Guatemala

Eine deutliche Botschaft

26.10.2026   Lesezeit: 5 min

Der Mord an Juan Francisco Solórzano Foppa weckt Erinnerungen an die dunkelsten Zeiten des Landes.

Von Lucio Yaxon Guarcax

Was sich am Samstagmorgen, dem 17. Oktober, in Guatemala-Stadt ereignete, hat uns bewusst gemacht, dass wir noch nie in Frieden gelebt haben und dass es noch nie Respekt vor dem Leben und der körperlichen Unversehrtheit aller Guatemaltek:innen gegeben hat. Der Mord an Juan Francisco Solórzano Foppa, besser bekannt als Foppa, hat uns mit Trauer und Wut erfüllt. 

Es erfüllt uns mit Zorn, in einem Land leben zu müssen, in dem der Alltag von Unsicherheit und Angst geprägt ist, und in dem die Demokratie, von der man uns glauben machen will, dass wir sie haben, nichts weiter ist als eine Utopie, die als Deckmantel dient, um weiterhin Verbrechen zu begehen gegen diejenigen, die ihre Stimme erheben, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und ein würdiges Leben kämpfen.

Wer war Juan Francisco Solórzano Foppa?

Foppa wuchs im Exil auf und verbrachte mehrere Jahre in Kuba, einem Land, das bis zu seiner Jugend und Rückkehr nach Guatemala seine zweite Heimat war. Er studierte Jura, denn sein größter Traum war es, eine unterdrückte Bevölkerung im Kampf gegen Korruption und Straflosigkeit mit den Mitteln des Rechts zu verteidigen.

Er war Sohn einer kämpferischen, großherzigen Frau, die sich für die Ärmsten und Bedürftigsten in Guatemala einsetzt. Er war Enkel von Alaide Foppa, einer herausragenden Dichterin und Pionierin des Feminismus, die sich aktiv am Revolutionsprozess von 1944 beteiligte, anschließend nach Mexiko ins Exil ging und 1980 von guatemaltekischen Staatsbeamten verschleppt wurde.

Foppa erbte dieses Bewusstsein. Seine Laufbahn als Rechtsanwalt und Aktivist im Kampf gegen Korruption war einzigartig. Er erkannte, dass man keine Angst haben dürfe, um über die Probleme Guatemalas zu sprechen, sondern mit deutlichen Worten die Missstände anprangern müsse, unter denen die Bevölkerung Guatemalas leidet.

Als Staatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft war er aktiv an hochbrisanten Ermittlungen beteiligt; beispielsweise im Fall „La línea“ im Jahr 2015, der zum Rücktritt des damaligen Präsidenten Otto Pérez Molina, der Vizepräsidentin Roxana Baldetti sowie weiterer Regierungsbeamter und verschiedener in Korruptionsfälle verwickelter Unternehmer führte.

2016 wurde er zum obersten Leiter des guatemaltekischen Finanzamtes SAT ernannt, wo er sich ebenfalls unermüdlich gegen Korruption einsetzte. Einer seiner größten Erfolge bestand darin, die großen Konzerne im Land zu zwingen, millionenschwere Steuerrückstände aus Steuerhinterziehungen zu begleichen und dadurch dem Staat einen historischen Steuereinnahmenrekord zu bescheren.

Als Rechtsanwalt verteidigte er Menschen, die sich für Demokratie und den Rechtsstaat einsetzten, und die in einem von der Mafia und dem Pakt der Korrupten unterwandertem Rechtssystem inhaftiert waren.

Aufgrund seines Engagements gegen Korruption wurde er seit 2021 von der Generalstaatsanwältin Consuelo Porras, die dem sogenannten Pakt der Korrupten zuzurechnen ist, strafrechtlich verfolgt. Er wurde inhaftiert, wegen dreier Straftaten angeklagt und erhielt eine Freiheitsstrafe, die in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurde.

