Nachruf

Zum Tod von David Sanders

David Sanders (1945-2019. (Foto: PHM)
Plötzlich und unerwartet verstarb mit 74 Jahren der langjährige Co-Vorsitzende und Mitgründer des People’s Health Movements, Prof. David Sanders.

Es ist eine traurige Pflicht, nach weniger als einem Jahr einen zweiten Nachruf für eine der Schlüsselpersonen des People’s Health Movement nach dem Tod von Amit Sengupta im vergangenen November 2018 schreiben zu müssen.

Aber zugleich ist es auch ein Privileg, einen der engagiertesten Kämpfer aus dieser globalen Bewegung über viele Jahre gekannt und in der gemeinsamen Arbeit von seinem Wissen und seinen kritischen Reflektionen über den Zustand der Globalen Gesundheit profitiert zu haben.

David Sanders war einer der wichtigsten und bis zuletzt hör- und sichtbarsten Vertreter des umfassenden Primary Health Care Konzepts, von dem sich auch medico international in den 70er Jahren inspirieren ließ und das darauf beharrt, dass Gesundheit keine Sache allein von Fachleuten, Medikamenten und Versorgungssystemen ist, so notwendig diese Elemente für kranke Menschen sind. Sondern dass es um Rechte, um Mitsprache für Gemeinden und Betroffene geht und um die sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen, die Ungleichheit, Ausschluss und Armut produzieren. Und die sich ändern müssen, wenn „Gesundheit für Alle“, wie es die Weltgesundheitsorganisation und ihre Mitgliedsstaaten in ihrer Alma Ata Deklaration von 1978 forderten, keine utopische Träumerei bleiben soll.

Die Wege von medico international und David Sanders kreuzten sich schon lange vor der Gründung des PHM im Jahr 2000 beim International People’s Health Council, eines der 8 Gründungsnetzwerke des PHM. Zu diesem hatten sich bereits 1991 viele der Gesundheitsaktivist*innen zusammengeschlossen, die medico unter anderem in Südafrika, Nicaragua, Guatemala, El Salvador, Mexico, in Palästina, in Bangladesch, Indien und den Philippinen kannte und unterstützte.

Damals war David Sanders bereits seit Jahren beim Aufbau eines Gesundheitssystems auf den Grundlagen dieser umfassenden Primary Health Care in seinem Heimatland Simbabwe beteiligt, dass sich nach dem erfolgreichen Befreiungskampf ab 1984 schnell zu einem weltweit anerkannten und funktionierenden Modell dieses Konzepts entwickelte.

Diese internationale Zusammenarbeit war Anfang der 90er Jahre umso wichtiger, als mit der Weltbank ein mächtiger neuer Akteur in der globalen Gesundheitspolitik die Ideen der Privatisierung und Kommerzialisierung von Gesundheitsdiensten propagierte. Und dies mit ökonomischem Druck in vielen Ländern des Globalen Südens im Zuge der globalen vermeintlichen Alternativlosigkeit einer westlich-kapitalistischen Weltordnung auch umgesetzt wurde.

Der gelernte Kinderarzt David Sanders war als anerkannter Experte für Gesundheit und Ernährung ein vielgefragter Experte in WHO Kommissionen und bei internationalen Konferenzen, hielt dieser globalen Gesundheitselite aber immer auch scharfe Kritik entgegen, wenn diese sich mit vermeintlich pragmatischen technischen Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme und ungerechte Strukturen auf nationalen wie internationalen Ebenen begnügte.

Seine wichtigen Publikationen The Struggle for Health (1979), Questioning the Solution (1997) und Fatal Indifference: The G8, Africa and Global Health (2004) sind ein genauer Ausweis davon und machen seine Analysen und Forderungen auch heute immer noch lesenswert.

Ab 1993 war er am Aufbau der School of Public Health an der University of Western Cape in Kapstadt, Südafrika beteiligt und leitete sie 16 Jahre lang bis 2009. Kurz vor seiner Emeritierung versammelten sich dort 2012 auf seine Einladung über 1000 TeilnehmerInnen aus 90 Ländern zur dritten People’s Health Assembly, er blieb auch danach noch bis zu seinem unerwarteten Tod im Leitungsrat und als Ko-Vorsitzender des PHM eine wichtige Stimme der Bewegung. Vor allem war er auch als einer der Schlüsselpersonen im Autoren- und Koordinationskreis des Global Health Watch 1 - 5, des regelmäßigen Alternativen Weltgesundheitsberichtes des PHM aktiv, ebenso wie er die Arbeit der Global Health Watcher in Genf begleitete, an deren Vorbereitung er noch im Mai diesen Jahres teilnahm und wo wir ihn zuletzt persönlich trafen.

Seine unermüdliche Leidenschaft für die Lehre und die Debatte sprang auch in Deutschland vielfach bei Einladungen zu unseren Medico Veranstaltungen beim Kongress Armut und Gesundheit auf die Zuhörer*innen über, so wie er auch vielen Studierenden an der Charité bei seinen Gastvorlesungen in Erinnerung bleiben wird.

In Erinnerung bleiben wird uns allen aber auch Davids große Lebensfreude, seine Leidenschaft für das Feiern nach dem offiziellen Programm auf den Podien und in den Workshops und sein nie versiegender Humor, der sich meistens in der alten Tradition des jüdischen Witzes äußerte, den er sich aus seiner Herkunftsgemeinde in Simbabwe bewahrt hatte. Und der dem Elend und der Ungerechtigkeit der existierenden Welt gegenüber darauf beharrt, dass diese nicht allein mit der Wut des gerechten Hass und Zorn, sondern ebenso mit dem subversiven Lachen der (noch) Ohnmächtigen beantwortet werden können.

Dieses Lachen werden wir nun für immer schmerzlich vermissen.

Im Namen von medico international:

Andreas Wulf, Berlin-Repräsentant von medico international


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