Mittelamerika

Gesundheit fürs Land

Dorfschule in Santa María Tzejá im Ixcan, Guatemala. (Alle Fotos: medico)
In El Salvador kommt die Umsetzung einer Gesundheitsreform voran. In Guatemala hat eine junge Generation die Angst verloren. Besuch vor Ort.

Von Moritz Krawinkel

Es ist heiß in dem offenen Raum des Rundfunkhauses von Nueva Granada, einem kleinen Ort zwei Stunden östlich der salvadorianischen Hauptstadt. Fünfzehn Frauen und Männer bilden einen Halbkreis, einige tragen T-Shirts mit dem Logo des Nationalen Gesundheitsforums. In der Mitte sitzen Rina Abrego und Juana Digna Martínez. „Wie lange musstest du warten, bis du untersucht wurdest?“, fragt Rina. Juana überlegt: „Zwei Stunden, ich hatte Glück.“

Sie schreiben die Antwort in den Fragebogen, den alle im Raum vor sich haben. Bei dem Workshop lernen die Teilnehmenden, Patienten über ihre Erfahrungen in den Gesundheitszentren der Region zu befragen. Der Fragebogen ist Teil der sozialen Evaluierung der Gesundheitsreform, die nach dem Wahlsieg der Linksregierung in El Salvador vor sechs Jahren auf den Weg gebracht worden war. „Wir geben den Menschen eine Methode an die Hand, mir der sie die staatliche Arbeit kontrollieren und Vorschläge zur Verbesserung machen können“, erklärt Rina, die in San Salvador für das Nationale Gesundheitsforum arbeitet und lokale Gruppen in mehreren Provinzen betreut.

Tatsächlich ist seit dem Amtsantritt der FMLN-Regierung 2009 einiges vorangekommen. So hat sie den Vorschlag der zivilgesellschaftlichen Bewegung gegen die Privatisierung der Gesundheit aufgenommen und die Ärztin María Isabel Rodríguez zur Gesundheitsministerin gemacht. Sie forcierte in Zusammenarbeit mit der Bewegung eine Reform, die den kostenlosen Zugang zur Gesundheitsversorgung garantiert und mit der Hunderte kleine Gesundheitsteams im ganzen Land, sogenannte ECOS, geschaffen wurden. Daneben geht es um die Teilhabe der Bevölkerung. Garant dafür ist das von medico unterstützte Nationale Gesundheitsforum, mit dem das Wissen über Rechte und Ansprüche der Menschen in die Provinzen getragen wird.

Inzwischen heißt es mit zwinkerndem Auge aus dem Ministerium: „Ihr bildet die Leute zu gut aus. Die wissen so gut Bescheid, dass sie den Ärzten inzwischen sagen, ‚Ihr müsst das und das tun‘“, erzählt Roxana Rodríguez lachend. Das passt ins Selbstverständnis des Forums, das zwar als Teil der Gesundheitsreform und in Zusammenarbeit mit der Regierung entstand, aber als soziale Bewegung auf seiner Unabhängigkeit besteht. „Unsere Aufgabe als Zivilgesellschaft ist es, Druck auf die Regierung auszuüben. Nur dann werden die Entscheidungen getroffen, die das Volk will“, sagt Roxana.

Kontinuität des Widerstandes

Maßgeblich getragen wird das Nationale Gesundheitsforum von der Allianz gegen die Privatisierung der Gesundheit, einem Zusammenschluss von gesundheitspolitischen Initiativen, die Ende der 1990er Jahre aus den Protesten gegen die massive Privatisierungswelle unter der rechten Arena-Regierung entstand. 200.000 Menschen demonstrierten damals auf den Straßen San Salvadors, blockierten Straßen und Grenzübergänge. „Die stärkste soziale Bewegung seit den Friedensverträgen von 1992“, sagt Margarita Posada, eine Sprecherin des Forums und Direktorin des medico-Partners Asociación de Promotores Comunales Salvadoreños (APROCSAL). Während des salvadorianischen Bürgerkriegs hat die Organisation ebenso wie medico Gesundheitsstrukturen in den von der Guerilla befreiten Gebieten aufgebaut und unterstützt.
 

Workshop zur Evaluation des Gesundheitssystems durch dessen Nutzerinnen und Nutzer in Nueva Granada, El Salvador.

