Zeit der Katastrophe – Das medico-Gespräch

Ein Gespräch über die Spendenflut nach dem Tsunami, die Kommerzialisierung der Barmherzigkeit und die Aufgaben einer politisch intelligenten Hilfe. Mit: Cornelia Füllkrug-Weitzel, Bettina Gaus, Claudia von Braunmühl und Thomas Gebauer

Bettina Gaus ist Journalistin, Cornelia Füllkrug-Weitzel Direktorin von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe, Claudia von Braunmühl Sozialwissenschaftlerin und Honorarprofessorin für Internationale Politik an der FU Berlin und Thomas Gebauer Geschäftsführer von medico international.


Auf die Flutwelle folgte die Spendenwelle. Niemals zuvor wurde so viel gespendet. Viele Religionen haben apokalyptische Visionen wie die Sintflut. Sind es diese archaischen Bilder, die die Spendenflut ausgelöst haben?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Es mag auch theologische Gründe geben. Viel handfester erscheinen mir aber andere Motive: Die Anwesenheit der Touristen, die uns die Katastrophe viel näher rückten. Man hatte das Gefühl, auch der eigene Nachbar hätte betroffen sein können. Die Medien: Das Leiden übermittelt sich im Gegensatz zu den humanitären Folgen von politischen und strukturellen Krisen ohne zeitliche Verzögerung, in Echtzeit sozusagen. Die Ohnmacht: Der Tsunami hat den Glauben daran, dass alles steuerbar sei, erschüttert. Gegen Ohnmachtsgefühle war Hilfsbereitschaft und Spenden eine Handlungsoption.

Bettina Gaus: Spendenbereitschaft ist zuerst Ausdruck von Mitgefühl. Und das ist umso höher, je mehr man sich mit dem anderen identifizieren kann. Das Mitgefühl mit jemandem, dessen Lebensumfeld von einer Nato-Bombe zerstört wurde, ist geringer als mit einem Menschen, der Opfer einer Naturkatastrophe wurde. Es geht um Schuld und Unschuld. Ersteren – soweit er nicht der Opposition angehört - macht man unterschwellig für die diktatorischen Verhältnisse mitverantwortlich. Da die Diktatur als Kriegsauslöser betrachtet wird, ist er in dieser Sichtweise selbst für seine Notlage verantwortlich. Das Katastrophenopfer ist dagegen vollkommen schuldlos.

Thomas Gebauer: Gefühle von Ohnmacht waren sicher zentral. Allerdings würde ich den Akzent ein wenig anders als Frau Füllkrug-Weitzel setzen. Die Ohnmacht rührte vielmehr aus dem Erleben struktureller Nöte, wie dem Hunger, der in der Welt herrscht, der Umweltzerstörung, den Kriegen, die allgegenwärtig und bestens dokumentiert sind, aber so hilflos machen. Alle sind gegen Krieg und Elend, doch wirken sie fast schon wie eine zweite Natur. Im Falle der Flutkatastrophe konnte man dagegen endlich handeln. Insofern ist die Reaktion auf die Flut zwiespältig. Man hilft dort, wo das Helfen einfach erscheint, und rechtfertigt darüber, nichts gegen die strukturellen Katastrophen unternehmen zu müssen.

War dieser Wettbewerb um Spendeneinnahmen noch Ausdruck von Mitgefühl oder schon ein Ergebnis einer kommerzialisierten Hilfsindustrie?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ja, es ist eine Kommerzialisierung der Hilfsbereitschaft zu beobachten, die ich aber auch nicht per se schlecht finde. Man muss genau hinschauen, worin mögliche Gefahren liegen. Dass unter den Medien ein regelrechter Wettstreit darum entbrennt, wer mehr Spendengelder einnimmt, hat auch die Unternehmen auf den Plan gerufen. Die öffentliche Darstellung und Werbung mit der eigenen Hilfsbereitschaft ist eine neue Dynamik, deren Folgen man für die Zukunft gut bedenken muss. Aber es ist doch schön, dass endlich einmal ein Wettbewerb darüber stattfindet, dass jeder ein guter Mensch sein will.

