend zu machen.

Das europäische Netzwerk landwirtschaftlicher Kooperativen Longo Maï wurde in den 1970er Jahren gegründet, um die Gesellschaft vom Land aus zu verändern. Seit Anfang der 1990er Jahre gehört auch eine Kooperative im westukrainischen Transkarpatien dazu. Seit Beginn des Krieges sind hier und im benachbarten Dorf Hunderte Menschen auf der Flucht vor den Kämpfen gestrandet, die von der Kooperative mit medico-Unterstützung untergebracht und versorgt werden. Dabei entwickeln sich auch dauerhafte Perspektiven in der Region. Mit ihrem Konzept der selbstverwalteten ökologischen Landwirtschaft trägt Longo Maï in der Ukraine und an anderen Standorten zur langfristigen Ernährungssicherung bei.

Das Commons: Journal of Social Criticism ist ein linkes ukrainisches Medienkollektiv, das 2009 gegründet wurde und heute als eine der wichtigsten linken Stimmen in der ukrainischen Zivilgesellschaft gilt. Immer wieder hat das commons-Kollektiv Debatten über die strukturellen Ursachen von sozialen Ungerechtigkeiten angestoßen und sich der Frage gewidmet, wie eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Diskriminierung verwirklicht werden kann. 

Mithilfe von medico kann commons seine Arbeit auch während des Krieges weiterführen. Themen sind zurzeit unter anderem die internationalen Folgen des Krieges, progressive Perspektiven für den Wiederaufbau und Fragen von Hilfe und Solidarität.

Die Möglichkeiten, in Russland gegen die Politik des Kreml zu protestieren, sind seit Kriegsbeginn weiter geschrumpft. Doch schon in den Jahren zuvor hatte das Regime die Repressalien gegen Oppositionelle verstärkt und unter anderem das Demonstrationsrecht deutlich verschärft, was schon 2021 zu einem Exodus in benachbarte Länder geführt hatte. In Georgien unterstützt medico eine Gruppe von Russ:innen im Exil, die unter anderem Deserteure und Wehrdienstverweigerer dabei unterstützen, sich der Teilnahme am Krieg zu entziehen. Sie verbreiten entsprechende Informationen, vermitteln Kontakte zu Anwält:innen in Russland und nehmen Aktivist:innen auf, die über die Grenze nach Georgien flüchten. medico unterstützt sie bei verschiedenen Aktivitäten, bei Sicherheitsmaßnahmen und der Vernetzung mit anderen Aktivist:innen im post-sowjetischen Raum.

Rumänien ist neben Polen eines der zentralen Länder, in das Menschen aus der Ukraine flüchten. Seit Kriegsbeginn sind mehr als eine Million Ukrainer:innen nach Rumänien eingereist, das Land hat aber weit weniger Infrastruktur zur Unterstützung der Menschen als andere Aufnahmeländer. Daher ist die Arbeit von Initiativen wie der medico-Partnerorganisation LOGS Association – Group of Social Initiatives umso wichtiger. Die Basisorganisation unterstützt schon seit Jahren Menschen auf der Flucht durch oder nach Rumänien. Aktuell ist LOGS vor allem in der Erstversorgung geflüchteter Ukrainer:innen aktiv und bietet diesen zudem medizinische und psychologische Betreuung an. Darüber hinaus setzt sich die Organisation für die Rechtsbegleitung von Geflüchteten ein, bietet Sprachkurse an und unterstützt die längerfristige Integration in die rumänische Gesellschaft.

