Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Touren durch Kapstadt. Interview mit Yazir Henri, Leiter des Direct Action Centre for Peace and Memory

Nach Jahren des militärischen Kampfes in der Befreiungsbewegung, nach Folter, Gefängnis und Verleumdung als Verräter – wie kommt es, daß Du nicht bei privaten Sicherheitsfirmen oder Gangstern gelandet bist, wie viele Ex-Kombattanten, sondern ein Zentrum für Frieden und Erinnerung gegründet hast?

Die Antwort ist schwierig und komplex. Die ersten Jahre nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis waren furchtbar. Das einzige, was mich in dieser Zeit am Leben hielt, war meine Wut. Sie war so stark, daß ich mir sagte, nein, ich laß mich nicht zerstören, ich geh daran nicht kaputt. Einmal habe ich in einem furchtbaren Schuhladen ein paar Stunden pro Woche gearbeitet und wurde wie der letzte Dreck behandelt. Da dachte ich, mein Gott, ich bin ein militärischer Offizier, die Leute sollten Respekt vor mir haben. Ich konnte keine guten Jobs finden, weil ich die Schule nicht beendet hatte und all meine Qualifikationen in der Armee wurden nicht anerkannt. Der Staat wollte mich umbringen, meine eigenen Leute wollten mich umbringen, wo sollte ich hin? Und da dachte ich, ich laß das nicht zu und bin wieder zur Schule gegangen. Obwohl ich die Selbstzerstörung sehen und fühlen konnte und ich körperlich zusammenbrach.

Ich suchte nach therapeutischer Unterstützung, aber es half nicht viel. Sie haben mich nicht als ganzen Menschen wahrgenommen, wollten sich nur mit Teilen meiner Erfahrungen beschäftigen. Denn in einem Kontext wie Südafrika sind Therapeuten meistens Weiße, die historisch keine Verbindung haben zu dem, was Du erfahren hast, die keine Vorstellung haben von traumatischen Erfahrungen und der sozialen Realität und die oft auch noch schlecht ausgebildet sind. So waren diese Therapiekontakte eher eine weitere destruktive Erfahrung, die mir nicht geholfen haben, wieder in soziale Zusammenhänge zurückzukehren. Der Wendepunkt war für mich meine Aussage vor der Wahrheitskommission, das Durchbrechen der Isolation und der Privatisierung der Zerstörung. Die öffentliche Anerkennung, daß ich nicht der einzige bin, der krank ist und daß es nicht meine Schuld ist, die Rehabilitierung meines Namens sowie der Kontakt mit anderen, denen es ähnlich ging. Gemeinsam begannen wir, wieder Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und die Spirale der nutzlosen, selbstzerstörenden Schuldzuweisungen zu überwinden und nach eigenen Ressourcen zu suchen. Sicher, wir haben furchtbares erlebt, aber wir sind Menschen, die an einem historischen Prozess teilgenommen haben, die ihn beeinflußt haben. Ohne uns gäbe es keinen Wandel.

Welche Rolle spielen die ‚memory tours’, die Stadtführungen in diesem Prozess?