An dem Workshop in Nueva Granada nimmt auch der junge Arzt René Cornejo teil. „Ich will nicht die gleichen Fehler wie einige meiner Kollegen machen, die Patienten schlecht behandeln“, beschreibt er seine Motivation. Seit Juli 2015 ist er wieder zurück in El Salvador, nachdem er dank eines Stipendiums sechs Jahre lang auf Kuba Medizin studieren konnte. Geboren ist René in Honduras. Als 1982 die Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) den bewaffneten Kampf gegen das Militärregime aufnahm, antworteten die Streitkräfte mit Massakern an der Zivilbevölkerung. Tausende flohen nach Honduras und in die USA.

Renés Familie kam 1993 zurück nach El Salvador und gründete zusammen mit anderen Rückkehrern in der Nähe von Nueva Granada die kleine Gemeinde Nuevo Gualcho. „Leicht war das nicht“, erzählt René. „In den umliegenden Dörfern hielten viele die Rückkehrer für Terroristen. Es hat einige Zeit gedauert, bis das Eis gebrochen war.“ Unterstützt wurde die Wiederansiedlung von medico international. So wurde eine mechanische Pumpe installiert, die das Dorf mit Frischwasser versorgte. Dank der Gesundheitsreform gibt es auch in Nuevo Gualcho ein ECOS und bald werden die Aktivistinnen und Aktivisten des Forums auch hier mit Fragebögen unterwegs sein.

Trotz deutlicher Fortschritte hinsichtlich der Gesundheitsversorgung in El Salvador ist die Reform ins Stocken geraten. Ursprünglich angepeilt waren Ausgaben für Gesundheit in Höhe von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zurzeit sind es weniger als 2,5 Prozent. „Die Regierung sagt, es gibt kein Geld mehr“, erklärt Roxana Rodríguez. „Kein Wunder, wir haben das niedrigste Steueraufkommen in der ganzen Region.“ Deshalb erarbeitet das Forum derzeit einen Vorschlag für eine Steuerreform. Davon würde nicht nur der Gesundheitsbereich profitieren.

Protestbewegung in Guatemala

Während die salvadorianische Gesundheitsbewegung Einfluss auf die nationale Politik nehmen kann, sind die Bedingungen in Guatemala weniger aussichtsreich. Immerhin aber hat sich in den vergangenen Monaten ein Sturm des sozialen Protestes gegen die korrupten Machteliten des Landes erhoben. Nachdem bereits im April 2015 die Vizepräsidentin ihren Posten räumen musste, haben die Straßenblockaden auf dem Land und die Massendemonstrationen in der Hauptstadt Anfang September den Präsidenten zum Rücktritt gezwungen. Noch ist nicht ausgemacht, ob diese Bewegung wie in El Salvador das Durchhaltevermögen haben wird, weiterreichende soziale Veränderungen zu erkämpfen. Das hieße, auch die enorme Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden. So ist es außerhalb der Hauptstadt bislang Basisinitiativen überlassen, für eine gesundheitliche Versorgung zu streiten.

Das zeigt sich bei einem Besuch in der kleinen Dentalklinik des guatemaltekischen Dorfes Los Angeles, unmittelbar an der mexikanischen Grenze gelegen. Seit 2005 kümmert sich Sebastián Bartolo in der von medico und der Europäischen Union finanzierten Einrichtung um die Zahngesundheit der Menschen aus der Region. Ausgebildet wurde er 1997, wenige Jahre nach der Rückkehr der Gemeinde aus dem mexikanischen Exil. Dorthin waren die Familien aus Los Angeles geflohen, nachdem das Militär die Nachbardörfer ausgelöscht hatte. Es war 1982 und die Politik der verbrannten Erde unter Diktator Ríos Montt in vollem Gange.

Besonders hart betroffen: die indigenen Gemeinschaften im Norden Guatemalas. Zehntausende flohen über die Grenze nach Mexiko oder gingen in Widerstandsdörfer, in denen sie sich jahrelang vor den Militärpatrouillen versteckten. Mit dem Nötigsten versorgt wurde dieser zivile Widerstand von medico international und guatemaltekischen Basisgesundheitsorganisationen wie der späteren Asociación Coordinadora Comunitaria de Servicios para la Sa-lud (ACCSS). „1993 haben wir angefangen, nicht mehr nur Medikamente zu liefern, sondern Leute in den Widerstandsdörfern und den mexikanischen Flüchtlingslagern als ‚Barfußzahnärzte‘ auszubilden“, erzählt Elizabeth Ibar- ra aus der Leitung von ACCSS.

