Essay

Vielsamkeit eines ausschweifenden Zusammenhangs

Foto: pixnio.com
Solidarisch lässt sich am besten in Gesellschaft sein.

Von Bini Adamczak

Das Gegenteil von Scheiße ist mit euch – so hat das Missy Magazine einen Text der Autorin und Theatermacherin Simone Dede Ayivi überschrieben, der mit einigem Recht als Hymne auf linke Solidarität bezeichnet werden kann. Solidarität nicht als Anspruch, Ideal, Programm, sondern als tatsächlich erfahrene, praktisch gelebte, real existierende. Solidarität bei der Besetzung des Hambacher Forsts oder im antifaschistischen Jugendzentrum, bei der Verhinderung einer Zwangsräumung oder im sexistischen Arbeitsalltag, bei der Seenotrettung oder in der Facebookgruppe. Ayivi stimmt ein Loblied an, das viel zu selten gehört wird – auf den zärtlichen und kämpferischen Aktivismus, dem Menschen in ihrer begrenzten Lebenszeit nachgehen, obwohl sie es genauso gut bleiben lassen könnten. Aber sie verschweigt auch nicht die Mühen der Solidarität, die Kraft geben wie Kraft kosten kann. Die zuweilen schwierige und schnelle Entscheidungen abverlangen. So in der Situation einer Polizeikontrolle vor einem Supermarkt, deren Dramaturgie Ayivi präzise rekonstruiert:

„Zwei Polizisten kontrollieren eine Person. Reden auf sie ein, verhalten sich grob und arrogant und wedeln ihr mit ihren Papieren vor dem Gesicht herum. Als sie versucht, danach zu greifen, ruft einer der Polizisten laut: ‚Hey! So was kannst du vielleicht zu Hause in Afghanistan machen, aber nicht hier bei uns in Deutschland.‘ Mein Bauch und mein Kopf geraten in  solchen Momenten in einen Konflikt, bei dem am Ende nie klar ist, wer eigentlich gewonnen hat: mein Bauch schickt mir den Impuls durch den Körper, sofort zu reagieren. Zu helfen – irgendwie! - oder wenigstens zu zeigen, dass ich da bin und die Situation mitbekomme. Soll ich den Vorgang filmen? Etwas rufen? Was? Mein Kopf versucht, mir die Gefahren aufzuzeigen. Sobald ich reagiere, kann das auch negative Folgen haben – bevor ich also einschreite, sollte ich zumindest den Ansatz einer Strategie entwickeln [...] Ich glaube, ich brauchte etwa vier Sekunden, bis sich etwas in meinem Mund formte, von dem ich heute nicht mehr weiß, was es mal werden sollte. Denn bevor ich sprechen konnte, geschah Folgendes: Person hinter mir: ‚Was sagen Sie denn da?‘ Person mit Kinderwagen neben mir: ‚Das ist rassistisch!‘ Person auf dem Fahrrad: ‚Sowas kannst du vielleicht bei dir zu Hause [...] sagen, aber nicht hier bei uns.‘“