Thomas Gebauer: Nichts gegen das Engagement von Menschen. Bleibt Hilfsbereitschaft aber auf einer ausschließlich moralischen Ebene, ohne den politischen Kontext wahrzunehmen, in dem sie sich ereignet, wird Hilfe anfällig für vielfältige Formen von Missbrauch. Alle applaudierten beispielsweise der Deutschen Bank, dass sie 10 Millionen für die Tsunami-Opfer gespendet hat. Nur wenigen aber fiel auf, dass 10 Millionen, gemessen an den Steuerersparnissen, die Unternehmen wie der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren zugestanden wurden, nur Peanuts sind und bestenfalls der Imageaufbesserung dienen. Aus solcher Indienstnahme von Hilfe für eigennützige Zwecke resultieren große Probleme für die Hilfe selbst. Was geschieht, wenn sich die Spender nach einem Jahr verwundert die Augen reiben und feststellen, dass Hilfe für das Gegenteil dessen verwandt wurde, was sie eigentlich im Sinn hatten? Ich bin überzeugt, dass die Welt nicht an zuwenig Hilfe leidet, sondern an Verhältnissen, die immer mehr Hilfe nötig machen.

Claudia von Braunmühl: Ich war während des Tsunami auf der anderen Seite des indischen Ozeans, in Kenia. Dort war von Hilfe überhaupt nicht die Rede. Umso überraschter war ich über die Hilfsbewegung hier. Ich empfand manches als sehr bizarr. Dass viele glaubten, sie seien geeignete Helfer vor Ort. Oder dass der Verkauf des eigenen alten Plunders über eBay nun zur Hilfsleistung geadelt wurde.

Erleben wir jetzt nicht, nach aller Euphorie über die nie dagewesene Spendenbereitschaft, dass die immense Hilfe mehr Schaden anrichtet als nutzt?

Bettina Gaus: Ich möchte die Menschen und ihre Hilfsbereitschaft nicht kritisieren. Zu kritisieren wären die, die professionell damit zu tun haben. Sie sind auf einer recht billigen Schiene des Mitleids gefahren, um Geld zu sammeln. Das hat Folgen. Jeder weiß, dass das Spendenvolumen ebenso wie die Mittel der Entwicklungshilfe begrenzt sind. Diese Spendenwelle wird dazu führen, dass weniger Spenden und weniger staatliche Gelder für andere gute und langfristige Arbeit in Krisen zur Verfügung stehen, wo die dramatischen Bilder fehlen. Warum kein Mitgefühl für den Kongo? Mehrere Millionen Menschen sind dort in den letzten Jahren infolge des Bürgerkriegs ums Leben gekommen.

Claudia von Braunmühl: Entscheidend ist, was Hilfsorganisationen unternehmen, um die Spendenbereitschaft der Menschen intelligent zu machen. Man sollte nicht immer nur die Konto-Nummer präsentieren. Es muss vielmehr darum gehen, die Menschen über die Art des Helfens zu informieren. Deutlich zu machen, dass nicht jede Hilfe wirksam und hilfreich ist. Ja, dass sie Schaden anrichten kann. Man sollte den Scheinwerfer besser auf die Arbeit der Hilfsorganisationen richten.

Wie kann dem Vermarktungsdruck begegnet werden, der die NGOs zwingt, immer suggestivere Bilder einzusetzen, anstatt die Komplexität der Hilfe darzustellen?

Bettina Gaus: Die Zweckbindung von Spenden erscheint mir als ein Problem: für Tsunami-Opfer, für Kinder, für Hungernde. Diese Zweckgebundenheit verhindert politisch intelligente Hilfe. Die defensive Haltung der Hilfsorganisationen führt dazu, dass jeder glaubt, Hilfe sei etwas, dass jeder, der gute Absichten verfolgt, einfach so vor sich hintun kann. Dabei handelt es sich doch um ein sehr komplexes, richtig kompliziertes Handwerk, was die, die es tun, professionell tun müssen. Solange ich mir aber jeden Abend in der Tagesschau des Volkes Stimme anhören muss, die erklärt, ich will aber sehen, dass meine Spende eins zu eins dort ankommt und nicht für Verwaltungskosten verwandt wird, so lange wird es schwierig mit einer wirksamen und intelligenten Hilfe.

