(Re-)Konstruktion der Welt

Ein Ding der Unmöglichkeit

Auf der medico-Konferenz erkundeten Denker:innen aus aller Welt Auswege aus den katastrophischen Weltverhältnissen. Die Resonanz war groß, die Erfahrung einer globalen Öffentlichkeit wegweisend.

Von Katja Maurer

Als die Welt sich auf die Covid-Pandemie eingestellt hatte, war die Verlagerung transnationaler Begegnungen ins Internet zur Gewohnheit geworden. Zweistündige Diskussionen, die etwa die Covid-Pandemie untersuchten, glänzten mit der Teilnahme wichtiger Intellektueller, die man unter anderen Umständen nie so leicht zusammengebracht hätte. In dieser globalen Online-Welt eine Debatte zu organisieren, die darauf setzte, Menschen drei Tage lang am Bildschirm zu halten, war hingegen ein Experiment mit offenem Ausgang. Doch es gelang. Die Konferenz „(Re-)Konstruktion der Welt“, die vom 12. bis 14. Februar 2021 stattfand, war von medico gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem ECCHR (European Center for Constitutional and Human Rights), dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, dem Frankfurter Institut für Sozialforschung und dem International Institute for Political Murder organisiert worden. Mit zeitweise 8.000 zugeschalteten Menschen aus aller Welt übertraf die Resonanz die Erwartungen weit.

Ausgehend von paradigmatischen Situationen am Rande der Welt, die in all ihrem Stillstand die Unmöglichkeit der Weltänderung und der Rettung der Ausgeschlossenen aufzeigen, versuchte der globale Austausch von Anfang an, den Maßstab zu setzen, an dem jede Rekonstruktion zu messen ist. Die Beispiele waren Haiti und das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Misst man den Stand der Rekonstruktion an diesen beiden Ausgangslagen, ist wenig Hoffnung in Sicht. Auch wenn Moria nun umgewandelt wurde, zeugt dies nur von der weiteren Befestigung des Lagersystems für Geflüchtete. Das Im-Stich-Lassen der haitianischen Bevölkerung, der man so große Versprechungen der wiederaufbauenden Hilfe gemacht hatte, hat sich seit der Konferenz in eine Apokalypse ungeahnten Ausmaßes verwandelt, der die Welt mit Ignoranz und einem mehrere hundert Kilometer langen Zaun entlang der Grenze zur Dominikanischen Republik begegnet. Wer von Befreiung redet, muss die Geflüchteten und Haiti als Symbol der Universalität von Freiheitsrechten mitsprechen. Das war ein Ertrag der Konferenz.

Sie beschäftigte sich zudem mit der Beschreibung des aktuellen postkolonialen Kapitalismus, der mit der Globalisierung eine Hoffnung nicht nur auf wachsenden Konsum, sondern wie der nigerianische Journalist Moussa Tchangari sagte, auch auf Bewegungs- und Reisefreiheit geweckt habe: „Zwar zirkulieren Waren und Dienstleistungen ohne größere Hindernisse, aber die Menschen ohne besondere Fähigkeiten bleiben eingesperrt.“ Sie bedrohten die herrschende Ordnung, so Tchangari. Die argentinische Anthropologin und Feministin Rita Segato, die mit ihrer „Pädagogik der Grausamkeit“ eine feministische Kritik des patriarchalen und zu dekolonisierenden Kapitalismus formuliert hat, nahm die Covid-Pandemie zum Ausgangspunkt, den „dummen Unglauben an den Tod“ als Mentalität unserer Zeit zu beschreiben. Das westliche Subjekt habe den Körper abgeschafft und durch ein virtuelles „omnipotentes, hypertrophes Ego“ ersetzt. Diese Subjektbeschreibung lohnt sich in die neue Zeit weiterzudenken, da auch im Herzen Europas kriegerische Gewalt und Tod herrschen, die die schon verlöschende Erinnerung an zwei Weltkriege, deren wichtigster Schauplatz Europa war, wieder zum Vorschein gebracht hat. Vielleicht eine Idee, den aktuellen Umschlag von Friedensliebe in Kriegsbereitschaft besser zu verstehen.

