Biomedizin und strukturelle Gewalt

Wie sich das ökonomisierte Menschenbild in einem Krankheitsverständnis spiegelt. Von Ariane Brenssell.

Ariane Brenssell auf dem medico-Stiftungssymposium. Foto: medico 

Das Besondere und das Positive an der Diagnose „Trauma” ist, dass sie die Ursache benennt: eine von außen zugefügte, zumeist gewalttätige Erschütterung. Dennoch verschwinden diese gesellschaftlichen Dimensionen von Traumata immer wieder aus dem Blick. Das liegt unter anderem daran, dass die Ursachen nur in Form einer psychiatrischen Diagnose benannt sind, das Gewicht liegt auf der Krankheit, auf den Symptomen. Es bleibt damit etwas vorrangig individuell zu bearbeitendes.

In der psychosozialen Arbeit ist es wichtig, sich über einen Trauma-Begriff zu verständigen, der die damit verbundenen Ausblendungen thematisiert. Trauma muss als Prozess betrachtet werden. Trauma ist nicht nur ein singuläres Ereignis. Von entscheidender Bedeutung ist die Frage, wie die Umgebung, die Institutionen, die Gesellschaft danach reagiert. Das spiegelt die Arbeit unserer Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen wider. Für die Frauen und die seelischen Folgen, die das Trauma haben könnte, sind folgende Fragen entscheidend: Was passiert nach einer Vergewaltigung? Wie empfangen mich die Angehörigen, die Polizei, der Arzt? Was ist mit dem Job-Center, was mit der Hartz-IV-Behörde? Was ist, wenn ich umziehen muss, weil der Täter meine Wohnung kennt? Schon dieses Beispiel zeigt: Trauma als Prozess zu betrachten, bedeutet neben dem individuellen Leiden die Gesellschaft selbst in den Blick zu nehmen.

Ein solcher Zugang zu einem Trauma hat es jedoch derzeit schwer. Wir haben beim Berliner Krisen- und Beratungszentrum für vergewaltigte Frauen und Verein gegen sexuelle Gewalt (LARA e.V.) darüber nachgedacht, wie sich die Bedingungen für einen solchen erweiterten Traumabegriff verändert haben. Unser Eindruck war, dass es immer schwerer wird Frauen zu unterstützen ihren eigenen Weg aus einem Trauma zu finden. Was waren die Indizien: Frauen blieben länger in der Beratung, sie kamen öfter wieder, das Angebot reichte hinten und vorne nicht mehr aus, wir als Beraterinnen fühlten uns überlastet und frustriert.

Ökonomisiertes „Funktionieren“

Zunächst fiel uns die Ökonomisierung der Lebenswelten auf. Damit einher geht ein Menschenbild, das das Gewicht auf das „Funktionieren” legt und neue Zumutungen bereit hält. Es schürt Ängste um die Existenz, vor den möglichen Repressionen, etwa durch die Job-Center, oder vor Arbeitsplatzverlust bei längerer Abwesenheit. Diese Entwicklungen halten für alle und insbesondere für traumatisierte Menschen eine Vielzahl von neuen potentiellen Problemen bereit. Es bedeutet erneute Ohnmachtserfahrungen, Unsicherheiten und damit: Schmerzpunkte.

Wir haben andere Anlaufstellen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen gebeten zu skizzieren, wie sie die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und Widersprüche für die Arbeit gegen strukturelle Gewalt erleben: Was sind die Folgen der gesellschaftlichen Reformen und Veränderungen für den Alltag und die Handlungsmöglichkeiten?

Hier ein paar Beispiele für die Antworten, die wir auf unsere Suche erhalten haben. Martina Hävernick von Wildwasser Berlin berichtete, dass Frauen in der Beratung heute länger als früher bleiben. Meist sei die individuelle Krise noch verbunden mit Arbeitslosigkeit, Hartz-IV-Bezug oder Problemen im Job. Esra Erdem berichtete von den Schwierigkeiten der Migrantinnen, die sich aufgrund der neuen Zuwanderungsgesetze nur schwer aus einer Gewaltbeziehung lösen könnten, weil sie kein Anrecht auf Hartz-IV-Bezug haben, sondern dann ausgewiesen würden. Birgit Sauer von der Universität Wien verwies uns auf Studien aus den USA und Kanada, die gezeigt haben, dass der Abbau sozialstaatlicher Sicherheit Menschen auch verwund- und verletzbarer für Gewalt macht. Und nicht zuletzt weisen die aktuellen Forschungen der beiden Epidemiologen Kate Pickett und Wilkinson („Gleichheit ist Glück“, 2010) nach, dass psychosoziale Probleme und Gewalt in dem Maße zunehmen, in dem die die Einkommensungleichheit wächst.

Das Zusammenspiel von neoliberalen Gesellschaftsanpassungen und deren individuellen Auswirkungen auf die Lebensrealität ist STRUKTURELLE Gewalt. Menschen werden Lebenschancen vorenthalten, Abhängigkeiten werden größer und naheliegender: Heirat ist für Frauen wieder ein Modell zur Existenzsicherung geworden; durch steigende Anforderungen an das Überleben entstehen neue Gewaltformen.