Claudia von Braunmühl: Überfordern Sie alle hier nicht die Akteure? Not- und Entwicklungshilfe sind auch eine Existenzgrundlage. In den jetzigen Zeiten der knappen Mittel und der Arbeitsplatzvernichtung ist die Logik der Ressourcensicherung sehr mächtig. Das ist ein einschränkender Faktor für die Idee einer politischen Hilfe, wie Thomas Gebauer sie vertritt. Ich finde, man kann die Akteure auffordern, die Ambivalenzen und Schwierigkeiten, Dilemmata und Hindernisse in ihrer Arbeit offen auszusprechen. Von ihnen aber zu verlangen, mit der größtmöglichen Zivilcourage diese auch noch anzugreifen, halte ich für eine Überforderung, wenn dies ein Risiko für die eigene persönliche oder organisatorische Existenz bedeutet.

Thomas Gebauer: Ich glaube, dass viele Spenderinnen und Spender sehr wohl etwas mit einem politischen Begriff von Hilfe anfangen können. Unklar ist jedoch, in welchem Maße eine solche kritische Öffentlichkeit wachsen kann. Dass trotz der medialen Tsunami-Dramatisierung dennoch viele nicht-zweckgebundene Spenden geleistet wurden, verweist immerhin auf ein kritisches Potential.

Bettina Gaus: Ich halte es für politisch gefährlich, die immanente Logik zu akzeptieren und darauf zu hoffen, sie akzeptierend verändern zu können. In den vergangenen 15 Jahren wurden alle Kriege und Militäreinsätze mit vorgeblichem Mitleid gerechtfertigt. Das galt für Kosovo, für Somalia, für Afghanistan, sogar für den Irak.

Thomas Gebauer: Die immanente Logik des Geschehens zu akzeptieren, hieße zuzulassen, dass die Hilfe endgültig aus ihrem sozialen Kontext herausgelöst wird und zur Ware verkommt. Stattdessen bedeutet Helfen mehr und mehr nur noch einen technischen Vorgang, die Bereitstellung von Hilfsgütern, die Vermarktung einer scheinbaren Effizienz...

Cornelia Füllkrug-Weitzel: ...Das ist richtig. Nur fürchte ich, dass man die Tendenz zur Kommerzialisierung nicht wirklich zurückdrängen kann. Man muss das zur Kenntnis nehmen und sich auch gewissen Zwängen beugen. Gleichzeitig darf man die eigene Art der Hilfe, die Kontexte berücksichtigt, sich am Bedarf und am Menschen orientiert, nicht aufgeben.

Thomas Gebauer: Vielleicht ist es längst nicht mehr die Frage, inwieweit man sich den Marktmechanismen beugt und wo man sie kritisiert. Die Gefahr ist, dass gerade jene Hilfsorganisationen, die für ihr Handeln einen sozialen Rahmen herstellen, in ihrer Existenz bedroht sind. In der Europäischen Union ist unter dem Stichwort "Untying Aid" längst von einer weitgehenden Liberalisierung der Hilfe die Rede, um sie gänzlich den Marktmechanismen zu unterwerfen. Mit Macht drängen profitorientierte Unternehmen darauf, an den expandierenden Ausmaßen der global geleisteten und zu leistenden Hilfe partizipieren zu können. Zug um Zug wird Hilfe zu einem ganz normalen Geschäft.

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Diese Ökonomisierung geschieht auch mit der sozialen Arbeit im Inland.

Wenn die Spenderinnen und Spender jetzt kritisch nachfragen, was denn mit den Millionen passiert, droht den Hilfsorganisationen nicht dann der eigentliche Super-GAU?

Bettina Gaus: Hilfe ist bereits ein ganz normales Geschäft. Die Schäden, die sie anrichten kann, sind für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung häufig größer als ihr Nutzen. Das liegt daran, dass viele Akteure nicht international vernetzt sind. Und sie handeln wie im Computerspiel. Nach dem Motto, wir probieren mal etwas, mal sehen, ob es etwas nutzt. Manchmal erscheint die Hilfe umso sinnvoller, je weniger man davon versteht. Gegen den Bau einer Schule in einem Flüchtlingslager kann niemand etwas einwenden. Nur: Wenn das Flüchtlingslager ein Transitlager ist, dann hat die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Lager die entsetzliche Folge, dass die Leute dort bleiben, ohne eine dauerhafte Existenzperspektive zu haben.