Bei einem Empfang mit Vertretern des Gemeinderats erzählt eine Lehrerin von der wichtigen Gesundheits- und Jugendarbeit, die ACCSS mithilfe von medico hier geleistet hat, und von Plänen, sorgsamer mit dem spärlichen Wasser umzugehen. Schnell dreht sich das Gespräch um die Probleme im Land: „Reichtum gibt es ja in Guatemala, aber das Geld kommt nicht im Volk an“, sagt jemand. Die Runde nickt zustimmend. Wie sie die politischen Erschütterungen in der Hauptstadt in den vergangenen Monaten wahrgenommen haben? Für einen älteren Mann mit Arbeitshose ist Guatemala-City weit weg. „Wir Campesinos müssen uns wehren, sonst werden wir nur herumgestoßen.“ Die Lehrerin wird kämpferisch: „Uns wurde gezeigt, zu schweigen, aber wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir darum kämpfen – auch um der Jugend ein Vorbild zu sein.“

Informierte Migration

Bei der Abreise aus Los Angeles ist Elizabeth zufrieden. „Gerade die Interessen der Jugendlichen blieben früher völlig außen vor – auch in unserer Gesundheitsausbildung von Erwachsenen. Deshalb haben wir begonnen, besonders mit ihnen zu arbeiten.“ Seit Jahren gehen ACCSS-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in die Schulen und Gemeinden der Region. Dort organisieren sie Workshops zu Geschlechterverhältnissen und Gesundheit, zu Globalisierung und Menschenrechten. „Es geht darum, die Jugendlichen zu ermächtigen, sich kritisch mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen“, erzählt Claudio. Er hat 2008 erstmals an einer Fortbildung von ACCSS teilgenommen und bildet jetzt selber Jugendpromotoren aus. Die junge Generation soll lernen, Verantwortung in ihren Gemeinschaften übernehmen – und das nicht nur, indem sie gemeinsam Müll aufsammeln, sondern zum Beispiel auch dadurch, die Ressourcen der Gemeinde gegen die aggressiven Palmöl- und Petroleum-Unternehmen zu verteidigen, die in der Region deutliche Spuren hinterlassen haben.

Mit den Jahren ist ein weiteres Themengebiet in der Arbeit von ACCSS hinzugekommen: Migration. „Wir haben viel Arbeit in die Ausbildung von Jugendlichen gesteckt, aber die Migration ist für sie – gerade hier in der Grenzregion – immer eine Option“, erzählt Elizabeth. „Informierte Migration“ heißt das Projekt, mit dem die Jugendlichen über die Wege, über sichere Unterkünfte und die Gefahren der Reise aufgeklärt werden. „Unsere Arbeit in den Gemeinden hat die Migration erst sichtbar gemacht“, sagt Milda Quip, die das Projekt betreut. „Früher sind die Jugendlichen einfach gegangen, haben niemand davon erzählt und waren schlecht vorbereitet. Und die Zurückgebliebenen haben geschwiegen. Jetzt wissen die Jugendlichen, worauf sie sich einlassen. Und die, die zurückbleiben, sprechen darüber.“
 

Die Reise durch Guatemala und El Salvador war auch eine Abschiedsrunde: Dieter Müller, der ein Vierteljahrhundert, zuletzt als Leiter des Mittelamerika-Büros von medico in Managua und als Projektkoordinator Zentralamerika und Mexiko, die Arbeit der Partner in der Region begleitet hat, wird künftig das medico-Büro in Ramallah leiten. In dieser langen Zeit habe sich das Verständnis von Gesundheit gewandelt, so Müller: „Anfangs hat sich auch medico auf die unmittelbar notwendige medizinische Hilfe konzentriert. Längst aber geht es in der Arbeit unserer Partner um Gesundheit als umfassendes Konzept menschenwürdiger Verhältnisse.“ Und diese Arbeit geht weiter. Auf der Reise stellte Müller den Partnern seinen Nachfolger Peter Biermann vor, der ab sofort bei medico für die Projektkoordination in der Region zuständig ist.

Spendenstichwort: Mittelamerika

Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2015. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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