Es hat nicht viel gefehlt, und das kleine Dorf Wrela in den staubtrockenen Hügeln des Distrikts Bawanoor wäre verschwunden. Nur noch fünf Familien waren geblieben, alle anderen hatten aufgegeben. Zu rar war das Wasser geworden, um damit Landwirtschaft zu betreiben. Zuletzt hatte sich das Grundwasser noch als nicht trinkbar erwiesen.
Die Probleme des Dorfes sind keine Ausnahme. Der Irak zählt zu den fünf Ländern weltweit, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Immer höhere Temperaturen von bis zu 55 Grad und Sandstürme, die Städte und Dörfer in orangefarbenen Nebel tauchen und Tausende in die Notaufnahmen treiben, machen viele Orte im Sommer quasi unbewohnbar. Dürreperioden lassen Wasserläufe austrocknen und den Grundwasserspiegel absinken. Die landwirtschaftliche Produktion und Viehzucht darben, die Landbevölkerung flieht in die urbanen Zentren. Die Erdöl fördernden (inter)nationalen Konzerne tun ein Übriges: Die Verbrennung des austretenden Gases treibt gesundheitsgefährdende Rauchschwaden über die Landschaft.
Hotspot des Klimawandels
Die Wasserreserven des Irak sind mit nur zehn Milliarden Kubikmetern auf einem Tiefstand. Benötigt würden 18 Milliarden. Die akute Knappheit ist Folge des Klimawandels. Sie hat aber auch andere Ursachen. So entspringen die für den Wasserhaushalt der Region bedeutenden Flüsse – Euphrat, Tigris, der Kleine und Große Zab und der Sirvan-Fluss – in der Türkei und im Iran. Die dortigen Regierungen bekämpfen die Autonomiebestrebungen der eigenen kurdischen Bevölkerung und nutzen den Zugang zu Wasser als Druckmittel gegen die kurdische Region im Irak. Im Zuge des gewaltigen „Südostanatolien-Projekts“ (GAP) plant die türkische Regierung 22 Staudämme entlang des Euphrats und Tigris. Der 2020 fertiggestellte Ilusu-Staudamm und der geplante Cizre-Staudamm werden das Tigris-Wasser vor der irakischen Grenze auf einer Länge von 200 Kilometern stauen. Durch die Dämme stromaufwärts am Großen und Kleinen Zab und dem Sirvan-Fluss können Ankara und Teheran die Wasserzuflüsse in die kurdische Region im Irak kontrollieren – und beschränken.
Die irakische Regierung und die kurdische Regionalregierung sind mit internen Machtkämpfen beschäftigt und haben bislang keine gemeinsame Strategie im Umgang mit der Wasserkrise entwickelt. In der kurdischen Region führen Konflikte mit der Regierung in Bagdad – um die Einnahmen aus der Erdölförderung ebenso wie um Korruption und Klientelwirtschaft der Parteien – zu einer anhaltenden Finanzkrise: Öffentliche Verwaltung und soziale Institutionen erodieren, vollmundig angekündigte Infrastrukturprojekte lassen weiter auf sich warten. Seit den Wahlen im Oktober 2024 konnten sich die politischen Parteien bis heute nicht auf die Zusammensetzung des Parlaments und einer handlungsfähigen Regionalregierung einigen.
Die Krise in der Krise
Die Region Garmian (übersetzt: „warme Region“) liegt im Südosten der kurdischen Region und grenzt an den Iran und die zentralirakischen Provinzen Diyala und Salahaddin. Sie war 1988 einer der Hauptschauplätze der sogenannten Anfal-Operationen des irakischen Baath-Regimes gegen die kurdische Bevölkerung: Mehr als Hunderttausend Menschen wurden verschleppt und ermordet, Tausende Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die Überlebenden wurden inhaftiert und später in Zwangsumsiedlungslager verbracht. Erst mit der provisorischen Autonomie der kurdischen Region nach der ersten US-geführten Invasion 1991 wurden – auch mit Unterstützung von medico – Dörfer wiederaufgebaut und die Rückkehr ihrer ehemaligen Bewohner:innen ermöglicht. 2014 wurde die Region dann erneut Konfliktgebiet. Kurdische Kämpfer (Peshmerga) stellten sich der vorrückenden Terrormiliz „Islamischer Staat“ entgegen. Die Region nahm Zehntausende vor dem IS geflüchtete Menschen aus den arabisch-irakischen Provinzen auf.