Fragt sich nur, ob eine größere Öffentlichkeit das weiß, bzw. ob sie es jetzt im Zuge der Hilfseinsätze nach dem Tsunami erfahren wird...

Cornelia Füllkrug-Weitzel: ...Dagegen hilft nur, die Qualitätsunterschiede deutlich zu machen. Eine qualitativ sinnvolle und gute Hilfe braucht einen langen Atem, eine umfassende gesellschaftspolitische und ökonomische Analyse sowie deren Berücksichtigung. Sie bedarf der Menschen und Partner vor Ort, die selbst diese Hilfe steuern.

Thomas Gebauer: Das sehen wir bei medico genauso - und fügen hinzu, dass es darauf ankommt, genau diese Komplexität von Hilfe auch öffentlich herauszustellen. Dem Mythos des kompetenten weißen Helfers, der auf scheinbar völlig hilflose Opfer trifft, muss widersprochen werden. Er stimmt genauso wenig wie die weitverbreitete Vorstellung einer Hilfe, die überparteilich und neutral sei. Die Idee, Hilfe mische sich nicht ein und verfolge keine Interessen, stimmt einfach nicht. Das Problem beginnt ja schon mit der Frage, wer Hilfe erhalten soll und wer nicht. Schon das ist eine politische Frage. Und dennoch behauptete kürzlich der Bundesaußenminister, dass selbst die humanitäre Hilfe, die die Bundesregierung leistet, neutral sei. Unter solchen Umständen muss man sich nicht wundern, wenn nun alle ohne Rücksicht auf die politischen Rahmenbedingungen, ohne Analyse der Situation vor Ort und ohne Partner einfach "draufloshelfen". Von Qualität ist dann keine Rede mehr. Das ist übrigens auch das Problem der Partnerschaftsinitiative, die der Bundeskanzler ins Spiel gebracht hat. All die gutgemeinten Angebote von Schulen, Krankenhäusern, Städten werden eine Enttäuschung erleben, wenn sich herausstellt, dass von Neutralität und Interessenfreiheit keine Spur ist.

Claudia von Braunmühl: Der komplexe Kontext existiert nicht nur auf der Geberseite, sondern auch auf der Empfängerseite. Auch dort geht es um Macht bis hin zum Kampf um Geschlechterordnungen. Wenn einmal ein Lager eingerichtet wurde, dann finden massive Auseinandersetzungen und Gewalttätigkeiten insbesondere gegen die Frauen statt, so dass bereits die Einrichtung eines Lagers als eine höchst zwiespältige Hilfsmaßnahme zu betrachten ist.

Frau Gaus schlug Vernetzung als Weg für eine qualitativ sinnvolle Hilfe vor...

Cornelia Füllkrug-Weitzel: ...Ich würde nicht mit jedem zusammenarbeiten. (Einwurf von Frau Gaus: Da gebe ich Ihnen recht.) Aber selbst in unserem globalen kirchlichen Netzwerk ACT produziert eine sinnvolle Vernetzung neue Probleme. Wir haben nun beschlossen, nicht nur in der Katastrophen- sondern auch in der Entwicklungshilfe kontinuierlich zusammenzuarbeiten. Die sinnvolle Idee war, dass wir unsere Mittel bündeln wollen, um tatsächlich tiefgreifende Veränderungen bewirken zu können. Dies stellt unsere Partner jedoch auch vor Probleme. Die Geber könnten zu einer geballten Macht werden. Und die Empfänger im Süden verlieren möglicherweise selbst ihre kleine Macht, uns wenigstens gegeneinander auszuspielen. Wir stehen darum vor der Aufgabe, eine globale Netzwerkstruktur zwischen Partnerkirchen und –NGOs im Süden und den Hilfsorganisationen im Norden zu entwerfen, die die ohnehin bestehende Asymmetrie der Macht nicht noch verstärkt, sondern verringert. Keine leichte Aufgabe.