Wer die Zustandsbeschreibung des gegenwärtigen Kapitalismus zum Ausgangspunkt nimmt, stößt bei der Beschreibung der Rekonstruktion der Welt, an deren Notwendigkeit allein der Klimawandel keinen Zweifel lässt, an die Grenzen der Wirklichkeit. Der kamerunische Philosoph Achille Mbembe, einer der wichtigsten postkolonialen Theoretiker:innen der Gegenwart, beschrieb eine „Ethik des Planetarischen“, zu der die liberale Ordnung nicht in der Lage sei. Auch das bewahrheitet sich gerade auf ungeahnte Weise in der Rückkehr des Eurozentrismus, der im Angesicht eigener Leiderfahrungen von stupender Weltvergessenheit geprägt ist. Wer sich als das zu verteidigende Gute imaginiert, sollte Mbembes fast prophetische Gegenüberstellung auf der (Re-)Konstruktions-Konferenz zur Kenntnis nehmen. Die Landkarte der Entwicklung werde neu gezeichnet, so Mbembe. Darin stünden sich zwei Möglichkeiten gegenüber: „Eine Welt des Dauernotstands, die im technokratischen Management verwaltet wird, oder eine strukturelle Transformation der Gesellschaft und der Menschheit als Ganzes“. Was Mbembe mit seiner Formulierung von der Notwendigkeit eines planetarischen Bewusstseins andeutete, formulierte die 80-jährige US-amerikanische Philosophin Susan Buck-Morss in unübertroffener Direktheit. Es brauche eine „totale Revolution“, da kein Problem im Rahmen eines Nationalstaates gelöst werden könne.

Ein eigenes Konferenz-Podium widmete sich der Idee einer Menschenrechtsrevolution und berief sich dabei auf §28 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dieser Paragraf fordert eine „internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung angeführten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können“ ein. Den Begriff der Menschenrechtsrevolution in die internationale Debatte einzuführen, war Anliegen und Ergebnis der Konferenz. Was damit gemeint ist, zeichnete etwa der chilenische Umweltaktivist Rodrigo Mundaca nach, der mittlerweile zum Gouverneur der Region Valparaíso gewählt wurde. Er zog eine Linie von den Kämpfen der Unidad Popular, die durch den Militärputsch 1973 beseitigt wurde, bis zu den jüngsten Aufständen in Chile, die nun tatsächlich in der Erarbeitung einer menschenrechtsbasierten Verfassung mündeten.

Eine Berufung auf die Notwendigkeit der Revolution ist angesichts der Geschichte der Revolutionen, ihrer Abbrüche und Verkehrungen ins Gegenteil dessen, was sie begehrten, ein Paradox. Die Idee der Menschenrechtsrevolution versucht dies aufzugreifen. Denn der Begriff des Menschenrechts ist mit dem Umstand unauflöslich verbunden, dass die fortzuschreibende Liste der pluralen Menschenrechte ihre Bewährung in dem ihnen allen eingeschriebenen singularen Menschenrecht eines jeden und einer jeden auf die freie Selbstbestimmung der eigenen Existenz findet. Dies im Globalen weiter zu debattieren wird die Aufgabe künftiger Konferenzen sein.

Konferenz-Dokumentation

Eine ausführliche Dokumentation der Konferenz findet sich unter www.medico.de/reconstruction.

Dieser Beitrag ist Teil des medico-Jahresberichts 2021, den Sie hier online lesen und kostenlos bestellen können.

Veröffentlicht am 30. Mai 2022
Katja Maurer

Katja Maurer

Katja Maurer leitete 18 Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Heute verantwortet sie die medico-Sprache, das Rundschreiben und bloggt regelmäßig auf der medico-Website.


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