Die Touren sind sehr wichtig. Wir wollten uns ins Leben zurückbringen. Wir waren gesellschaftlich vergessen, unsere Erfahrung existierte nicht in einer Öffentlichkeit, die glauben gemacht wurde, nur auf Robben Island (der Gefängnisinsel, auf der Nelson Mandela Jahrzehnte verbrachte .U.M.) hätten Trauma und Widerstand stattgefunden Und wir hatten kein Geld. Die Touren verhalfen uns zu Einkommen und sie verhalfen unseren Geschichten zum Leben. Und damit uns selbst. Vier Elemente sind dabei sehr wichtig: Erstens die Bewegung. Wir sitzen nicht in einem Kontext, der von der sozialen Realität getrennt ist. Zweitens der zwischenmenschliche Kontakt. Eine Bewegung von Körpern über Raum und Grenzen hinweg. Drittens der Prozess der Erzählung, der Zeugenschaft selbst. Was wird wo wie erzählt. Und viertens das Zuhören, das der Erzählung Respekt und Würde verleiht, das versucht zu verstehen und zu lernen. All dies zusammen bringt Prozesse in Gang, die nicht möglich wären in einem sozialen Kontext, der diese Geschichten für unwichtig hält. Prozesse, die uns auch halfen, mit unseren traumatischen Erfahrungen umzugehen. Die letzten 5 Jahre habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, zu ergründen, was Trauma ist, was es bedeutet, welche Folgen es hat, wie es das Leben verändert. Ich weiß, daß Leute, die traumatisiert wurden, darum kämpfen, zu begreifen, aber die Fachwelt steckt uns in Schubladen und will uns heilen. Für mich war es sehr wichtig zu verstehen, daß ich nicht krank bin, sondern meine Erfahrungen ein direktes Ergebnis des Traumas sind. Ich habe mich in Vorlesungen über posttraumatische Belastungsstörungen gesetzt und gehört, daß man eigentlich nicht weiß, wie man heilen kann, ob Psychotherapie hilft. Daß es um tiefsitzende Erinnerungen geht, verschiedene Schichten und Teile von Erinnerungen, die abgespalten und verdrängt sind. Und ich habe beobachtet, daß das, was wir tun, diese Teile ins Bewußtsein zurückbringt, sie wieder zusammenfügt. Es nimmt uns nicht die Erfahrung, aber es hilft uns, sie in einen Kontext von Respekt zu bringen, der uns wieder zu Akteuren macht. Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig das ist und ich habe gesehen, wie es mich und meine Kollegen wieder aufgerichtet hat, wie es Leute verändert hat, die Selbstmordkandidaten waren und als psychiatriereif galten. Ich bedauere nur, daß wir diesen Prozess nicht genau genug dokumentiert haben.

Welche gesellschaftliche Bedeutung hat Eure Arbeit?

Mit unseren Touren überschreiten wir historische und geographische Grenzen, die in dieser Stadt existieren, aber wir verbinden auch die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit mit der Fortexistenz von Gewalt und Trauma in der Gegenwart. Wir schaffen ein Bewußtsein darüber, wie die Stadt in verschiedene Zonen von Krieg und Frieden aufgeteilt ist, von Trauma und Nicht-Trauma, von Wohlstand und Armut, die weiter existieren. Wenn wir in die communities gehen, an die Orte der Gewalt, dann reagieren die Leuten dort, dann werden diese Orte lebendig. Wenn wir zum Beispiel vor einem Baum stehen und der 7 Menschen gedenken, die dort brutal umgebracht wurden, kommen Leute auf uns zu und sagen, nie hätten sie gehofft, daß jemand hierherkommen und diese Geschichte erinnern würde. Eine Geschichte, die sie selbst gesehen und nie mehr vergessen hätten. Die ihr Leben verändert hat. Sie bestätigen uns in unserer Arbeit und fühlen sich selbst als Menschen respektiert, deren Geschichte nicht vergessen wurde. Als wir das erste Mal im Fernsehen waren, brauchten wir zwei Tage Nachbesprechung, so sehr hat uns das aufgewühlt. Es gab uns den sozialen Respekt zurück und wir konnten plötzlich sehen, daß wir die Erinnerung der Menschen beeinflußten, daß wir wieder Geschichte machten.

Das Gespräch führte Usche Merk

Deutschland, 23. September 2002: Nach seinem Abschied von medico wird unser Freund Yazir Henry auf dem Frankfurter Hauptbahnof polizeilich sistiert. Er muß mit gehobenen Händen 45 Minuten lang an der Wand stehen. Begründung: keine.


