Digitale Beweisführung

Warum es geschah

07.12.2016   Lesezeit: 3 min

Die Forschergruppe Forensic Architecture rekonstruiert den Brand in einer pakistanischen Textilfabrik. Das hilft den Opfern in ihrem Kampf um Entschädigung.

von Christian Sälzer

Wie konnte sich das Feuer in der Textilfabrik Ali Enterprises so schnell ausbreiten? Gab es Fluchtwege und waren sie zugänglich? Welche Brandschutzbestimmungen haben nicht gegriffen, wurden missachtet oder waren gar nicht existent, obwohl die Fabrik bei einer Kontrolle drei Wochen zuvor als Brandschutz-sicher eingestuft worden war? Diese Fragen münden in die entscheidende: Warum gab es bei der Katastrophe am 11. September 2012 im pakistanischen Karatschi für 259 Arbeiterinnen und Arbeiter keine Rettung? Antworten könnte ein neuartiger Ansatz der interdisziplinären Forschergruppe Forensic Architecture geben: Aus Zeugenaussagen, Raumanalysen und Satellitenaufnahmen erstellen sie eine 3D-Video-Simulation, die Aufschluss über denBrandhergang gibt. Und damit auch Hinweise auf Verantwortlichkeiten und Verantwortliche.

Seit einigen Monaten wird am Landgericht Dortmund über mögliche Entschädigungszahlungen an die Opfer des größten Industrieunfalls in der Geschichte Pakistans verhandelt. Angeklagt ist das deutsche Unternehmen KiK, in dessen Auftrag in der Fabrik Textilien gefertigt wurden. Das Gericht hat darüber zu urteilen, ob das Unternehmen eine Mitverantwortung für die Arbeitsbedingungen und damit auch für einen mangelnden Brandschutz trägt. Die Klage der Selbstorganisation der Hinterbliebenen könnte zum Präzedenzfall für die Unternehmenshaftung in einer globalen Produktion werden. Sie ist von der pakistanischen Gewerkschaft NTUF, der Anwaltsorganisation ECCHR und medico international mit vorbereitet worden. Mit der Londoner Forschergruppe haben die Kläger nun einen weiteren Partner an ihrer Seite.
 

Das Video wird erst nach dem Anklicken geladen. Dazu baut ihr Browser eine direkte Verbindung zu Youtube-Servern auf. Mehr Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.


Das Team aus Architekten, Computerspezialistinnen, Filmemachern, Anwältinnen und Wissenschaftlern hat wiederholt bei Menschenrechtsverletzungen die Beweisführung der Opferseite unterstützt – mit einem Ansatz, der die klassische Forensik in die digitale Ära überführt. Die Gruppe sammelt aus der Vielzahl verfügbarer Datenspuren und Bildaufnahmen – von Satellitenbildern bis Handyfotos – Material und rekonstruiert damit „Tathergänge“. Ihre Videoanalysen, Raummodelle und Simulationen von Abläufen sind deshalb so bedeutsam, weil Opfern vor Gericht nur selten die gleichen Mittel zur Verfügung stehen wie Regierungen, staatlichen Stellen und Militärapparaten. In diesen ungleichen Auseinandersetzungen verleihen die Berichte von Forensic Architecture den Zeugenaussagen mehr Gewicht.
 

So konnte das Team nachweisen, dass vor fünf Jahren 63 Flüchtlinge vor der libyschen Küste ertrinken mussten, obwohl ihre Notrufe empfangen worden waren und eine Seenotrettung durch NATO-Schiffe möglich gewesen wäre. Ihre Analysen belegten die zivilen Opfer US-amerikanischer Drohnenangriffe in Pakistan und rekonstruierten die israelische Kriegsführung bei den Bombenangriffen auf Gaza im August 2014. Anhand von Zeugenaussagen und akustischen Erinnerungen konnte Forensic Architecture Licht in die Vorgänge im syrischen Folterzentrum Saydnaya bringen. Ein interaktiver Onlinereport, der die Menschenrechtsverletzungen an den Ixils im guatemaltekischen Bürgerkrieg in den 1980er Jahren kartografiert, wurde in Strafprozessen gegen hochrangige Militärs und Ex-Diktator Ríos Montt verwendet. Nun also die Textilfabrik Ali Enterprises.

Bei der Analyse des Feuers in der Textilfabrik geht es nicht um Verbrechen staatlicher Institutionen, sondern um die strukturellen Ursachen eines „Unglücks“ in der globalisierten Ökonomie. Im ersten Schritt erstellt Forensic Architecture für den Prozess in Dortmund eine gerichtsverwertbare 3D-Video-Simulation des Brandhergangs. Im Weiteren soll ein Videobericht für Ausstellungen und Veranstaltungen entstehen, der auf die Gefährdung der Millionen Menschen aufmerksam macht, die in Fabriken im globalen Süden ungeschützt für den Weltmarkt produzieren. Schließlich sind die Bedingungen, die bei Ali Enterprise zur Katastrophe geführt haben, nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

medico unterstützt die Klage der Hinterbliebenen der Brandkatastrophe gegen KiK und fördert in diesem Zusammenhang auch die Arbeit von Forensic Architecture. Spendenstichwort: Textil


Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2016. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. <link material rundschreiben rundschreiben-bestellen>Jetzt abonnieren!


Jetzt spenden!