Heute ist es der zunehmende Wassermangel, der die Menschen aus den wiederaufgebauten Dörfern treibt. Das reißt auch alte Wunden wieder auf. Die Rückkehr in die von der Anfal-Operation betroffenen Dörfer war bei der Verarbeitung der Gräuel ein wichtiger Schritt für die kurdischen Familien. Jetzt müssen sie Tatorte von einst, die sie sich durch ihre Präsenz wieder angeeignet und Gedenkstätten, die sie zur Überwindung der Traumata geschaffen haben, hinter sich lassen.
Unser Verein HAUKARI e.V. arbeitet seit 30 Jahren in der Garmian-Region mit einem Team lokaler Mitarbeiter:innen, das unter anderem Anlaufstellen in Rizgary und Kifri betreibt. Stetig größeren Platz in unserer Arbeit nimmt der Umgang mit den knappen Ressourcen in der Region ein. So haben sich Dorfgemeinschaften immer wieder wegen der wachsenden Wasserknappheit mit der Bitte um Unterstützung an uns gewandt. Meist ging es um die Bohrung von Tiefbrunnen. Das Dilemma: Die Bohrungen sind kurzfristige Lösungen, senken den Grundwasserspiegel aber weiter ab. Gleichzeitig können und wollen die Menschen in den Dörfern nicht auf die vom Staat versprochenen Infrastrukturprojekte warten. Sie brauchen schnelle Lösungen, um zu überleben. Seit 2022 unterstützt HAUKARI deshalb mit Förderung von medico Wasserprojekte in Dörfern, deren Existenz bedroht ist. In Zusammenarbeit mit dem staatlichen Wasserdepartment der Region und den Dorfgemeinschaften werden kostengünstige und zeitnahe Wege zur Sicherung der Wasserversorgung entwickelt und umgesetzt. Dabei geht es um Alternativen zum Bohren immer neuer oder tieferer Brunnen. Wie lassen sich natürliche Wasserquellen wiederbeleben, Dörfer an weiter entfernte Wasserquellen anschließen oder dorfinterne Verteilsysteme für bestehende Brunnen errichten?
Frisches Wasser
An vielen Orten konnten wir nachhaltigere Antworten finden, so auch in Wrela, dem kleinen Dorf vom Anfang dieses Artikels. Im Zuge eines Wasserprojekts wurden hier zwei natürliche Quellen unweit des Dorfes ausgemacht und gereinigt. Die Wasserströme wurden zusammengeführt, in ein Auffangbecken geleitet und von dort mit einem Leitungssystem an die Haushalte angeschlossen. Inzwischen sind einige Familien zurückgekehrt. Wrela wächst wieder. Auch an anderen Orten konnte etwas bewegt werden: Im Dorf Wali Hair im Distrikt Sarqala drohte 180 Familien der Verlust ihrer einkommenssichernden Viehzucht. Unkoordinierte Brunnenbohrungen einzelner Haushalte hatten zu einer dramatischen Absenkung des Grundwasserspiegels geführt. Es gelang nicht nur, einen gemeinschaftlichen Tiefbrunnen zu bohren. Vielmehr wurde auch ein dorfinternes Wassernetz installiert und ein sozialer gerechter Zugang zu Wasser organisiert. Inzwischen sind 63 Familien nach Wali Hair zurückgekehrt.
Ein anderer Ansatz besteht darin, in der sonnenreichen Region Solarenergie zu nutzen. Bei einem Pilotprojekt in dem verlassenen Dorf Basha ist eine Solaranlage angeschlossen worden, die die Pumpe des Tiefbrunnens betreibt. Zudem wurden Becken für die Sammlung von Regenwasser für Viehzucht und Landwirtschaft errichtet. Laut Projektkoordinator Ziyad Fayaq sind bereits elf Familien nach Basha zurückgekehrt. Und immer mehr Haushalte in der Garmian-Region nutzen inzwischen Solarsysteme zur Stromgewinnung.