Thomas Gebauer: Das Ziel müsste also weniger eine Vernetzung zwischen Nord-NGOs sein, als vielmehr eine Vernetzung mit unseren Partnern im Süden. medico hat beispielsweise, und ich denke, dass ist bei Brot für die Welt ähnlich, eine ganze Reihe von Partnerorganisationen, mit denen uns nicht nur die Finanzierung in konkreten Hilfsprojekten verbindet, sondern vor allem das gemeinsame politische Bemühen um einen gerechten Zugang zu einer angemessenen Basisgesundheitsversorgung. Dazu gehören auch indische und srilankische Partner, mit denen wir seit längerem in politischen Netzwerken zusammenarbeiten und die wir nun, in der konkreten Notsituation, auch mit Ressourcen unterstützt haben. Solche Vernetzungen haben zwei Standbeine: die Politik und die Hilfe. Sie bewegen sich mit konkreten Maßnahmen ganz bewusst in einem gesellschaftlichen Kontext.

Kann sich denn eine derart vernetzte Hilfe und Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort so vor drohendem Missbrauch schützen?

Bettina Gaus: Nehmen wir nur die Situation in Aceh. Das Dilemma dort ist doch kaum aufzulösen. Die Bevölkerung erhofft sich von der internationalen Präsenz Schutz vor dem entfesselten Militär. Die Hilfsorganisationen stehen jedoch in jedem Fall vor der Frage, ob sie den Machtmissbrauch der Militärs öffentlich machen oder nicht, weil sie fürchten, ihre Quelle zu verraten und zu gefährden. Die Militärs sind den ausländischen Organisationen dankbar, denn sie sorgen mit ihrer Hilfe für Ruhe und Ordnung…

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Gerade wegen dieser Dilemmata in komplexen Situationen sind manche mit großem moralischen Pathos vorgetragenen Schuldzuweisungen oder Forderungen nach klaren Positionierungen ethisch oft nicht so wertvoll, wie sie scheinen. Man behauptet, man wisse einen Weg aus den Dilemmata, und sammelt doch vor allen Dingen mit diesen einfachen Lösungen viel Geld. Leider kommen diese Auftritte auch bei einem politisierten, kritisch denkenden Publikum sehr gut an. Auch wenn solche schlichten Zuspitzungen mit einer kritischen Öffentlichkeitsarbeit, wie wir sie hier fordern, nichts zu tun haben. Humanitäre und Entwicklungshilfe ist kompliziert und sie steckt voller moralischer Dilemmata. Vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes beanspruchen wir nicht – und müssen es darum auch nicht behaupten -, nur das Reine, Richtige und Gute zu tun. Wir sind uns darüber bewusst, dass wir Fehler machen und politisch missbraucht werden, so sehr wir uns um Qualität und wirkungsvolle Hilfe bemühen mögen. Hilfe, die sich dieser Komplexität stellt und sie auch offen anspricht, ist absolut sinnvoll. Ganz im Gegenteil zu den "reinen" Lösungen, die sich häufig als Lösungen mit dem "Holzhammer" erweisen.

Die entscheidende Frage ist nach wie vor, wie wird geholfen. Im Falle des Tsunami wird unsere Hilfe soweit nur irgend möglich über lokale Partner geleistet. Unsere eigene Präsenz vor Ort ist so klein wie möglich und damit auch unsere Manipulierbarkeit durch Regierungen und Militär. Unsere Partner vor Ort, darunter auch Menschenrechtsorganisationen, die wir zum Teil seit Jahrzehnten kennen, wissen, wie die Hilfe so zu gestalten ist, dass sie nicht von Machthabern umgewidmet, missbraucht oder instrumentalisiert werden kann. Deshalb müssen sie in der Analyse der Situation und in der Bestimmung des Bedarfs absoluten Vorrang haben.

Ist es wirklich so schwierig, die verschiedenen Interessenslagen vor Ort darzustellen und aus dieser öffentlichen Diskussion einen Steuerungsmechanismus zu entwickeln, damit die ungeheure Hilfsbereitschaft sich auch sinnvoll niederschlägt?

