Zwanghafte Modernisierung

Chile: Eine Reise durch das Mapuche-Gebiet

 

Der Journalist Gerhard Dilger ist für medico in die Mapuche-Region gereist, in der wir Nothilfemaßnahmen unseres langjährigen Projektpartners CODEPU nach dem großen Erdbeben im Februar 2010 förderten. Aus einer Projektbesichtigung wurde eine Reise in die Tiefen des Konflikts, in dem die Mapuche immer noch um die Realisierung ihrer Grundrechte kämpfen. Sie haben mächtige Gegner. Denn in der Mapuche-Region geht der ungebremste kapitalistische Raubbau an der Natur vor allen Dingen auf ihre Kosten.

Südchile im Sommer. Die unasphaltierte Küstenstraße windet sich durch die hügelige Landschaft. Zur Linken lugt immer wieder der tiefblaue Pazifik hervor, landeinwärts bestimmen großflächige Eukalyptusplantagen und Kiefernwälder das Bild. Dann gerät der Küstenort Tirúa in den Blick. Das Dorf mit seinen einfachen Holzhäusern, 200 Kilometer südlich von Concepción, beherbergt nur ein Viertel der 10.000 Bewohner der Gemeinde. Die meisten von ihnen gehören der mit rund einer Million Mitgliedern bedeutendsten ethnischen Minderheit Chiles an, den Mapuche.

Vor über einem Jahr wurde das Dorf von den Ausläufern des schweren Erdbebens erfasst: Drei Flutwellen drangen über die Flussmündung herein und schwemmten 35 Holzhäuser weg. Dort stehen bis heute Notunterkünfte. Tote waren keine zu beklagen, doch Dutzende Fischerfamilien verloren ihre Ausrüstung.

Zu ihnen gehört auch Jorge Díaz, der mit Frau und sechs Kindern ein ärmliches Holzhaus direkt an der Landstraße Richtung Concepción bewohnt. "200.000 Pesos (gut 300 Euro) waren meine Netze wert", klagt der Mann mit dem grauen Schnurrbart, während er mit seinen Söhnen ein Netz flickt. Seither sei es nur langsam aufwärts gegangen. Doch dann erschütterte Anfang Januar wieder ein Beben die Küste und rückte das 17 Jahre alte Haus mehrere Zentimeter seewärts über die zahlreichen Beton- und Holzpflöcke, die nun bedenklich schief im Grund stecken. Gloria Colipi, die rührige Allroundaktivistin der Menschenrechtsgruppe CODEPU, sieht sich das Malheur an.

Die 34-jährige Sozialarbeiterin sorgt dafür, dass beim Bau und der Renovierung von 20 Häusern in Tirúa mit medico-Spendengeldern alles nach Plan läuft. Mit Díaz und seiner Frau geht sie den Kostenvoranschlag durch, der neue Zinkblechverkleidungen, Pflöcke, Holzbretter und Türen umfasst - zwei einheimische Zimmerleute werden die Renovierungsarbeiten übernehmen. Noch sind sie allerdings bei der Familie Guanupil im südlichen Teil der Gemeinde tätig.

Statt Araukarien nur Eukalyptus

Der Feldweg zu ihnen führt über sanfte Hügel an stattlichen Landgütern vorbei, an gelb leuchtenden Ginstersträuchern und an Brachland, wo früher einmal dichter Primärwald voller Araukarien stand. Von den Urwaldriesen zeugen nur noch verkohlte, in den Himmel ragende Stammreste. Danach wurde hier Eukalyptus angepflanzt, sagt Gloria, die selbst aus dem nördlichen Teil der Gemeinde stammt, gut 30 Kilometer entfernt.

Das Ehepaar Juan und Lidia del Carmen Guanupil wohnt zusammen mit zwei Töchtern und vier Enkeln auf 18 Quadratmetern, die gerade repariert werden. "Dieses Land gehörte bereits meinen Urgroßeltern", sagt das 63-jährige Familienoberhaupt Juan. Doch während der Pinochet-Diktatur (1973-90) hatten sich in der Region große Forstkonzerne auf dem Mapucheland eingenistet, die Guanupils wurden in den Ort abgedrängt. 1998 schließlich, als die Indigenen in ganz Südchile wieder selbstbewusster auftraten, besetzten sie ihr Land wieder.

"Nach langem Kampf, haben wir es vom Staat zurückbekommen", erzählt Juan Guanupil. "Seit letztem Jahr haben wir sogar fließendes Wasser", sagt er stolz, "früher mussten wir eine halbe Stunde zum nächstgelegenen Brunnen laufen". Gekocht wird mit Gas, Strom liefert ein Dieselgenerator. Ein Schulbus bringt die Kinder ins Dorf. Die Modernisierung erfasst auch die abgelegensten Landstriche Tirúas, laut Statistik immer noch eine der ärmsten Kommunen Chiles. Heute baut die Kleinbauernfamilie auf einem Hektar Kartoffeln an, dazu Bohnen, Erbsen und Paprika. Zwei Gänse und ein paar Hühner sausen aus einem kleinen Holzschuppen. Hin und wieder wird ein Eukalyptusbaum vom Rande des Grundstücks an die Forstmultis verkauft, dafür gibt es sogar staatliche Fördergelder. Die Guanupils überleben eher schlecht als recht. So ruhen die Hoffnungen auf Enkeltochter Ismenia, 14. Das schüchterne Mädchen ist eine gute Schülerin, soeben hat sie ein Stipendium für ein katholisches Internat erhalten.