In allen Dörfern des Projekts werden die technischen Arbeiten begleitet von Begrünungsaktionen an den Wasserstellen und öffentlichen Orten. Die kleinen Oasen spenden Schatten und bieten Schutz vor Sandstürmen. Hierzu tragen viele ihren Teil bei: Lokale Umweltaktivist:innen unterstützen die Dorfgemeinschaften, indem sie Systeme zur Tröpfchenbewässerung der Pflanzen installieren. Setzlinge werden von den Baumschulen lokaler Universitäten gratis bereitgestellt. Studierende der Universität Garmian in Kalar und der Polytechnischen Hochschule in Kifri untersuchen die Gesundheitssituation der Bewohner:innen, Trinkwasserqualität und lokale Möglichkeiten einer resilienten und nachhaltigen Landwirtschaft. Zudem bieten sie Fortbildungen zu Umwelt- und Ressourcenschutz an.
An den Hochschulen werden Forschung und Lehre zu innovativen Klimaschutzmaßnahmen intensiviert. Im Frühjahr 2026 soll im Rahmen des Wasserprojekts eine Konferenz zum Thema „Wasserknappheit in der Region Garmian” stattfinden, bei der Wissenschaftler:innen und politische Entscheidungsträger:innen aus Garmian und der Prvoinz Diyala, die sich Wasserläufe teilen, zu einem provinzübergreifenden Austausch zusammenkommen werden.
Für das Recht zu bleiben
Das Wasserprojekt mag nur ein Tropfen auf einen politisch, sozial und ökologisch sehr heißen Stein sein. Seit Ende 2022 aber ist es gelungen, in 23 Dörfern die Trinkwasserversorgung für Mensch und Tier und in manchen auch die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen zumindest für die nächsten Jahre sicherzustellen. Insgesamt konnten dadurch bereits 1.400 Familien in ihre Dörfer zurückkehren. Und der Ansatz macht Schule: In enger Zusammenarbeit zwischen HAUKARI, Dorfgemeinschaften, dem staatlichen Wasserdepartment, Studierenden lokaler Universitäten und Umweltaktivist:innen werden auf die dörflichen Gegebenheiten abgestimmte, niedrigschwellige und zeitnahe Lösungen gefunden. Das anfänglich mit Verweis auf „anstehende“ staatliche Großprojekte zurückhaltende Wasserdepartment stellt inzwischen neben Expertise auch Material zur Verfügung und garantiert die langfristige Instandhaltung der Anlagen. Vor allem aber aktiviert der Ansatz Dorfgemeinschaften: Sie überwinden die Ohnmacht und setzen sich gemeinschaftlich für den Erhalt ihrer Lebensgrundlagen ein. In mehreren Dörfern haben private Sponsoren die Finanzierung der Wasserarbeiten übernommen, HAUKARI hat nur noch eine begleitende und koordinierende Rolle. Dadurch können mehr Dörfer als geplant erreicht werden.
In den letzten Wochen hat es in Kurdistan-Irak erstmals seit Jahren wieder anhaltend geregnet. Die Stauseen füllen sich, die Menschen hoffen auf einen weniger harten Sommer. Gleichzeitig erleben sie mit dem brutalen Vorgehen der syrischen Regierung gegen Rojava einen erneuten Angriff auf die kurdische Selbstbestimmung. Zu Zehntausenden gehen sie in Solidarität mit den Menschen in Rojava auf die Straßen. Die Kämpfe ums Überleben und um die kurdische Selbstbestimmung sind nicht zu trennen.
HAUKARI unterstützt seit 1995 in der Garmian-Region die Selbstorganisation von Anfal-Überlebenden und arbeitet zu Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und einem gesamtirakischen Jugenddialog.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 01/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!