Thomas Gebauer: Unsere Partner aus Sri Lanka erzählen folgendes: Viele Organisationen seien ins Land gekommen und haben alle dieselben Floskeln benutzt: Ownership, Partizipation, Partnerorientierung. Sie taten so, als würden die lokalen Partner über ihre Arbeit selbst bestimmen. Aber dann kam die Forderung, dass sie alle Bauprojekte durchführen sollten, damit man etwas sieht, damit man die Ergebnisse den Gebern und Spendern sichtbar machen kann. Aber keiner war bereit, die Handykosten zu finanzieren. Dabei war das Handy absolut notwendig, um dort zu agieren und die Aktivitäten zu koordinieren. Wenn man so will: die Grundlage für Ownership und Partizipation.

Bettina Gaus: Da beißt sich die Katze in den Schwanz. So lange sich die Organisationen nicht einigen und gegen die scheinbare Vernunft der Spender agieren, die am liebsten Patenschaften für ein Kind übernehmen würden, so lange werden die Handykosten nicht übernommen. Solange die Organisationen nicht anfangen zu sagen: Verwaltungskosten sind nötig, es gibt Missbrauch von Hilfe, trotzdem müssen Handykosten bezahlt werden, und lieber Spender, ihr müsst nicht immer etwas sehen. Solange das nicht auch in die großen Medien kommuniziert wird, solange wird es schwierig für alle, die es anders machen.

Die FAZ titelte bereits "Hilfe ist politisch" und in Klammern "eben nicht neutral". Erleben wir nicht zum ersten Mal, dass die Zeitungen diesen komplexen Zusammenhang aufgreifen?

Bettina Gaus: Sie überschätzen die Wirkung dieser einfühlsamen Reportagen. Es gibt einen Höhepunkt des Interesses, dann kommt die Frage, ob deutsche Kinder von den Flutbildern traumatisiert werden, dann ist die aktuelle Berichterstattung vorüber. Danach kommt eine Berichterstattung über Hilfe. Dann ist das Thema ausgereizt. Nach einem Jahr folgt die Jubiliäumsberichterstattung, dann nur noch blasse Erinnerungsgeschichten.

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Und es wird die Berichterstattung über Missbrauch der Hilfe folgen. Denn im Gegensatz zu allem, was wir bislang erlebt haben, ist diese Katastrophe mit den üblichen Mechanismen und Arbeitsformen nicht zu bewältigen. Sehr viel Geld muss in sehr kurzer Zeit umgesetzt werden. Das ist sehr schwierig und führt zu einer harten Konkurrenz der Organisationen um Partner, Projekte und lokale Mitarbeiter, die einander und der lokalen Zivilgesellschaft abgeworben werden. Jede humanitäre Hilfsorganisation steht unter dem Zwang, die Gelder in zwei Jahren umsetzen zu müssen. Was zu einer irrationalen Ausgabenpolitik führt.

Bettina Gaus: Wäre es nicht an der Zeit, eine Kampagne gegen die Zweckgebundenheit von Spenden zu führen? Die Spender sollten sich für eine Organisation entscheiden und, wenn eine Katastrophe ihr Mitgefühl weckt, dann auch dieser Organisation das Geld geben.

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Aber der Trend ist doch genau umgekehrt. Wir können uns nicht dagegen zur Wehr setzen, dass die Welt ein globales Dorf geworden ist und dass darin gerade die Menschen, die über Geld verfügen, sehr mobil sind. Dazu gehört auch, dass eine globale Kommunikation existiert, in der man sich direkt verständigen kann. Daraus entsteht der Trend, dass man keine Organisation mehr unterstützt, sondern sein Geld am liebsten noch selbst hinbringt.

Thomas Gebauer: Nun haben wir gerade jetzt eine neue Situation. Denn die vielen Kommunen, Institutionen, Einrichtungen, die gern eine dauerhafte Partnerschaft eingehen würden, sind an einer langfristigen Kooperation interessiert. Ich frage mich, ob es gelingen kann, diese Bereitschaft im Sinne einer intelligenten Hilfe nutzbar zu machen. Wäre es nicht sogar möglich, das darin aufscheinende Bewusstsein von globaler Verantwortung auf andere Probleme umzulenken, statt nur auf diese – zynisch gesprochen – überfinanzierte Tsunami-Katastrophe?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ich fürchte, die Menschen haben eine andere Vorstellung von Langfristigkeit. Wir verstehen darunter Strukturhilfe, Prozesse, die zur nachhaltigen Verbesserung der Menschenrechts-, der ökonomischen und sozialen Lage der Menschen führen. Viele Interessenten an Partnerschaften verstehen darunter den Kauf von Fischerbooten. Das ist höchstens mittelfristig.

