Rohingya

Angekündigter tausendfacher Tod

Banges Warten auf den Monsun: Vom Regen überflutet und von Erdrutschen verschüttet werden auch die Wasserstellen und die Latrinen sein, Abfälle, Abwässer und Fäkalien werden sich über das ganze Gelände ausbreiten. (Foto: GK)
Was eigentlich schlimmer gar nicht mehr vorstellbar ist, droht jetzt noch schlimmer zu werden. 900.000 geflüchtete Rohingya sind den bevorstehenden Monsunregen schutzlos preisgegeben. Von Thomas Seibert

Seit diesem Monat schon sind die Küsten Bangladeschs von tropischen Wirbelstürmen bedroht, dasselbe wird dann wieder in Oktober und November der Fall sein. Im Juni beginnt die Monsun-Saison, die erwarteten Regenfluten werden ihren Höhepunkt im Juli finden und bis in den Oktober fortdauern. „Wir werden alles tun, um zusammen mit den Leuten den Unbilden der Natur zu trotzen. Hoffen wir das Beste“, schreibt uns Gulam Mustafa Dulal, Programmkoordinator vom medico-Partner Gonoshasthaya Kendra (GK), in einer Email.

Binnen weniger Wochen wurden Ende letzten Jahres 900.000 Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch vertrieben – nach Einschätzung auch der UNO als Opfer eines versuchten Völkermords seitens der Regierung und der Armee Myanmars. In den Lager rund um die bangladeschische Stadt Cox’s Bazar trafen die dem Tod Entronnenen auf rund eine halbe Million Landsleute, die sich früher schon hier her gerettet hatten. Die Situation in den Lagern ist katastrophal, weltweit vielleicht die schlimmste überhaupt für Vertriebene und Geflüchtete. Hilfsorganisationen – auch der bangladeschische medico-Partner GK – können der Not nur sehr begrenzt abhelfen: es sind schlicht zu viele Menschen auf viel zu wenigem, für massenhafte Besiedlung absolut ungeeignetem Raum. Es fehlt an allem: Zugang zu sauberem Wasser, zu Hygiene- und Lebensmitteln, es fehlt an Gesundheitsstationen und Schulen. Hinzu kommt, dass die bangladeschische Regierung die Arbeit der NGOs vielfach behindert, auch durch massive Verzögerungen in der Auszahlung bereits überwiesener Hilfsgelder.

Erwartbare Katastrophe

Bekannt war die drohende Katastrophe schon bei Ankunft der Geflüchteten Ende letzten Jahres – geschehen ist schlicht zu wenig. Die von Hilfsorganisationen zwischenzeitlich eingerichteten Gesundheitsstationen und Schulen befinden sich auch nur in Bambushütten oder Zelten und werden deshalb ebenso weggeblasen und weggeschwemmt werden wie die Hütten der Leute selbst. Besonders bedroht ist das Lager Kutupalong, in dem auch der medico-Partner GK tätig ist. Hier leben 600.000 der 1,3 Millionen Rohingya, nach einer gerade vorgelegten Risikoschätzung sind 100.000 von ihnen vom Tod bedroht.

Das ganze Ausmaß der angekündigten Katastrophe wird deutlich, wenn man sich zwei Dinge klar macht. Zum einen werden Hilfsorganisationen im Katastrophenfall keinen Zugang mehr zu den Leuten haben, weil das sowieso völlig ungenügende Wegesystem im Matsch versunken sein wird. Vom Regen überflutet und von Erdrutschen verschüttet werden auch die Wasserstellen und die Latrinen sein, Abfälle, Abwässer und Fäkalien werden sich über das ganze Gelände ausbreiten. Zum anderen aber haben die Bewohnerinnen und Bewohner der Lager keine Möglichkeit, sich nach anderswo zu retten. Nach Angaben einer Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks bieten die wenigen festen Gebäude des ganzen Lagerkomplexes höchstens 30.000 Leuten Obdach. Deshalb ist mit Paniken und mit Gewaltausbrüchen zu rechnen, schon jetzt werden Frauen und Kinder regelmäßig Opfer fortgesetzter Gewalt.

Keine bloß humanitäre Frage

Auch GK wartet noch auf die Auszahlung eines Teils der von medico bereits überwiesenen Hilfsgelder; nach längeren Verhandlungen liegt jetzt eine Zusage vor, die zurückgehaltenen Mittel in etwa 15 Tagen auszuzahlen. Die Kolleginnen und Kollegen werden auf jeden Fall vor Ort bleiben: sie unterstützen geflüchtete Rohingya schon seit den 1970er Jahren. Zu Recht können sie darauf verweisen, mit dazu beigetragen zu haben, dass der im November befürchtete Ausbruch einer Diphterie-Epidemie abgewendet werden konnte. Aktuell wird die Möglichkeit überprüft, zumindest Teile des Lagergeländes so weit zu befestigen, dass größere Erdrutsche verhindert und einzelne Wege offen gehalten werden können.

Doch lassen die Kolleginnen und Kollegen keinen Zweifel daran, dass es für die Rohingya-Krise keine bloß humanitäre Lösung geben kann, sondern eine politische Lösung geben muss. Bangladesch und Myanmar haben ein Rückführungsabkommen unterzeichnet, das von den Betroffenen selbst entschieden abgelehnt wird: die Menschen haben panische Angst davor, erneut ihren Peinigern ausgeliefert zu werden. Auf unserer letzten Reise nach Cox’s Bazar und Dhaka haben uns viele Bangladeschi hinter vorgehaltener Hand gesagt, dass man die Rohingya einfach von der Küstenregion ins Land lassen sollte: sie sind den Einheimischen kulturell und sprachlich nahe, und im sowieso überbevölkerten Bangladesch käme es auf eine Million Neubürgerinnen und Neubürger nicht wirklich an. Notwendig wäre es allerdings, der eigenen Regierung dafür internationale Hilfe zuzusagen – und zugleich dem Regime in Myanmar zu zeigen, dass seine Völkermordpolitik nicht hingenommen wird. Im Juli werden wir wissen, ob die heute noch erst angekündigte zu einer dann wirklich eingetretenen Katastrophe geworden sein wird. Vielleicht fällt der Monsun dieses Jahr milder aus als erwartet.


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