Neues Krankheitsverständnis

Das „neue Menschenbild“, der homo oeconomicus, passt hervorragend zu einem neuen biomedizinischen, neurobiologischen oder bio-psychosozialen Krankheitsverständnis; das Motto lautet: „Das Gehirn trainieren, um sich selbst besser regulieren zu können” (Vanessa Lux 2010). Im biomedizinischen Krankheitsbild dominieren Medikalisierung, Determination und Individualisierung.

Populär ist heute ein Konzept von Krankheit, das auf einem „bio-psychosozialen” Verständnis beruht: das sogenannte „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“. Oberflächlich betrachtet enthält es alle Dimensionen eines integrierten Menschenbildes, nur wird bei näherem Hinsehen die Gesellschaftlichkeit preisgegeben. Trauma und strukturelle Gewalt werden auf Stress verkürzt; Trauma ist hier Stress von einem solchen Ausmaß, dass ihn die Einzelnen (hirnphysiologisch) nicht mehr bewältigen können. In der Kritischen Psychologie werden die Implikationen dieses Krankheitsverständnisses und Menschenbildes herausgearbeitet. Die Konjunktur der Neuropsychologie, so die Psychologin Vanessa Lux, lässt sich daran sehen, dass die Forschung boomt und die Presse deren Ergebnisse popularisiert: „Wie Schmetterlinge schwirren die bunten Bilder von aufgeschnittenen Gehirnen durch die mediale Landschaft“. Sie geben vor: Wir können die „Gefühle im Hirn sehen“. Dabei reduziere die Neuropsychologie das Psychische auf physiologisch funktionale Korrelate und sei die Forschung darauf angewiesen kurzfristige Zustandsänderungen zu messen. Entsprechend boomen auch Therapien, die diese schnellen und kurzfristigen Veränderungen herbeiführen können. Dass diese Therapieangebote in der internationalen Hilfe, wie Usche Merk hier berichtete, ebenfalls zum Zuge kommen, kann so nicht verwundern.

Dieses Krankheitsverständnis basiert auf mehreren Reduktionen im Menschen- und Gesellschaftsbild. Es reduziert die Psyche auf messbare Vorgänge, das subjektive Erleben auf Stress und gesellschaftliche Machtverhältnisse als Verursacher strukturelle Gewalt auf einen Vorgang individueller Stressbewältigung. Diese Reduktion dieser strukturellen Gewaltverhältnisse auf einen biologischen Stress-Vorgang, die Fokussierung auf ein Selbst-Management statt auf die Analyse der Bedingungen, unter denen Gewalt entsteht, sind die extrem problematischen Implikationen eines bio-psychosozialen Krankheitsmodells. Das Anliegen einer umfassenden gesellschaftlichen und zugleich individuellen Perspektive wird damit aufgegeben, der Schein der Ganzheitlichkeit bleibt jedoch gewahrt. Vielleicht ist diese Perspektive auch deshalb in der Sozialen Arbeit so populär. Die Konjunktur des Biomedizinischen in seinem aktuellen Ausdruck, dem sogenannten „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“, erschwert eine psychosoziale Perspektive grundlegend, die die strukturelle Gewalt als zentrales Moment von Trauma erfasst.

Was tun? Dazu vier Stichworte:

Parteilichkeit: Die Analyse der „gesellschaftlichen Schmerzpunkte” gehört genauso zur Unterstützungsarbeit wie das Wissen um das Ausmaß des individuellen psychischen Leidens.

Menschenwürde: Die Ökonomisierung des Menschenbildes funktioniert nur auf Kosten der Menschenwürde. Für Menschen, die durch eine traumatische Erfahrung wesentlich verletzbarer sind, bleibt dies eine permanente Herausforderung, um die eigene Verwundung überhaupt bearbeiten zu können. Insoweit gilt es auch die verletzte Menschenwürde zu thematisieren.

Messguerilla: Die feministische Finanzexpertin Mascha Madörin hat eine Messguerilla vorgeschlagen. Wir brauchen sie gegen das Vermessen, Standardisieren, Pauschalisieren des Alltags. Denn dieses Vermessen ist eine Form der strukturellen Ohnmacht und der institutionellen Diskriminierungen, die zu skandalisieren sind und gegen die vorzugehen ist.

Leitfaden gegen die Pathologisierung: Die Deutung soziale Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft blendet aus, wie gewaltvoll und zerstörerisch diese Verhältnisse sind. Probleme werden vor allem in medizinischer Form gedacht und gesprochen. Wir haben keine eigene Sprache dafür. Daher brauchen wir eine Vernetzung, eine Zusammenarbeit, die für die psychischen Leiden wieder eine andere Sprache entwickelt. Die Erarbeitung eines Leitfadens zur Ent-Pathologisierung gesellschaftlicher Probleme und struktureller Gewalt ist für mich Teil einer Arbeit der Wiederaneignung und des Empowerments von Menschen, die vielfältige Formen Gewalt erfahren haben.

Ariane Brenssell ist Psychologin und Politikwissenschaftlerin. Sie hat lange beim Verein Lara e.V. gegen sexuelle Gewalt gearbeitet und lehrt an der Hochschule Ludwigshafen.


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