Keine Förderung mehr

NGOs wie medico springen dort ein, wo eigentlich der chilenische Staat gefordert wäre. Unter der rechten Regierung in Santiago geht das Engagement für die Mapuche wieder zurück. Ein Beispiel: Unter Michelle Bachelet gab es in Tirúa ein Programm zur Wiederbelebung der traditionellen Mapuche-Heilkunde. Westlich ausgebildete Ärzte und "machis", traditionelle Heilerinnen, arbeiteten dabei zusammen. Damit ist es vorbei.

Einer, der die CODEPU-Arbeit diskret unterstützt, ist Adolfo Millabur, 44, ein alter Hase nicht nur der Lokalpolitik. 1996 wurde der zierliche Mann mit dem wachen Blick zum ersten Mapuche-Bürgermeister Chiles gewählt, zwölf Jahre lang führte er die Geschicke der Gemeinde. Er gehört zu einer ganzen Generation der indigenen Politiker, die pragmatisch die Freiräume genutzt haben, die sich ihnen nach dem Ende des Pinochet-Regimes eröffneten.

Tirúa wurde zu einem Zentrum einer neuen, offenen, als "Bewegung" konzipierten Mapuche-Organisation für alle indigenen Küstenbewohner, der "Territorialen Lafkenche-Identität". Durch jahrelange Lobbyarbeit gelang es den Aktivistinnen und Aktivisten, das chilenische Parlament zur Annahme eines Gesetzes "zum Schutz des Urvölker-Küstenraums" zu bewegen. Das war 2008, aber bis heute sind keine Ausführungsbestimmungen verabschiedet worden, vor allem die Marine stellt sich quer.

Illusionslos zieht Millabur Zwischenbilanz. Einen Durchbruch für die Mapuche hätten auch die 20 Jahre unter den Christ- und Sozialdemokraten nicht gebracht: "Das Misstrauen sitzt tief, das hat historische Gründe. Hier gibt es die Opposition zwischen 'Chilenen' und 'Mapuche', ganz anders als etwa in Bolivien, wo sich jeder Indígena selbstverständlich als Bolivianer fühlt. Hier ist der Krieg, der vor 130 Jahren mit dem Sieg der Chilenen endete, noch nicht ad acta gelegt."

Im Interesse der Forstkonzerne

Auch für einen Bruch mit der Pinochet-Ära fehle dem Establishment der "politische Wille", meint er. Bis heute ist die Verfassung aus dem Jahr 1980 in Kraft. Rechte für die indigenen Völker, die sonst überall in Amerika zumindest auf dem Papier stehen, wurden bei diversen Reformen ignoriert. "In den Schulen wird die Sichtweise der chilenischen Führungsschicht verbreitet", sagt Millabur, "viele Junge glauben heute, die Diktatur war die Schuld der Leute, die zuviel verlangt haben".

Auch deshalb ist das Menschenrechtsprojekt so wichtig, das Gloria Colipi und das CODEPU-Team in Santiago gerade abschließen: Es wird ebenfalls von medico gefördert. Über mehrere Jahre hinweg befragte sie Einwohner aus Tirúa, die unter dem Pinochet-Regime politisch verfolgt wurden.

Etwa Osvaldo Millahual, 54, der damals in der Gruppe Admapu aktiv war, mehrmals verhaftet wurde und bis heute politisch aktiv geblieben ist. Besonders bedrückt ihn die "Invasion" durch die Forstkonzerne: Die Monokulturen ließen die Grundwasserspiegel sinken, es gebe immer weniger medizinische Pflanzen. "Wir leben doch von der Mutter Erde, ohne Erde bin ich nichts", sagt er.

"Der Staat hält den Forstkonzernen immer noch mit denselben Methoden wie in der Diktaturzeit den Rücken frei", findet Millahual, "wenn sich die 'peñis', die Brüder, erheben, dann kommt die Repression". Andererseits bestreitet er nicht, dass es in den letzten Jahrzehnten auch Fortschritte gegeben hat: "Die Wege sind besser geworden, auch die Häuser, es gibt keine Rattenlöcher mehr."

Wikileaks enthüllt Diffamierung

In den letzten 15 Jahren ist der Widerstand gegen den Raubbau militanter geworden, radikale Mapuche der "Coordinadora Arauco Malleco" (CAM) haben wiederholt Lastwagen der Forstkonzerne in Brand gesteckt. Der Staat schlägt mit einem Antiterrorgesetz Pinochets zurück, das mittlerweile noch verfeinert wurde. Und Wikileaks-Depeschen zeigen, dass Bachelets Innenminister die USA darum bat, eine Verbindung zwischen den Mapuche und der kolumbianischen FARC-Guerilla zu konstruieren. Obwohl der US-Botschafter die Lage ganz nüchtern beurteilte, hielt sich die Version über die angebliche Terrorismus-Connection hartnäckig in den Medien.

