Porträt

Über die Deportation zur Politik

Ousmane Diarra. (Foto: medico)
Einst selbst abgeschoben kämpft Ousmane Diarra nun für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten.

„So jemanden wie Ousmane und seine Geschichte kann man nicht erfinden“, meint sein langjähriger Freund und Weggefährte Moussa Tchangari aus Niger. Anders als bei dem intellektuellen nigrischen Journalisten hat erst die eigene Erfahrung der Abschiebung zur Politisierung von Ousmane und seinen Mitstreitern geführt. Moussa und Ousmane gehören beide einem von medico geförderten Partnernetzwerk in Westafrika an, das grenzüberschreitend für Freizügigkeit und gegen die Vorverlagerung der europäischen Grenzen nach Afrika streitet. Als Präsident und Mitbegründer der Association Malienne des Expulsées (AME) setzt sich Ousmane in Mali für die Rechte von Abgeschobenen ein und unterstützt sie nach der Ankunft in einem Land, das für sie kein Zuhause (mehr) ist.

Ousmane weiß aus eigener Erfahrung, was das bedeutet. 1996 wurde er, ein Kaufmann ohne formale Ausbildung, nach vielen Jahren in Angola zurück nach Mali abgeschoben. Diese unfreiwillige Rückkehr hat ihn sehr geprägt. Er ließ sich nicht unterkriegen und gründete gemeinsam mit anderen Abgeschobenen und Unterstützern die AME. Seit nunmehr über zwanzig Jahren bietet die Selbstorganisation von Abgeschobenen psychosoziale Begleitung für unfreiwillig Zurückgekehrte in Mali an und setzt sich für die Rechte von Migrantinnen und Migranten ein. Ihr Einfluss reicht inzwischen nicht nur bis in die zuständigen Ministerien in Mali; auch Regierungsdelegationen aus Europa nehmen die AME zur Kenntnis und legen Wert auf ihre Expertise. 2016 wurde Ousmane Diarra für sein Engagement für die Rechte von Migranten und Flüchtlingen mit der höchsten Auszeichnung seines Landes, der Ehrenmedaille, ausgezeichnet. Eine bemerkenswerte Auszeichnung für einen unbequemen und nicht korrumpierbaren Kritiker auch der eigenen Regierung.

Kennengelernt haben wir Ousmane im November 2006 auf der Suche nach überzeugenden Partnern, die sich in Westafrika für die Rechte von Migrantinnen und Migranten engagieren. Seither vermittelt er uns die Perspektive westafrikanischer Migrationsgesellschaften auf die Auswirkungen europäischer Politik und erklärt uns, was Eingriffe in die Bewegungsfreiheit für eine auf Mobilität basiernde Kultur bedeuten. Auch wenn es um aktuelle Themen wie „freiwillige“ Rückkehr geht, ist Ousmane unser Experte vor Ort. Er kritisiert die Unfreiwilligkeit der sogenannten „freiwilligen“ Rückkehr scharf und antwortet ebenso einfach wie treffend auf die Frage, was er davon halte, dass viele Menschen in Europa die Afrikanerinnen und Afrikaner als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen: „Ja, klar, die fliehen vor einem ausbeuterischen Wirtschaftssystem.“

Trotz der schwierigen Situation in Mali und trotz einer Weltlage, die immer mehr Menschen zur Flucht zwingt, bewahrt sich Ousmane seinen zurückhaltenden Optimismus, der sein politisches und humanitäres Engagement antreibt: „Ich weiß, dass die Veränderung eines Tages kommen wird –noch bevor die Welt untergeht.“

Felice Lagrange/Ramona Lenz 


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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