Vielleicht ist die Szene eine Schlüsselszene der Solidarität. Das Entscheidende ereignet sich genau in dem Moment, in dem der innere Monolog, hier zwischen Bauch und Kopf, unterbrochen wird. Dessen Frage – Was soll ich tun? - erinnert nicht von ungefähr an die Frage – Was hättest du getan? –, mit der die Geschichtspädagogik in Deutschland so gerne operiert. Dabei wird selbst der Nationalsozialismus auf ein individuelles Dilemma von Mut und Märtyrertum reduziert: Das Unrecht und ich. Alle Möglichkeiten von gemeinsamem Widerstand sind aus diesem Bild gelöscht. Die Verantwortung lastet auf dem Individuum. Es ist genau diese neoliberale Vereinzelungsschlaufe, die in dieser Polizeikontrolle von den umstehenden Personen durchbrochen wird. In diesem Sinne ist es nicht völlig gleichgültig, dass die Geschichte in Kreuzberg spielt, einem Ort, der von einer jahrzehntelangen Tradition erfolgreicher politischer, etwa antirassistischer, Kämpfe geprägt ist. In einer sächsischen oder bayrischen Kleinstadt wäre das gleiche Verhalten der umstehenden Passantinnen etwas unwahrscheinlicher gewesen und damit zugleich noch etwas wundervoller. „Solidarisch ist, wer sagt und es auch meint: Du bist nicht allein!“, hat der Philosoph Arndt Pollmann formuliert. Mit Simone Dede Ayivi lässt sich hinzufügen: „Du bist nicht allein – auch nicht allein mit mir.“ Solidarität ist keine Identität, sie ist nichts, was ‚man hat‘. Sie ist auch kein Verhaltenskodex, dem man individuell folgt, keine Haltung von Helden. Solidarität findet vielmehr in Beziehungen statt, sie ist etwas, das sich zwischen uns ereignet. Die eigentliche Lebensatmosphäre der Solidarität, erfahren wir aus dieser Geschichte, bildet nicht die Zweisamkeit von Ich und Du, in der die meisten Ethiken und Moraltheorien beheimatet sind, sondern die Dreisamkeit, Viersamkeit, Vielsamkeit eines ausschweifenderen Zusammenhangs.

Solidarität ist keine Einbahnstraße

Solidarität erfreut sich heute großer Popularität – im Tagungstitel wie im Demoaufruf – weil sie ein Beziehungsgeschehen ist, das Trennungen überbrücken kann. Sie zielt auf Gleichheit, setzt diese jedoch nicht voraus. Deswegen ist sie eine attraktive Antwort auf die neoliberale Situation der gesellschaftlichen Fragmentierung, der politischen Zerklüftung und sozialen Vereinzelung. Die Aufgabe, diese neoliberale Spaltung zu überwinden, hat sich auch die Berliner Gruppe solA – solidarische Aktion Neukölln – gesetzt, die in der Nachbarschaft Unterstützung organisiert für Auseinandersetzungen mit dem Chef, der Vermieterin, dem Jobcenter. Wo Mietrecht, Lohnzettel, Eingliederungsverträge vereinzeln, will die solA verbinden. Damit zielt sie darauf, die lähmenden Gefühle von Scham und Schuld zu überwinden und den Stress denjenigen zurückzugeben, die ihn verursachen. Um jedoch eine solidarische Beziehungsweise zu etablieren, die an die Stelle von Vereinzelung wie Hierarchisierung tritt, reicht es nicht, Unterstützung zu organisieren. Wenn auf der einen Seite politische Aktivistinnen stehen und auf der anderen Seite „Betroffene“, von denen die einen den anderen kurzfristig oder dauerhaft helfen, droht die Gefahr der Sozialarbeit mit festen Positionen. Die solA begegnet der Gefahr, lediglich eine etwas emanzipatorischere, aber ehrenamtliche Sozialhilfe anzubieten, mit einer Reihe von Gegenmaßnahmen. Zunächst mit dem Anspruch, keine Stellvertreterinnenpolitik zu betreiben und also keine Probleme anzugehen, von denen niemand der Anwesenden betroffen wäre. Dann mit der Absichtserklärung, die Rollen innerhalb der Gruppe veränderbar zu halten. Zumindest letzteres gestaltet sich schwierig in der Praxis: wer sich in einer akuten Notsituation befindet, wird den Anspruch, nicht nur „passiv Unterstützung anzunehmen“, sondern sich aktiv auf Augenhöhe einzubringen, vielleicht als Überforderung erleben. Die Frage lautet also, ob diejenigen, die Unterstützung erfahren haben, wieder getrennte Wege gehen, wenn sie die Unterstützung nicht mehr brauchen oder ob sie Teil des solidarischen Netzwerkes bleiben. Für solidarische Politik ist diese Frage von weitreichender Bedeutung, sie lässt sich auch für die antirassistische und die internationalistische Arbeit stellen: Können Unterstützte Unterstützerinnen werden?

