Zyklone, Dürren, Überschwemmungen

Ein Jahr nach den verheerenden Wirbelstürmen kämpft Südostafrika weiterhin mit den Folgen. In Mosambik setzen sich medico-Partnerorganisationen für Ernährungssicherheit, bäuerliche Selbstbestimmung und eine andere Lastenteilung angesichts des Klimawandels ein. Ein Interview mit Anne Hamdorf.

medico: Vor einem Jahr haben die Wirbelstürme Idai und Kenneth erheblichen Schaden in Mosambik angerichtet. Wie ist dein Eindruck von der gegenwärtigen Situation?

Anne Hamdorf: Während meiner Reise im Januar 2020 hatte ich die Möglichkeit, mit unseren Partnerorganisationen mehrere Tage in Beira, wo Idai auf Land getroffen ist, und in Chimoio zu verbringen, das in Zentralmosambik inmitten der Sturmschneise liegt. Aufgrund der geografischen Lage gestaltet sich die Situation sehr unterschiedlich. Grundsätzlich bestätigen unsere Partner*innen, dass viele Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen stattgefunden haben. Allerdings sind von dem finanziellen Bedarf ein Jahr nach der Katastrophe weit weniger als fünfzig Prozent gedeckt. Auch kommt der Wiederaufbau von Häusern, Schulen und dem Gesundheitssystem nur sehr schleppend voran. Erschwert wird das Ganze, weil weiterhin Extremwetter herrschen: Auf Überschwemmungen folgen Phasen extremer Dürre und so weiter. Eine große Herausforderung besteht deshalb darin, die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen wiederherzustellen. Siebzig Prozent der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft steht auch im Arbeitsfokus der medico-Partnerorganisationen ADECRU und UNAC. Welchen Einfluss hatte die Naturkatastrophe auf ihre Arbeit?

Im ersten Schritt ging es darum, die Krise zu bewältigen und die Menschen zu befähigen, ihren Anbau und die Produktion wieder in Gang zu bekommen. So haben die Partner*innen bäuerliche Communities mit Saatgut und Materialien zur Wiederherstellung ihrer Häuser und Gemeindezentren unterstützt. Insbesondere für UNAC, die landesweite Interessenvertretung von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, war und ist das bis heute eine große Herausforderung. In der Landwirtschaft setzen die Menschen besonders stark auf Erfahrungswissen und traditionelle Anbauweisen. Durch die Stürme, Überschwemmungen und Dürren funktionieren diese in Teilen nicht mehr. Vieles muss neu gedacht werden. Doch es gibt auch leise Anzeichen der Hoffnung. In manchen Regionen hat die Verteilung von Saatgut den Menschen wieder eine Perspektive gegeben. Wir konnten gut gedeihende Maisfelder sehen.

Wie ist die Situation bei dem vor allem in Zentralmosambik tätigen Verein ADECRU?

ADECRU ist ein von engagierten Student*innen aus ländlichen Regionen ins Leben gerufener Verein mit rund 4.500 Aktivist*innen. Leider ist ADECRU momentan aufgrund politischer Konflikte und bewaffneter Auseinandersetzungen in dieser Region in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Der Schwerpunkt liegt neben der Stärkung der Rechte von Kleinbäuerinnen und -bauern darin, die Auswirkungen von Megaprojekten auf die Landwirtschaft zu thematisieren. Das ist gerade jetzt besonders wichtig: Denn nach Naturkatastrophen ergreifen AgrobusinessKonzerne oft die Gelegenheit, sich landwirtschaftliche Flächen anzueignen. Sie nutzen die Schwäche des Staates aus, der mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert ist und die Folgen der Privatisierungen, nämlich großflächig angebauter Monokulturen, billigend hinnimmt. Auch deshalb ist es so wichtig, die kleinbäuerliche Produktion schnell wieder hochzufahren.

Du hast bislang über den materiellen Wiederaufbau gesprochen. Bedarf es auch eines „psychosozialen Wiederaufbaus“?

Ja, angesichts der traumatisierenden Erfahrungen mit den Wirbelstürmen und Extremwettern ist das enorm wichtig. Viele Menschen haben ja nicht nur ihre materielle Existenzgrundlage, also Häuser und landwirtschaftliche Anbauflächen verloren, sondern auch Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde. Katastrophen dieses Ausmaßes bedeuten immer auch enormes Leid. In Beira konnte ich eine der Basisgruppen des Frauennetzwerks GMPIS besuchen. Es gab eine bemerkenswerte Offenheit, über die traumatisierenden Erlebnisse zu reden. Mich haben die Formen der Bewältigung über Theater oder die Herstellung von bestimmten Gesprächssituationen beeindruckt. Geriet zum Beispiel eine Frau bei ihrer Erzählung ins Stocken, haben die anderen einen Gesang angestimmt, um sie zu unterstützen. GMPIS ist keine institutionalisierte Organisation, sondern versteht sich als Netzwerk. Die Aktivistinnen fordern das Mitbestimmungsrecht von Frauen bei den Wiederaufbaumaßnahmen rund um die Stadt Beira ein. Immer wieder fordern sie auch die Stadt- und Provinzregierungen heraus. Da allerdings bei vielen Mitgliedern die wirtschaftliche Existenzgrundlage weggebrochen ist, geht es auch darum, neben der Landwirtschaft einkommensschaffende Alternativen aufzubauen. Zudem beschäftigen sich die Aktivistinnen damit, wie sich die verheerenden Folgen künftiger Naturkatas- trophen, vor allem für Frauen, verhindern lassen.

Wie sehr wird die lokale Katastrophe als Folge des globalen Klimawandels eingeordnet?

Allen ist bewusst, dass Mosambik und andere Länder des globalen Südens die Auswirkungen des Klimawandels zu tragen haben, obwohl sie ihn nicht verursacht haben. Doch die Menschen können nicht auf Hilfe oder einen internationalen Mechanismus warten, der die Folgen der Klimakrise abfedert. Sie müssen selber handlungsfähig sein und bleiben. Deshalb spielt die Arbeit unserer Partnerorganisationen, die die Kleinbäuerinnen und -bauern bei der Klimaanpassung unterstützen, eine wichtige Rolle. Klimaanpassung bedeutet: unterschiedliche Anbauflächen, unterschiedliches Saatgut, Diversifizierung der Produktion, um auch im Notfall Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig kritisieren sie, dass der globale Norden als Hauptverursacher noch immer Maßnahmen verhindert, welche die gravierenden Folgen für arme Länder verlangsamen oder gar abmildern könnten. UNAC spricht von einer Externalisierung der Verantwortung für die Klimakrise. Widerstandsfähiges Bauen mag aktuell das Gebot der Stunde sein. Doch wie nachhaltig kann das auf lange Sicht sein? Luis Muchanga von UNAC sagt es so: „Ich kann widerstandsfähigere Häuser bauen. Aber an einen Wirbelsturm werde ich mich nicht anpassen können.“  

Die Fragen stellte Philipp Wehner.

Als Koordinatorin der medico-Nothilfeprojekte hat Anne Hamdorf seit den Sturmkatastrophen im Frühjahr 2019 mehrfach Partner*innen in Südostafrika besucht.

Veröffentlicht am 13. Mai 2020

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