Das feministische Netzwerk FemFund (Fundusz feministyczny) ging 2018 aus der Gegenbewegung zur anti-feministischen Politik der polnischen Regierung hervor und unterstützt kleinere Initiativen bei Projekten zu sozialer Gerechtigkeit, Ausbeutung, Umweltzerstörung und Feminismus. Seit Beginn des russischen Angriffs engagiert sich FemFund von Polen aus zusammen mit kleineren Organisationen für den Schutz und die Rechte von Frauen und Mädchen, Trans-Personen, BIPOC, Menschen mit Behinderungen und marginalisierten Gruppen in der Ukraine, die mit Nothilfemaßnahmen unterstützt werden. In Polen werden Flüchtende versorgt, psychosoziale und rechtliche Hilfe bereitgestellt und den Menschen langfristig ein Ankommen in Polen ermöglicht.

Rom:nja sind nicht nur ebenso vom Krieg in der Ukraine bedroht wie andere Menschen im Land, sie sind auf der Flucht auch oft von Rassismus und Diskriminierung betroffen. Viele Romn:ja sind staatenlos oder fliehen ohne gültige Pässe, weswegen sie große Schwierigkeiten haben, einen Schutzstatus zu erhalten. Immer wieder gibt es Berichte, dass Rom:nja auf der Flucht dem Menschenhandel in die Hände gefallen sind. In diesem Kontext hat die polnische Stiftung Towards Dialogue (Fundacja w Stronę Dialogu) eine wichtige Funktion in der Unterstützung von Romn:ja eingenommen. Schon seit vielen Jahren ist sie im Bereich der Anti-Diskriminierungsarbeit und der Förderung von interkulturellem Dialog aktiv. Seit Kriegsbeginn organisiert die Stiftung mit medico-Unterstützung sichere Fluchtwege und würdevolle Unterbringungen für Romn:ja-Geflüchtete. Mit Integrationsprogrammen, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit tritt sie dem Antiziganismus entgegen.

In Zusammenarbeit mit Asmaras World e.V. aus Hamburg, der sich für BIPOC (Black, Indigenous and People of Colour) einsetzt, unterstützt medico BIPOC in der Ukraine und auf der Flucht mit Transfers nach Deutschland, wo bei der Orientierung geholfen und soziale Begleitung, Unterbringung, psychologische und medizinische Versorgung koordiniert werden. Um diese Personengruppen in ihren rechtlichen Belangen zu unterstützen, wird zudem bei der Suche nach Rechtsberatung unterstützt.

In Somalia stärkt die Nomadic Assistance for Peace and Development (NAPAD) seit über zehn Jahren die klimaangepasste Subsistenzwirtschaft von Kleinbäuer:innen. Der Krieg in der Ukraine verschärft die schwelende Ernährungskrise am Horn von Afrika: Weizen fehlt, Preise steigen. Zum Schutz der Ernährungssicherheit fördert NAPAD die Verbesserung der Bewässerungssysteme und unterstützt den Ausbau der lokalen Landwirtschaft.

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Hilfe muss in diesen erschütternden Zeiten Zeugnis ablegen über die Welt, der sie begegnet

Seit über 50 Jahren leistet medico mit Partner:innen aus aller Welt Hilfe im Handgemenge. Es ist unser Auftrag, auch die Opfer des Krieges wahrzunehmen, die angesichts unseres Erschreckens über einen Krieg mitten in Europa übersehen zu werden drohen: Der Krieg in der Ukraine hat eine globale Dimension und Dynamiken, die von der Politik eine globale Strategie erfordern. Schon jetzt steigen die Brotpreise in Ägypten und Libanon, denn die Ukraine und Russland waren entscheidende Getreidelieferanten für diese Länder.

Diese Zusammenhänge zu sehen und von der Politik ein verantwortungsvolles Handeln einzufordern, wird weiter unser Auftrag sein. Dazu gehört es auch wachsam zu sein, wenn infolge militärischer Eskalation Zögern, Zivilität und Antimilitarismus plötzlich auf der Anklagebank sitzen. Der Raum für eine kritische Auseinandersetzung muss offen gehalten werden. Als Gründungsorganisation der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen wissen wir, dass Frieden nicht durch einen exorbitant gesteigerten Rüstungsetat gesichert werden kann.

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