Eine solidarische Beziehungsweise erschöpft sich nicht in der mechanischen Wahrnehmung geteilter Interessen. Tatsächlich ist es sogar möglich, Solidarität über getrennte, gar entgegengesetzte Interessen hinweg zu gestalten. In Bremen und Hamburg haben Menschen, die auf Behindertenassistenz angewiesen sind, Genossenschaften gegründet, um sich von der Willkür der Ämter und üblichen Träger zu emanzipieren. Die Genossenschaften stellen Assistent_innen an, die je nach Budget und Stundenlohn für eine bestimmte Zeit Assistenzleistungen verrichten. Der Widerspruch der Interessen bezüglich Höhe des Lohns und Länge der Arbeitszeit lässt sich nicht einfach auflösen. Es ist zu erwarten, dass die Verhandlungen zwischen der Genossenschaft der Assistenzbedürftigen und dem Betriebsrat der Assistenzkräfte eher auf Augenhöhe stattfinden als die üblichen Beziehungen in staatlichen und privaten Pflegesystemen. Darüber hinaus verweist aber das geteilte Interesse daran, das zur Verfügung stehende Budget zu erhöhen, auf die Bedingungen unter denen Care-Beziehungen hier wie dort stattfinden. Ein solidarischer Umgang mit den widersprüchlichen Interessen löst die bestehenden Spannungen nicht einfach auf, er legt vielmehr die Frage nahe, ob nicht auch die ökonomischen Fernbeziehungen geändert werden müssten, um einen solidarischen Umgang in der Nähe zu ermöglichen. Das ist die Frage nach einer antikapitalistischen Care-Revolution.

Solidarität ist  revolutionär

Solidarität ist kein bloßes Mittel, zu dem wir greifen, weil wir gemeinsam nun mal stärker sind. Sie ist kein Instrument, dessen wir uns bedienen, um unsere individuellen Interessen durchzusetzen  und das wir wieder vergessen könnten, sobald wir unsere Absichten verwirklicht haben. Sie ist aber auch keine Utopie, die in weiter Ferne liegt. Solidarität ist nicht einfach ein Ziel, das wir auf eine Fahne oder in ein Programm schreiben könnten, um es dort zu vergessen. In diesem Sinne braucht eine solidarische Beziehungsweise nicht die ungleichen Ausgangssituationen der durch sie Verbundenen zu leugnen, aber sie kann diese Ungleichheit auch nicht als gegebene und bleibende hinnehmen. Als Subcomandante Marcos ein Honorar von 600 US-Dollar, das er für ein Interview erhalten hatte, an die streikenden Arbeiterinnen von Turin spendete, schuf er damit auch eine Erzählung, die sich rasch verbreitete. Die Erzählung handelt von der Komplexität globaler Machtverhältnisse, in der ein mexikanischer Intellektueller besseren Zugang zu Ressourcen haben kann als ein italienischer Beschäftigter bei Fiat. Sie ist zugleich eine Erzählung von Solidarität, in der die Akteurinnen ihre zugewiesenen Plätze verlassen. Die, die Hilfe erhalten, maßen sich an, selbst zu helfen. Etwas Ähnliches geschah während des Arabischen Frühlings als Demonstrierende in Ägypten sich auf Plakaten mit den streikenden Arbeiterinnen Wisconsins solidarisierten, deren Kämpfe selbst wiederum von den Aufständen in Nordafrika und Südeuropa inspiriert waren. Diese Gesten der Ermächtigung erinnern uns daran, dass Solidarität keine karitative Beziehungsweise ist. Sie verträgt sich nicht mit der hierarchischen Einseitigkeit des Paternalismus. Solidarität ist in Vergangenheit und Gegenwart eine bereits machbare Erfahrung. Sie ist zugleich ein Verlangen danach, alle Verhältnisse umzustürzen, die ein solidarisches Leben für alle verunmöglichen.

Bini Adamczak (Berlin) arbeitet hauptsächlich als Autorin und Künstlerin. Ihr Buch „Communism for Kids“ löste 2017 in den USA einen rechten Shitstorm aus. Zuletzt erschienen „Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman“ und „Beziehungsweise Revolution“.


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2019. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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