Guatemala bis heute

Um die Probleme des heutige Guatemala zu verstehen, muss man auf den Zusammenbruch der demokratischen Ära zwischen 1944 und 1954 schauen. Der Sturz des demokratischen Regierungssystems ist der Grund dafür, dass wir noch heute ein unterentwickeltes Land sind, in dem Hunger herrscht, und in dem Morde wie der an Foppa begangen werden. 

Foppas Hinrichtung am 17. Oktober ist ein Einschnitt. Sie weckt unmittelbar die Erinnerung an die vielen gezielten Morde, außergerichtlichen Hinrichtungen, Festnahmen und Folterungen und an das gewaltsame Verschwindenlassen Tausender von den 1960er bis Ende der 1990er Jahre. Insgesamt wurden 250.000 Menschen unter dem Kommando des Militärs und seinen Parallelgruppen und mit Wissen der Machtelite ermordet. 45.000 Menschen wurden gewaltsam verschwinden gelassen. Ganze Gemeinden wurden mithilfe der finanziellen Unterstützung und Beratung durch die USA, Israel und Taiwan ausgelöscht. Die damaligen Praktiken waren dieselben, wie die, die wir am 17. Oktober erlebt haben. Praktiken, die unter totalitären Diktaturen ausgeübt wurden: die Verfolgung revolutionärer politischer Gruppen, von Menschenrechtsaktivist:innen, Professor:innen, Studierenden, Arbeiter:innen und Bäuerinnen und Bauern.

Wir Guatemaltek:innen spüren die Folgen bis heute. Das Übel, unter dem wir leiden, hat nie ein Ende gefunden, lediglich die Regierungen haben gewechselt.

Foppas Tod ist eine deutliche Botschaft derer, die sich jeder positiven Entwicklung entgegenstellen. Auch wenn es Demokratie und ein 30 Jahre altes Friedensabkommen gibt, ist es in diesem Land nach wie vor ein Verbrechen, Missstände anzuprangern und Rechte oder Transparenz einzufordern – es kostet das Leben.

Bei der Beerdigung von Juan Francisco Solórzano Foppa wurde erneut deutlich, dass wir einen Neuanfang brauchen, gemeinsam geführte Kämpfe, um den Bedrohungen durch diejenigen entgegenzuwirken, die glauben, sie seien die Herren über unser Leben und unser Schicksal. Wir sind traurig, wir weinen, wir schreien vor Wut und nach Gerechtigkeit, und wir werden niemals aufgeben. 

Foppa bleibt in unserer Erinnerung als bekannte und sehr geschätzte Persönlichkeit, die ein großes Erbe und eine noch größere Lücke hinterlässt, uns aber zugleich als Bevölkerung dazu anspornt, die Initiative zu ergreifen und einzufordern, dass in Guatemala die Rechtsstaatlichkeit gewahrt wird.

Es ist ermutigend zu sehen, wie viele Guatemaltek:innen sich mit der Familie solidarisiert und ihre Zuneigung zum Ausdruck gebracht haben. Foppas Tod hinterlässt eine große Lücke und ein großes Erbe: Er spornt uns an, die Initiative zu ergreifen und die Rechtsstaatlichkeit zum Wohle aller Guatemaltek:innen einzufordern. Sein Tod darf nicht ungestraft bleiben. Die Korrupten, die Kriminellen und die Mafia werden es nicht mit den Menschen aufnehmen können, die die Wahrheit sagen.

Seit Jahrzehnten stehen medico-Partnerorganisationen den Kämpfen um Land und Gerechtigkeit in Guatemala zur Seite. Mit psychosozialer Hilfe, juristischer Begleitung, politischer Aufbauarbeit und journalistischer Berichterstattung unterstützen sie die Demokratisierung des Landes und die Organisierung indigener Gemeinden. 

Lucio Yaxon Guarcax aka Nim Alae ist ein Menschenrechtsaktivist, Künstler und Poet mit Bezug zum historischen Gedächtnis der Maya-Bevölkerung in Guatemala. Er ist Maya-Kaqchikel und gilt als Pionier des politischen Rap in Kaqchikel. Nach einer längeren Zeit in Berlin lebt er inzwischen wieder in Guatemala.


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