USA

Ein politischer Aufbruch?

Climate Strike am vergangenen Freitag im New Yorker Battery Park. (Foto: @xiyebastida, Twitter)
Von den Bewegungen in den USA ist noch einiges zu erwarten. Sie sind divers und sie stellen die richtigen Fragen. Reisenotizen von Katja Maurer

Im Whitney Museum in New York läuft gerade die Biennale US-amerikanischer Kunst 2019. Das Museum, das im oberen Stockwerk eine beeindruckende Sammlung der US-Moderne zeigt – vom sehnsuchtsvoll-einsamen Hopper bis zu dem afroamerikanischen Künstler Jacob Lawrence mit seinem Zyklus über den Zweiten Weltkrieg und einer darin verwobenen Erzählung des schwarzen Gis – brennt vor politisch-künstlerischem Aufbruch. Denn eine Vielzahl der ausgestellten Künstler*innen macht die eigene Herkunft und ihre künstlerische Verarbeitung nur deshalb zum Thema, um über sich hinauszuweisen. Eine ursprünglich aus Nigeria stammende Künstlerin, deren überlebensgroße Frauenfiguren aus einem Baum wachsen, also Wurzeln besitzen, die eine frei machen statt hemmen, gehört genauso zur Ausstellung wie ein Zyklus über ein haitianisches Café in Miami, das im Laufe der Jahre alle Insignien des Haitianischen verliert, die brüchig gemalten Revolutionshelden, das Wappen mit der Losung Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, bis nur noch eine geweißte Fläche bleibt, aus der ein vergittertes Fenster wie ein Menetekel oder die Wahrheit wächst, die zuvor unter den haitianischen Farben verhüllt war.

„Polarisierte und verzweifelte Zeiten“

Andere Künstler*innen sammeln die Fragmente dessen auf, was sie möglicherweise sind, und entwickeln daraus ein Geflecht an Fragen an sich selbst und ihr Verhältnis zu einem politischen Umfeld, das durch Trump so polarisiert ist, dass Widerstand zur Pflicht geworden ist. Den Auftakt dazu setzt das Signal des in Köln geborenen und in Denver lebenden Kota Ozawa mit seiner akribisch gemalten Video-Installation „The National Anthem“ über den Kniefall schwarzer amerikanischer Footballspieler gegen den Rassismus und Trump. Nach Colin Kaepernicks erstem Kniefall 2016 setzte sich die Geste in vielen Footballstadien fort. Die Videoinstallation setzt die symbolischen Aktionen, an denen sich auch weiße Spieler durch ihre Präsenz beteiligen, in einer flächig gemalten und mit der US-Hymne unterlegten Animation um, die die unterschiedlichen Ereignisse zu einem einzigen verbindet.

Das kollektive emotionale Gedächtnis, an das Trump mit seinem „Make America Great Again“ appelliert, besetzt Kota Ozawas Installation mit einer Widerstandsaktion, die ihren Ausgangspunkt mit den geballten Fäusten der schwarzen US-Sprinter 1968 nahm. Dazu heißt es im Vorwort zum Katalog von Museumsdirektor Adam D. Weinberg, dass niemand angesichts der Zustände im Land einfach nur zugucken könne. In diesen „polarisierten und verzweifelten Zeiten“ beruft sich Weinberg auf den Erfinder der Moderne Duchamp, der 1960 trotz der Kommerzialisierung der Kunst gesagt hat, dass er sich weiter für die Künstler interessiere. Denn „Künstler sind die einzigen Leute, die die Chance haben, Bürger der Welt zu werden.“ Sie seien ungebunden und deshalb bereit für die Freiheit. Wie politisch das heute sein kann, lässt sich im Whitney beeindruckend sehen.

Die jungen Menschen sprechen selbst

Auf der Fridays For Future-Demonstration der New Yorker Kinder und Jugendlichen mit 250.000 Teilnehmer*innen fand das neue Politische seinen Ausdruck auf der Straße, ähnlich vielleicht wie in Deutschland. Aber für die USA dann doch überraschend. „Transformation Time“, Umbruchzeit, schrieb ein Demonstrant  auf ein Stück Papier. Und immer wieder die Rufe: This is what Democracy looks like“, So sieht Demokratie aus. Mit heiligem Ernst verfolgten die Teilnehmer*innen die Kundgebung im Battery Park. Denn hier wurde nicht an ihrer statt gesprochen, sie selber sprachen, repräsentiert durch junge Frauen, 17 oder 18 Jahre alt, die unbeeindruckt von der schieren Menge, ihr Anliegen herausschrien und dabei das Wort Revolution nicht scheuten.

Richard D. Wolff, ein marxistischer Ökonomieprofessor, der uns auf dem medico-Symposium vor zwei Jahren über Solidarische Städte mit seinem Enthusiasmus über den politischen Aufbruch in den USA überraschte, ist denn auch überzeugt, dass die Sache in den USA noch lange nicht für Trump entschieden ist. Das Interesse an Theorie, auch an marxistischer, sei ungebrochen. Es gäbe ein wachsendes Verstehen, dass der Kapitalismus in Frage gestellt werden müsse. Für die jungen Leute gebe es keine Frage der Hautfarbe mehr. „Sie sind farbenblind“. Auch die Geschlechterfrage habe eine ganz andere Praxis als in den Generationen zuvor. Hinzu kämen die jungen weiblichen Abgeordneten wie Alexandria Ocasio-Cortez, die beeindruckende Symbole der Veränderung seien. Ihr Green New Deal sei ein erster ernsthafter Versuch, die Ökologie-Frage mit der sozialen zu verbinden. Bei Fridays For Future in New York spielten die Forderungen nach Klimasteuern und Green New Deal eine große Rolle.

Der Optimismus der Tat ist in den USA derzeit sehr stark. Zumindest im liberalen New York. In der Sonntagsausgabe der New York Times schreibt der ehemalige und um seinen Sieg betrogene Präsidentschaftskandidat Al Gore, dass es noch Hoffnung gebe, die Klimakrise zu bewältigen. Aber man müsse verstehen, dass dies auch eine Demokratiekrise sei. Die meisten Politiker*innen weltweit seien mit Unternehmen, die durch ihre „Gier“ jede mögliche politische Veränderung verhindern würden, zu eng verbündet. Gut also, dass die Jugendlichen in New York die Demokratie-Frage so stark betonten.

Jetzt geht es weiter nach Haiti.


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