Sri Lanka

Zehn Jahre Tsunami, zehn Jahre Nothilfe

Mullaittivu nach dem Tsunami
Mullaittivu nach dem Tsunami. Einer der besonders schlimm getroffenen Orte an der tamilischen Nordküste Sri Lankas. (Foto: Thomas Seibert, medico; Januar 2005)

Von Thomas Seibert

Am 26. Dezember 2004 wurde Südasien von einem Seebeben heimgesucht, dem 220.000 Menschen zum Opfer fielen: damals die größte bekannte Naturkatastrophe der Geschichte. Obwohl medico in keinem Tsunami-Land Projektpartner hatte, entschieden wir uns nach Abstimmung mit dem People’s Health Movement, Nothilfe zu leisten. Wir taten das nicht nur wegen des Ausmaßes der Katastrophe. Wir ahnten, dass der Tsunami zur Bewährungsprobe jeder Form der Hilfe werden würde, auch der
unseren.

Die ersten zwei Wochen


Auf Sri Lanka kostete der Tsunami 38.000 Menschen das Leben, weitere 500.000 Menschen verloren ihre Hütten und Häuser. Den Obdachlosen provisorische Unterkunft zu schaffen, war die erste Aufgabe der Nothilfe. Allerdings lebten zu dieser Zeit bereits 350.000 Menschen in meist sehr ärmlichen Lagern. Sie hatten ihre Heimat als Vertriebene des dreißigjährigen Bürgerkrieges zwischen der singhalesisch-buddhistischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilisch-hinduistischen Minderheit verloren.

Trotzdem verlief die erste Phase der Nothilfe auf Sri Lanka deutlich besser als in allen anderen Ländern. Einheimische Hilfsorganisationen waren schnell vor Ort, niemand musste hungern, es gab keine Epidemien und keine Plünderungen. Die den Rebellen zugehörige „Tamil Rehabilitation Organisation“ (TRO) half singhalesischen Fischern ebenso sorgfältig wie das buddhistische Hilfswerk „Sarvodaya“ tamilischen Fischern beistand. In der Hauptstadt Colombo verabredeten Regierung und „Tamil Tiger“-Rebellen eine gemeinsame „Post-Tsunami Operational Management Structure“ (P-TOMS), die sicherstellen sollte, dass die internationale Finanzhilfe angemessen verteilt würde.

Knapp zwei Wochen nach dem Tsunami landeten über 300 ausländische Hilfsorganisationen auf der Insel und setzten sofort Budgets ungeahnten Ausmaßes um. Zwar geschah das oft guten Willens, doch fast immer ohne Kenntnis der Bürgerkriegsverhältnisse. Damit nicht genug: Viele ausländische Helfer hatten keine Verbindungen, kein Personal, keine Infrastruktur. Also kauften sie Grundstücke und Büros, brachten ihre Jeeps ins Land und – ihre Konkurrenzen. Bald gab es Streit um zu betreuende „Begünstigte“, um Land, um Zugang zu Behörden und Personal. Deshalb zahlten viele der „Internationalen“ fünf, manche sogar zehn Mal so viel Lohn wie die einheimischen NGOs, von denen nicht wenige ihre Büros schließen mussten: sie verloren ihre Mitarbeiter oder wurden komplett übernommen.

Die Regierung erklärte alle Strände zu Staatseigentum und untersagte den Flutvertriebenen die Wiederansiedlung – aus „Sicherheitsgründen.“

Ein Handstreich zugunsten des nationalen und internationalen Tourismus, der die von den armen Fischerdörfern geräumten Gebiete leichthändig in Verwahrung nahm: Anfang eines „Booms“, der noch heute anhält. Die internationale Hilfe verlegte ihre Flüchtlingslager bereitwillig ins Landesinnere: Hilfe, so hieß es, sei auf Kooperation mit den Behörden verpflichtet und deshalb politisch strikt neutral.

Neutralität und Parteilichkeit


Wenn die „Tamil Rehabilitation Organisation“ und „Sarvodaya“ gleichermaßen tamilischen und singhalesischen Tsunami-Überlebenden beistanden, war das allerdings nicht der „Neutralität der Hilfe“ geschuldet, sondern dem 2002 geschlossenen Waffenstillstand. Seitdem waren die „Tamil Tiger“ im Norden und Osten de facto Staatsmacht, Sri Lanka auf dem Weg in eine noch auszugestaltende Doppelstaatlichkeit. Weil das „P-TOMS“-Abkommen diesen Prozess vertieft hätte, wurde es gezielt zu Fall gebracht. Beide Seiten verletzten jetzt den immer brüchigeren Waffenstillstand. Als im November 2005 ein neuer Präsident gewählt wurde, nötigten die „Tiger“ die meisten Tamilen zum Wahlboykott und trugen so zum Sieg des singhalesischen Hardliners Mahinda Rajapaksa bei.

