Von unten

Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis

Thomas Seibert im Gespräch mit Cornelia Rühlig von der Gedenkstätte Mörfelden-Walldorf über. (Foto: medico)
Eine Veranstaltung in der Bibliothek der Generationen im Historischen Museum Frankfurt entdeckt erstaunliche Parallelen zwischen afghanischen und deutschen Projekten zur Aneignung der Geschichte. Von Katja Maurer

Im neuen Historischen Museum in Frankfurt, das vor wenigen Monaten mit viel Beifall eröffnet wurde, gibt es eine Abteilung, die nennt sich Bibliothek der Generationen. Dieses Kunstprojekt der Künstlerin Sigrid Sigurdsson ist eine Art Geschichtsschreibung von unten. Ausgewählte und immer wieder neu hinzu kommende Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt können eine Kiste füllen, die sie mit für sie bedeutsamen Geschichten und Gegenständen füllen. Jeden Dienstag stellen Kisteninhaber_innen ihre Inhalte vor. So erzählt sich aus der Perspektive der Einzelnen ein vielfältiges Ganzes. Immer wieder stellt die Bibliothek der Generationen mit Veranstaltungen einen Raum her, der wiederum diese Geschichten mit anderen Erzählungen verknüpft. Am 21. Februar im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung mit medico international unter dem Titel „Wozu erinnern? Zwischen individueller und gesellschaftlicher Aufarbeitung“ waren das unter anderem Erzählungen aus Afghanistan.

Erinnerungen aus Afghanistan

In einer Stadt wie Frankfurt, die laut offizieller Zählung eine mehrheitlich von Migration geprägte Bevölkerung hat, ist das nicht ungewöhnlich. In der Bibliothek der Generationen gibt es zum Beispiel eine Vitrine, die das Frankfurter Ehepaar Simen und Ebraim Modjaz in der Bibliothek zusammengestellt hat. Beide kommen ursprünglich aus Afghanistan und leben seit dem sowjetischen Einmarsch 1983 in Frankfurt. Ebraim Modjaz hatte in Deutschland studiert mit dem Auftrag, nach deutschem Vorbild die afghanische Post zu modernisieren. Das tat er auch. Afghanische und deutsche Briefkästen ähneln sich bis ins kleinste Detail. Man sieht es in der Vitrine. Die Geschichte dahinter ist nicht schön, aber wenigstens konnte das Paar sich retten.

Thomas Seibert, Asien-Referent von medico international, stellte auf der Veranstaltung die Erinnerungsarbeit des afghanischen medico-Partners AHRDO vor. Interessanterweise fügt sie sich wie von selbst in die Idee der Bibliothek der Generationen ein. Beispielhaft war in diesem Abend eine afghanische „Memory Box“ ausgestellt. Die 46jährige Nargis aus der Provinz Bamyan hat sie zusammengestellt. Sie enthält Briefe, Kleidungsstücke und Alltagsgegenstände ihres Mannes Sakhidat, die nun ausgebreitet auf einem Tisch liegen. Dabei auch  ein Foto von Sakhidat. Ein junger Mann mit weißer Kappe,  gestutztem Bart und ernstem Blick schaut den Betrachter_innen entgegen. Seibert erzählte die Geschichte von Nargis und Sakhidat. Im Jahr 2000, als die Taliban die Provinz Bamyan besetzten, nahmen sie Sakhidat fest. Seine Frau Nargis bemühte sich wochenlang um seine Freilassung, fand schließlich den Direktor des Gefängnisses, der ihr vorschlug, gegen eine hohe Summe die Freilassung ihres Mannes zu bewirken. Sie verkaufte ihre Ländereien, das Haus, in dem sie mit ihren fünf Kindern wohnte, und lieh sich noch Geld, um die 300.000 Afghani aufzubringen. Sie überreicht das Geld und nach viel hin und her, erhielt sie auch ihren Mann. Aber als Leiche.

