Tödliche Textilien

Nichts Neues unter der Sonne

1500 Tote, doppelt so viele Verletzte und lebenslang Gezeichnete, ungezählte Hinterbliebene in den Slums von Karatschi und Dhaka forderten die Tragödien bei Tazreen Fashion, Ali Enterprises, Rana Plaza. (Foto: Gordon Welters)
Das Textilbündnis feiert sich, für Millionen ändert sich wenig. Von Thomas Seibert

Mitte August 2018, Ende der Sommerpause. Der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dr. Gerd Müller, und sein „Textilbündnis“ schaffen es aus dem Stand in die Tagesschau und mehrere Tageszeitungen. Alle 116 Mitglieder, so die Meldung, haben ihrem Minister übermittelt, was sie künftig tun wollen, um das Elend ihrer asiatischen Arbeiterinnen und Arbeiter abzumildern.

Geplant sind insgesamt 1300 Einzelmaßnahmen; Oberziel ist die Vermeidung des Einsatzes giftiger Chemikalien und die Erhöhung des Anteils nachhaltig produzierter Baumwolle auf 35% bis zum Jahr 2020. Das soll ambitioniert klingen, auch wenn Differenzen im Einzelfall eingeräumt werden: Will der Otto-Konzern seinen Anteil auf bis zu 80% anheben, geht es bei KiK um eine Anhebung auf ganze 0, 45%.

Höchste Zeit, möchte man meinen: wurde das Bündnis doch schon Ende 2014 gegründet, als Antwort auf die Tragödien der Jahre zuvor – Tazreen Fashion, Ali Enterprises, Rana Plaza. Zusammen über 1500 Tote, doppelt so viele Verletzte und lebenslang Gezeichnete, ungezählte Hinterbliebene in den Slums von Karatschi und Dhaka. Behält man das Grauen im Sinn und sieht näher auf das, worauf das Bündnis sich geeinigt hat, fällt einem der Bibelvers aus dem Buch Prediger ein, in dem Kohelet, Sohn Davids, sagt: „Windhauch, Windhauch, das alles ist Windhauch. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ (Pred. 1,1 und 1,9)

Die Teilnahme am Bündnis und die Umsetzung der Maßnahmen sind freiwillig, und das soll auch so bleiben. Deshalb schwankt die Zahl der Beteiligten; sie ist in diesem Jahr um 25 Unternehmen gesunken. Zu ihnen müssen sieben weitere Firmen hinzugerechnet werden, die ausgeschlossen wurden: die also auch künftig die Standards verletzen, auf die das Bündnis sich einigt.

Freiwillig, nicht gesetzlich verpflichtend

Repräsentieren Dr. Müllers Partner rund die Hälfte des deutschen Textilmarkts, heißt das nichts anderes, als dass die andere Hälfte fehlt. Ihnen ist schon das Wenige, das man im Bündnis verabredet, definitiv zu viel: sie bestehen in aller Offenheit auf ihrer Freiheit, genau so weiterzumachen wie immer schon. Und eben das ist das Problem. Denn die deutschen Textilunternehmen müssten eigentlich gesetzlich verpflichtet werden, mit ihrem Mordsgeschäft aufzuhören. Das war und ist die Hoffnung derer, die – und sei’s für einen Moment – wahrgenommen haben, was 2012 und 2013 öffentlich wurde, mit den Bildern und Zahlen von Tazreen Fashion, Ali Enterprises und Rana Plaza. Öffentlich wurde, das ist wichtig. Denn was wir damals erfahren mussten, war und ist nur die dramatische Verdichtung dessen, was seit Jahrzehnten schon jeden Tag neu geschieht und weiter geschehen wird. Macht man sich das klar, erschließt sich der eigentliche Sinn der Meldung, mit der Dr. Müller die Medien bespielte: Es soll sich so anhören, als ändere sich was. Doch es ändert sich gerade das nicht, was sich ändern müsste: dass es, trotz all der Toten und Verletzten, bei der Freiwilligkeit bleibt.

Das Siegel, mit dem das Bündnis demnächst die Käuferinnen und Käufer beruhigen will, wird „Grüner Knopf“ heißen. „Windhauch, Windhauch, das alles ist Windhauch“, sagt Kohelet, Sohn Davids. Nicht vom Fleck kommt es in dem Prozess, den vier pakistanische Arbeiterinnen und Arbeiter aus Karatschi mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft NTUF, von medico und dem ECCHR vor dem Landgericht Dortmund angestrengt haben. Geklagt wird gegen KiK, den mutmaßlich einzigen Auftraggeber der abgebrannten Fabrik Ali Enterprises, beteiligt auch an den Tragödien von Tazreen Fashion und Rana Plaza. KiK setzt auf die Verjährung, die ihm nach pakistanischem Recht zuteilwerden solle. Dafür wird der Discounter jetzt den Anteil nachhaltig produzierter Baumwolle in seinen Produkten auf 0, 45% erhöhen. Das ist eine Meldung wert: mehr nicht.


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