Vom People’s Health Movement gut beraten, hatte medico die in solcher Lage besten Partner gefunden: Tamilen und Singhalesen, die keiner der beiden Bürgerkriegsparteien verbunden und trotzdem nicht „neutral“ waren. Während sich viele internationale NGOs auf Wellblechdörfer für Tsunami-Überlebende beschränkten und die manchmal nur wenige Hunderte Meter entfernten Zeltlager der Kriegsvertriebenen einfach ignorierten, ermöglichte der tamilische medico-Partner SEED Flut- und Kriegsopfern einen gemeinsamen Neuanfang. Während der militärische Konflikt eskalierte, beteiligte sich SEED an der vom singhalesischen medico-Partner „Movement for National Land and Agricultural Reform“ (MONLAR) initiierten „People’s Planning Commission“ (PPC). Der landesweite Zusammenschluss von Graswurzel- und Basisgruppen protestierte im Süden wie im Norden gegen die Vertreibung der Fischer von den Stränden. „Gelingt es uns nicht, den Überlebenden des Tsunami und des Krieges das Land zu sichern, das sie für ein besseres Leben brauchen“, sagte uns der MONLAR-Gründer Sarath Fernando, „dann hat auch der Frieden keine Chance. Neutralität können wir uns gar nicht leisten.“

Der Kessel von Mullaithivu


Es dauert nicht einmal zwei Jahre, bis Saraths Warnung sich bewahrheitete. Zu dieser Zeit hatten die meisten ausländischen Hilfsorganisationen die Insel längst verlassen. Die singhalesische Armee schloss die tamilischen Gebiete von allen Seiten ein und trieb die „Tamil Tiger“ samt einer täglich wachsenden Zahl von Flüchtlingen auf die Ostküste zu.

Die „internationale Gemeinschaft“ sah dem tatenlos zu: der Krieg auf Sri Lanka war ein Feldzug mehr im weltweiten „Krieg gegen den Terror.“ Als die Rebellenhauptstadt Kilinochchi fiel, rief auch die UN ihre Helfer – und damit die letzten Zeugen zurück. Die Armee hatte jetzt freie Hand und schloss die letzten Rebellen und Hunderttausende von Flüchtlingen nahe dem Küstenort Mullaithivu ein. Nur drei Jahre zuvor hatte der medico-Partner SEED genau dort sein größtes Wiederansiedlungsprojekt eröffnet – ein Dorf für flutvertriebene Fischer und kriegsvertriebene Bauern. Was damals aufgebaut wurde, haben Tausende Menschen auf verzweifelter Flucht wieder niedertrampeln müssen.

Drei furchtbare Monate blieben die Flüchtlinge im „Kessel von Mullaithivu“, nach UN-Schätzungen starben in dieser Zeit 40.000 Menschen. Nach dem Ende des Krieges am 19. Mai 2009 legten die Sieger im Landesinneren den Lagerkomplex „Manik Farm“ an und internierten dort 300.000 Überlebende. Vor dessen Toren bezogen die SEED-Aktivisten zwei einfache Hütten. Tag für Tag versuchten sie, im Lager Lebensmittel zu verteilen, einfachste medizinische Hilfe und psychosoziale Unterstützung zu leisten: nicht jeden Tag ließen die Wachen sie passieren. Als Manik Farm 2011 geschlossen wurde, gründete SEED mit medico-Hilfe neue Flüchtlingsdörfer, in einem Land, in dem seitdem auf fünf Tamilen je ein singhalesischer Bewacher kommt.

Sri Lanka Advocacy


Zehn Jahre nach dem Tsunami ist Sri Lanka primär für Touristen von Interesse. Wo vor dem Seebeben Fischer siedelten, bieten Tourist Resorts heute Wellenreiten, Ayurveda-Kuren und scharfes Curry an. medico arbeitet noch immer mit den Partnern zusammen, die sich 2005 in der „People’s Planning Commission“ zusammenfanden. Das von medico koordinierte Netzwerk „Sri Lanka Advocacy“ streitet für die Aufklärung der Kriegsverbrechen aus der Zeit vor und nach dem Tsunami: den Kriegsverbrechen der 2009 ausgelöschten „Tamil Tiger“ und denen der Regierung, die noch immer im Amt ist.

Sarath Fernando, Gründer von MONLAR, ist am 7. September 2014 gestorben, er wurde 72 Jahre alt. Kurz vor seinem Tod zur Jubiläumsfeier der singhalesischen Universität geladen, an der er einst der Studentenbewegung beitrat, rief er ungefragt zu Spenden auf, für ein autonomes Wiederansiedlungsprojekt kriegsvertriebener tamilischer Bauern im Norden. Drei Millionen srilankischer Rupien kamen zusammen, etwas mehr als 18.000 Euro. Natürlich reicht das nicht, um Armut und Gewalt zu beseitigen. Aber Neutralität, das wusste Sarath besser als viele andere, können wir uns gar nicht leisten.

Kern der Arbeit des medico-Partners SEED sind Projekte, in denen Flüchtlinge und Vertriebene versuchen, sich wieder zu einer selbstbestimmten Gemeinde zusammenzufinden. So zielt ein laufendes Projekt auf den Aufbau einer dörflichen Infrastruktur für 195 Familien, die durch den Bürgerkrieg mehrfach vertrieben worden sind und in ihre Heimatgemeinden Chemamadu und Kallikulam zurückgekehrt sind. Im Rahmen des Projekts werden Wohnhäuser, Schulen und Brunnen gebaut, Ackerflächen angelegt und eine Gesundheitsstation etabliert. Ziel ist es, dass die Menschen ihre Grundbedürfnisse dauerhaft aus eigener Kraft befriedigen und ein Leben in Würde führen können.


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