Über viele Jahre hatte Nargis, die mit ihren Kindern in tiefstem Elend überleben musste, die Gegenstände aufbewahrt. Nach ihrer Teilnahme an einem mehrtägigen Theaterseminar von AHRDO entschloss sie sich, diese ihr so wichtigen Gegenstände in eine Memory Box zu packen. Also wegzugeben. In einer Broschüre von AHRDO über die Arbeit erzählt sie: „Ich habe diese Objekte in meine Memory Box getan, um die Erinnerung an meinen Mann für immer lebendig zu halten. Ich wollte seine Geschichte einem breiteren Publikum mitteilen. Und ich hoffe, dass die Regierung in Zukunft diese Objekte nutzen wird, um ein Museum zu bauen, damit die Menschen endlich des Leidens und der Schmerzen gewahr werden, die unser Land ertragen hat und lernen, wie man in Frieden lebt.“

Geschichte von unten – hier wie dort

Seit vielen Jahren bemühen sich die Kolleginnen und Kollegen von AHRDO mit Theaterworkshops und den Memory Boxes eine Aufarbeitung der afghanischen Geschichte von unten zu unterstützen. Sie stoßen dabei vor allen Dingen auf den Widerstand der herrschenden Elite und Warlords, deren Macht gerade auf dem latenten Konflikt mit seinen tödlichen Scharmützeln und Bombenattentaten beruht. Die Idee eines zu gründenden afghanischen Gemeinwesens, das auf der Geschichte der Opfer der Kriegsjahrzehnte beruht, ist der weitreichende Vorschlag von AHRDO. Insbesondere die Frauen aus allen unterschiedlichen ethnischen Gruppen Afghanistans sind die Trägerinnen einer solchen Idee, die den afghanischen Nationalstaat aus der Unmöglichkeit seiner Errichtung begründen würde.

Interessant bei der Veranstaltung waren die Parallelen, die sich aus dem Vortrag von Cornelia Rühlig vom Museum Mörfelden-Walldorf ergaben. Sie schlug den Bogen von der Entdeckung eines  KZ-Außenlagers in Walldorf zu Beginn der 1970er Jahre bis zum Entstehen eines historischen Lehrpfads und der Ausgrabung eines Folterkellers, an dem seit 1996 bis heute gearbeitet wird. Die Geschichte der Wiederentdeckung des KZ-Außenlagers ist eine von vielen, wie sie die lokale Geschichtskultur in Westdeutschland hervor gebracht hat. Das Außenlager hatte 1700 zwischen 16 und 40 Jahre alte ungarische jüdische Insassinnen, die im Auftrag der Firma Züblin in wenigen Monaten Rollbahnen für den Frankfurter Flughafen bauen mussten. Eine Arbeit, die für die Frauen viel zu schwer war und unter einem Lagerleiter, der einen Folterkeller unter der Küche eingerichtet hatte. 50 Frauen starben vor Ort. Nur 300 von ihnen überlebten das KZ Ravensbrück, wohin sie nach Auflösung des Außenlagers gebracht wurden.

Das Außenlager war für die lokale Bevölkerung unübersehbar, denn es hatte halb so viele Häftlinge wie Walldorf Einwohner_innen. Nach dem Krieg weggesprengt und mit neu gepflanzten Bäumen dem Vergessen anheim gegeben, brachte erst der Einsatz vieler Jugendlicher aus der Umgebung, dann aber auch der von Beteiligten internationaler Workshops seine verschüttete Geschichte wieder ans Tageslicht. Rühlig schilderte den Einsatz vieler junger Leute beim Ausheben des Kellers, die Begegnungen mit den überlebenden Frauen des Außenlagers, all die Details, die mit der Aneignung der Geschichte und auch der historischen Verantwortung für die Verbrechen einhergehen.

Öffentlichen Raum schaffen

Durchaus ähnlich wie bei AHRDO hat der Prozess dieser Aufarbeitung erst einmal einen öffentlichen Raum geschaffen, in dem die Geschichten der Überlebenden zur Kenntnis genommen und anerkannt wurden. Außerdem hat diese lokale Geschichtsaufarbeitung auch wesentlich dazu beigetragen, dass sich die westdeutsche Gesellschaft, wie in Mörfelden-Walldorf so auch an vielen anderen Orten, lange Zeit gegen rechtsradikales Gedankengut immunisieren konnte. Nie wieder Auschwitz ist eben auch nie wieder Rassismus. Das Ende von Rassismus und Feindschaft ist auch Ziel von AHRDO, das die Organisation mit der Gründung eines Museum der afghanischen Opfer verfolgt.
 

Ab 1. Juni werden die Memory Boxes für zwei Wochen  im medico-Haus in Frankfurt zu sehen sein. Die Ausstellung wird am 1. Juni um 18 Uhr im Beisein von Hadi Marifat eröffnet. Der Mittdreißiger Marifat ist einer der Gründer von AHRDO, hat viele Workshops in Afghanistan mit dem Theater der Unterdrückten geleitet und kann über die Entstehungsgeschichten der Memory Boxes ausführlich Auskunft geben.


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