Ein neues Bild von Kapstadt

Direct Action Centre for Peace and Memory

Das Kapstadter Zentrum wurde von einer Gruppe von ehemaligen Soldaten der Befreiungsbewegung gegründet. Der Initiator des Projekts, Yazir Henri, hat selbst eine in vielen Bereichen typische Biographie der militanten Jugendlichen aus den 80er Jahren, die sich in den 90er Jahren plötzlich als »verlorene Generation« wiederfanden, von deren Erfahrungen niemand mehr etwas wissen wollte. Mit 15 hat er sich der Befreiungsbewegung angeschlossen und ist ins Exil gegangen, wurde in Moskau ausgebildet, an der Front in Angola eingesetzt und mit 19 für eine Militäroperation nach Südafrika zurückgeschickt – wo er verhaftet wurde. Nach einem Jahr Gefängnis mit schwerer Folter, in deren Verlauf er vor die Alternative gestellt wurde, entweder einen Genossen zu verraten oder seine Mutter und Schwester zu verlieren, wurde er mit dem von der Sicherheitspolizei gestreuten Gerücht entlassen, er habe seinen Comrade verraten (der ums Leben kam) und würde mit den Sicherheitskräften zusammenarbeiten. 5 Jahre lang lebte er in Angst vor den eigenen Genossen zurückgezogen und einsam. Erst die Wahrheitskommission gab ihm die Möglichkeit, seine Geschichte öffentlich zu erzählen und um Aufklärung der Verleumdung gegen ihn zu bitten. Mit mit anderen ehemaligen Befreiungskämpfern, die extrem traumatische Erfahrungen durchlitten hatten, gründeten sie eine Gruppe, in der sie verschiedene Interessen verbinden wollten: Sich selbst allmählich vom Schrecken der Erfahrungen zu befreien, gegen die gesellschaftliche Negierung ihres Beitrags die Erinnerung an die ausgetragenen Kämpfe und das damit verbundene Leid als historisches Bewußtsein wachzuhalten, und einen Ausweg zu finden aus der sozialen Hoffnungslosigkeit durch einkommenschaffende Projekte. Sie fingen an, Stadtführungen durch die Vorstädte und Townships von Kapstadt zu organisieren: auf den Spuren der Apartheidgeschichte – hin zu konkreten Orten, die die Apartheid exe­kutierten (wie die ehemalige Paßbehörde), Orten, an denen Massaker stattfanden, an denen sie selbst gekämpft hatten, an denen Freunde verhaftet wurden. Zielgruppen dieser »memory« Touren sind Touristen aber auch südafrikanische Schüler und Studenten, besonders Weiße, die kaum etwas von der jüngsten Geschichte ihres Landes wissen. Daneben engagiert sich die Gruppe zusammen mit Angehörigen der Ermordeten für würdige Gedenksteine und Mahnmale an den Orten des Geschehens und für eine lebendige, subjektbezogene und nicht legitimatorische Erinnerungspolitik.

Nachdem die Gruppe fast 3 Jahre lang ohne Hilfe von außen sozusagen von der Straße aus ihr Projekt organisierten, hat medico seit 2 Jahren mit einer Unterstützung angefangen, die dem Projekt Luft verschaffen soll, aus der prekären Situation herauszukommen. Nicht zuletzt, weil die Erfahrungen dieses zwar kleinen, aber sehr innovativen Projekts konzeptionell für Südafrika und die Arbeit mit Ex-Kombattanten eine große Bedeutung hat. Wer nach Kapstadt kommt und eine Tour mitmachen will, findet Infos unter: Wcat@iafrica.com

Das Spendenstichwort: »Südafrika«

Seit eineinhalb Jahren arbeitet eine junge weisse Südafrikanerin beim Direct Action Centre mit, die sich als Sozialwissenschaftlerin und als Jüdin deutscher Herkunft seit längerem mit Erinnerung und Identität auseinandergesetzt hat und jetzt einen sehr spannenden Austausch mit der Gruppe begonnen hat – auch über »weisse« Identitätsbildung und Verantwortung in Südafrika.


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