Millahual wohnt im Norden der Gemeinde, ganz in der Nähe des Lleu-Leu-Sees. Auf einem Garagentor in der Nähe wird der "bewaffnete Kampf" gegen eine geplante Eisen- und Magnetitmine proklamiert. "Die Minenkonzessionen, die schon seit Jahren im Gespräch sind, bedrohen und spalten uns", sagt der erfahrene Aktivist, "es wird Auseinandersetzungen geben".

Auf dem Spiel steht der 40 Quadratkilometer große See, der durch das Bergbauprojekt auf der gegenüberliegenden Seite des Ufers verseucht würde. Schon jetzt ziehen sich dort riesige Kiefernplantagen über den Hang. Dennoch, der See selbst ist nahezu unberührt: Vor Jahren haben die Einheimischen ein Lachszuchtprojekt verhindert. Stattdessen setzen sie auf nachhaltigen Tourismus.

In dieser Idylle wohnt Gloria Colipi. Auch wenn ihr die Aktivitäten der CAM-Leute nicht geheuer sind, solidarisierte sie sich letztes Jahr mit dem monatelangen Hungerstreik politischer Häftlinge und beteiligte sich an einem Protestmarsch in die Provinzhauptstadt Temuco. "Am Ortseingang wurden 32 von uns verhaftet, acht Stunden lang auf einer Polizeiwache festgehalten, sie haben uns beschimpft, bedroht, sie wollten uns einschüchtern", erinnert sie sich. Dass ihr Handy abgehört wird, kann sie sich gut vorstellen. In ihrem Engagement für CODEPU bestärkt sie das eher noch: Das Oral-History-Projekt soll nun auf die Zeit vor und nach der Diktatur ausgeweitet werden.

Zwanghafte Modernisierung

Viele weiße Chilenen verstehen nicht, dass sich die Indígenas nicht mit Verbesserungen ihres Lebensstandards zufriedengeben wollen, oder mit den Landrückgaben, die durchaus weitergehen. Der Mapuchekenner José Bengoa stellt den Konflikt seit den 1990ern in den Kontext einer "zwanghaften Modernisierung". Es wachse der Wohlstand, aber eben auch die Ungleichheit. "Praktisch alle traditionellen Formen des Zusammenlebens" in Chile würden dabei zerstört, ein tiefes Unbehagen sei die Folge.

Zugleich bewegen sich die Jüngeren wie selbstverständlich zwischen Stadt und Land hin und her, zwei Drittel der Mapuche wohnen in den Städten. Und je höher das Bildungsniveau, desto mehr Anziehungskraft entfaltet der ethnisch inspirierte, aber sehr moderne Entkolonialisierungsdiskurs, den die akademisch aus gebildete Führungsschicht der Mapuche entwickelt hat.

Mit Geld allein sei dieser komplexe Konflikt, die "Spirale der Verständnislosigkeit und der Gewalt" sicher nicht zu lösen, mahnt Bengoa. Vom Staat fordert er statt der juristischen eine politische Auseinandersetzung. Doch der geht den Mapuche nur millimeterweise entgegen: So wurden 17 Angeklagte, die wegen einer angeblichen Attacke auf einen Staatsanwalt in Tirúa fast zwei Jahre in Untersuchungshaft saßen, jetzt allesamt vom Terrorismusvorwurf freigesprochen, vier Führungsmitglieder der CAM sollen allerdings nach einem dubiosen Prozess zu Haftstrafen verurteilt werden.

"Es wäre schön, wenn wir uns nicht immer nur verteidigen müssten, gegen die Justiz, die Regierung, die Forstkonzerne, den Bergbau", sagt Adolfo Millabur. "Wir müssten wieder in die Offensive kommen, zum Beispiel in der Debatte um eine neue Verfassung, die jetzt langsam beginnt." Wie soll das gehen, wo doch die Mapuche alles andere als einig sind? Millabur bleibt optimistisch: "Uneins sind wir manchmal über die Methoden, aber die Geschichte mit dem Hungerstreik hat uns auch zusammenrücken und den Konflikt sichtbar werden lassen."

Gerhard Dilger

Projektstichwort

Seit Mitte der 1980er Jahre unterstützt medico kontinuierlich die Arbeit der chilenischen Menschenrechtsorganisation CODEPU. Neben ihrem Einsatz für die juristische, gesellschaftliche und psychosoziale Aufarbeitung der Diktaturverbrechen hat CODEPU die Verteidigung von Minderheitenrechten immer als Arbeitsschwerpunkt gesehen. Daraus entstanden ist eine langjährige Arbeit mit den Mapuche. Daran haben die Nothilfemaßnahmen nach dem Erdbeben im Februar 2010, die von medico gefördert wurden, angeknüpft. Diese Arbeiten können Sie unterstützen unter dem Stichwort: Chile.

 


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