Libanon

„Nur noch weg hier“

Seit Monaten campieren afrikanische Arbeiter*innen vor den Botschaften ihrer Heimatländer in Beirut. Sie haben nur eine Forderung.

Von Mario Neumann

Nach der Explosion im Hafen von Beirut rückt das Schicksal tausender Menschen in die zweite Reihe: Das der migrantischen Arbeiter*innen im sogenannten Kafala-System. Sie kamen in den Libanon mit der Hoffnung auf ein besseres Leben oder um ihre Familien zu Hause finanziell zu unterstützen. Sie wurden versklavt und entrechtet und wollen nur noch weg. Heute haben wir zusammen mit der medico-Partnerorganisation Anti-Racism Movement mit den Menschen gesprochen, die zum Teil seit Monaten vor den Botschaften Kenias, Äthiopiens und des Sudans campieren.

Schätzungsweise 300.000 „Migrant Domestic Workers“ aus Asien und Afrika leben und arbeiten im Libanon, vorwiegend aus Äthiopien, den Philippinen, Sri Lanka, Nepal oder Sudan. Die Arbeiterinnen wurden von Recruitment-Agenturen und der libanesischen Regierung angeworben und sind von nationalen Arbeitsgesetzen ebenso ausgeschlossen wie von internationalen Schutzregeln. Stattdessen unterliegen sie dem Kafala-System: Mit der Anwerbung treten die Arbeiterinnen ihre Rechte an den Hausherren bzw. die Arbeitgeberin ab. Oft wird der ohnehin karge Lohn nicht ausbezahlt, Missbrauch ist ebenso alltäglich wie ein Leben „unter Arrest“, da viele Migrantinnen das Haus nicht verlassen dürfen. Indem die Arbeitgeber*innen auch über die Pässe verfügen, bestimmen sie über Legalität und Illegalität ihrer „Dienstmädchen“. 

Vor den Botschaften Kenias, Äthiopiens und des Sudans in Beirut bietet sich überall das gleiche Bild: Die Arbeitsmigrant*innen haben genug von Entrechtung, Ausbeutung und Krise. Egal mit wem man spricht. Die Schicksale sind vereint in der Forderung: „We want to go home!“. Die Frauen protestieren, um ausreisen zu können. Doch nicht einmal das erlaubt das Kafala-System ihnen. Bei den einen hängt es an den einbehaltenen Papieren, bei den anderen am Geld. Viele haben ihre Jobs verloren oder sind vor ihren Arbeitgeber*innen geflohen. Bis zu 90 Prozent der Arbeiter*innen wollen weg, sagt die Kollegin vom Anti-Racism Movement: 150.000 bis 200.000 Menschen. Die Menschen wollen nicht mehr im Libanon für eine Verbesserung ihrer Situation und mehr Rechte kämpfen, sondern sie wollen einfach nur noch weg.

Im Camp vor der kenianischen Botschaft berichtet Rose Mary: Nachdem ich über Monate nicht bezahlt wurde, bin ich abgehauen. Die Gebühr für die Ausreisepapiere in der Botschaft habe ich bezahlt, aber jetzt warte ich schon seit einem Jahr auf meine Papiere.“ Als ihre Ersparnisse aufgebraucht waren, wurde sie wieder in der Botschaft vorstellig. Der Zuständige empfahl ihr, als Sexarbeiterin Geld zu verdienen. So, wie es zig andere Frauen tun müssen. Rose Mary will weiter protestieren: „Wir wollen keine Versprechen mehr, wir wollen Taten sehen.“

Die medico-Partnerorganisation Anti-Racism Movement unterstützt die Menschen vor den Botschaften, versorgt sie mit dem Nötigsten und mit anwaltlicher Unterstützung.

Veröffentlicht am 14. August 2020

Mario Neumann

Mario Neumann ist Pressereferent bei medico und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit zu Südamerika und dem Libanon. Seit seiner Jugend ist er politischer Aktivist, hat lange für das Institut Solidarische Moderne (ISM) gearbeitet und promoviert an der Uni Kassel in Politischer Theorie.

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