Claudia von Braunmühl: Sollte man nicht so etwas wie einen Nach-Tsunami-Watch organisieren, der kontinuierlich von den Dilemmata und Schwierigkeiten berichtet?

Thomas Gebauer: In der Tat haben uns die Partner aus Sri Lanka und Indien genau dies vorgeschlagen. Aber es ist sehr aufwändig und kostet viel Geld. Denn es bedeutet zu recherchieren: Wie wird mit den Mitteln umgegangen? Kommen sie denen zugute, die ihrer bedürfen? Was für politische Konsequenzen resultieren aus dem Post-Tsunami-Geschehen? Wir haben bereits beschlossen, das zu unterstützen.

Bettina Gaus: Sollte das DZI (Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen, Anm.), das die Spendensiegel vergibt und das immer dafür kritisiert wird, dass es nur formal prüft, nicht auch die Qualität prüfen?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ich wäre sehr dafür. Nach der Elbflut gab es bereits einen Vorschlag, dass das DZI nach einem Jahr die Maßnahmen prüfen sollte. Hinterher stellte sich heraus, dass es mächtige Gegner dieser Idee gab. Vielleicht sollten sich mehrere Organisationen zusammentun und das fordern. Eine öffentliche Evaluation des Tsunami-Geschehens müsste sehr sorgfältig und differenziert auch die Handlungszwänge darstellen, sonst könnte sie verheerende Folgen haben und zu einer totalen Spendenmüdigkeit führen. Denn gerade in dieser Katastrophe waren viele ungewöhnliche und neue Faktoren wirksam, die dazu beitragen werden, dass vieles vermutlich schlecht laufen wird.

Thomas Gebauer: Evaluationen, wie sie bislang stattfinden, geschehen immer aus der Perspektive der Geber. Finanzgeber fahren hin und schauen, wie sich das Projekt entwickelt hat. Das ist eine sehr einseitige Perspektive. Der Post-Tsunami-Watch, den wir mit unseren Partnern aus dem People's Health Movement in Indien und Sri Lanka begonnen haben, ist weitaus ambitionierter. Er geschieht aus der Sicht der Betroffenen. Und er wird sich in einem globalen Nord-Süd-Netz bewegen, zu dem indische genauso wie südafrikanische, lateinamerikanische oder deutsche Initiativen gehören.

Geht es nicht, auch im Sinne der Unterscheidbarkeit, vielmehr um eine Politisierung der Hilfe, die dann auch mit den geeigneten Mitteln besser in der Öffentlichkeit kommuniziert werden müsste?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Einverstanden. Nur: Wenn meine Fundraiser frisch von einem Seminar über gutes Spendensammeln kommen, bringen sie eine ganz andere Vorstellung von Kommunikation mit der Öffentlichkeit mit als die, die wir hier diskutieren. Wir müssten bei den Fundraising-Akademien anfangen, die geradezu apodiktisch verkünden, wie "professionelles Spendensammeln" auszusehen hat. Diese Strategien haben mit der Vermittlung von dem komplizierten Unterfangen der Hilfe nichts zu tun. Sie betreiben immer eine Antiproblematisierung.

Thomas Gebauer: To keep the story simple. Und positiv muss sie sein. Das ist die gängige Strategie des Geldsammelns. Gerechtigkeit verkümmert zur "guten Tat" und die tröstet dann über den Mangel an Gerechtigkeit hinweg. Ich glaube, wir müssen deutlich machen, dass die Hilfe allein die Not nicht beseitigen kann, sondern nur ein Element unter vielen Handlungsformen sein kann, um die Welt zu verändern. Soweit ich sehe, ist doch unser gemeinsames Ziel, die Hilfe entbehrlich zu machen.

Das Gespräch führten Katja Maurer und Martin Glasenapp Anfang Februar 2005 in Berlin.

Veröffentlicht am 19. August 2005

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